Missbrauch: "Täter machen ihre Opfer zu braven Soldaten"

Missbrauch: "Täter machen ihre Opfer zu braven Soldaten"

  • Psychologin zur schwierigen Lage von Missbrauchsopfern
  • Fehlende Unterstützung richte zusätzlichen Schaden an
  • Behörden müssten besser aufgestellt sein

Zwischen den Missbrauchsfällen von Lügde und Bergisch Gladbach gibt es Querverbindungen. Vor diesem Hintergrund erklärt Psychologin Julia von Weiler im Interview die schwierige Lage von Missbrauchsopfern.

WDR: Wenn Missbrauchsfälle öffentlich werden, liegen diese oftmals schon länger zurück. Wie ist es möglich, dass Täter sie so lange im Verborgenen halten können?

Julia von Weiler: Die Täter und Täterinnen schaffen für die Opfer ausweglose Drohkulissen. In einem Fall wie Lügde gibt es etwa mehrfache Meldungen bei der Polizei, die nicht richtig bearbeitet werden. Dass so etwas so lange passieren kann, hängt häufig mit der Situation in den Behörden zusammen: Ursache kann eine Kombination aus zu wenig Personal, schlechter Ausbildung, Überforderung und Realitätsverleugnung sein.

Julia von Weiler

Die Diplom-Psychologin Julia von Weiler arbeitet seit fast 30 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Seit 2003 ist sie Geschäftsführerin des deutschen Vereins von "Innocence in Danger"- einer weltweiten Bewegung gegen sexuellen Missbrauch.

WDR: Was bedeutet all das für die Betroffenen?

von Weiler: Für sie ist das furchtbar. Aus ihrer Perspektive sind die Taten offensichtlich und passieren scheinbar in der Öffentlichkeit. Wenn sie dann um Hilfe fragen und diese nicht bekommen, fühlen sie sich noch hilfloser und ausgeliefert. Außerdem haben sie zu Recht das Gefühl, die Täter und Täterinnen seien übermächtig. Sie denken dann, dass alle zugeguckt und sich nicht interessiert haben.

Missbrauch: Signale von Kindern werden oft nicht verstanden

WDR 2 31.01.2019 03:58 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 2

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WDR: Es gibt das gängige Bild, dass Missbrauchsopfer irgendwann auch zu Tätern werden können. Was halten Sie davon?

von Weiler: Das Bild ist nicht gut, weil die Realität viel komplexer ist. Opfer werden nicht immer zu Tätern. Und wenn ihnen aus der Motivation heraus geholfen wird, dass sie nicht zu Tätern werden sollen, ist das der falsche Ansatz. Ihnen muss geholfen werden, weil ihnen Unrecht geschehen ist.

Es gibt aber tatsächliche Fälle, wo Täter ein Interesse daran haben, weitere Täter zu "produzieren". Denn wenn sie ihre Opfer zu Tätern machen, bringen sie die zum Schweigen und haben Beweise gegen sie. Und es geht darum, Nachwuchs für das Netzwerk zu schaffen. Sie machen ihre Opfer quasi zu braven Soldaten.

WDR: Wie muss die Politik auf Missbrauchsfälle reagieren?

von Weiler: Ich bin froh, dass NRW-Innenminister Herbert Reul bei den Missbrauchsfällen inzwischen von einer Epidemie spricht. Die Politik muss Ressourcen bereitstellen: für die Strafverfolgungsbehörden, die Beratungsstellen und die Jugendämter. All diese Behörden brauchen ausreichendes gut ausgebildetes Personal und müssen gut miteinander vernetzt sein. Dazu sind finanzielle Mittel nötig. Es reicht nicht, wenn die Politik als Reaktion immer nur von Aufklärung spricht. Während aufgeklärt wird, geschieht Missbrauch weiterhin. Wir brauchen beides: Aufklärung und Intervention.

Das Gespräch führte Anna Palm.

Hilfsangebote bei sexuellem Missbrauch

 "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“: 0800 2255530

Bundesweite, kostenfreie und anonyme Anlaufstelle für Betroffene von sexueller Gewalt, für Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten

"berta - Beratung und telefonische Anlaufstelle": 0800 3050750

Für Menschen, die von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt betroffen sind, betroffen waren oder damit als helfende Person und/oder Fachkraft konfrontiert werden. 

Stand: 15.01.2020, 22:03

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