Rezos Erfolg: Was hat die Politik verpasst?

Rezos Erfolg: Was hat die Politik verpasst?

Mit seinem Video hat Rezo Millionen junger Menschen für politische Themen interessiert. Politiker haben diese Chance noch gar nicht erkannt, sagt Blogger Martin Fehrensen.

WDR: Wäre das deutsche Ergebnis der Europawahl ein anderes, wenn der Youtuber Rezo seinem Publikum vorher nicht geraten hätte, weder CDU noch SPD noch AfD zu wählen?

Martin Fehrensen: Schwer zu sagen, da bräuchte man handfeste Zahlen. Es scheint aber, dass die Videos von Rezo einen Nerv getroffen haben bei der jungen Generation, die schon seit Monaten mobil macht für Klimaschutz und eine zukunftsgewandte Politik.

Martin Fehrensen - Social Media Watchblog

Martin Fehrensen ist Journalist und Blogger. In seinem "Social Media Watchblog" beobachtet er Debatten und Entwicklungen in den Sozialen Medien.

WDR: Wieso erreichen die etablierten Parteien diese Generation nicht? Sind sie auf den falschen Kanälen unterwegs?

Fehrensen: Die etablierten Parteien pflegen durchaus auch seit Jahren Social-Media-Auftritte – aber nur eindimensional: Sie nutzen diese Kanäle, um ihre Botschaften zu senden, aber ohne den direkten Austausch mit einer Community, ohne über ihre Themen in eine Diskussion einzutreten, wie es die Youtuber tun. Politiker machen das nur sehr vereinzelt – wie Lars Klingbeil oder Kevin Kühnert.

Das Community-Management solcher Kanäle ist allerdings sehr aufwändig. Das Publikum mit seinen Fragen wirklich abzuholen, Antworten zu geben, dafür haben die meisten Politiker gar keine Zeit. Fragt sich nur, ob ihnen künftig sozusagen von außen auferlegt wird, sich diese Zeit zu nehmen.

WDR: Wenn Politiker sich über eigene Kanäle äußern, heißt das aber auch, dass die Einordnung durch die klassischen Medien wegfällt. Die AfD zum Beispiel nutzt diese Möglichkeit schon rege.

Fehrensen: Da ist es doppelt interessant, wenn Annegret Kramp-Karrenbauer sagt, sie wolle sich darüber unterhalten, welche Rolle soziale Medien bei der politischen Willensbildung spielen. Sie selber hatte ja mal vorgeschlagen, einen eigenen Newsroom zu etablieren, wo man dann selber "Herr" darüber sein könne, was gesendet wird.

Youtuber Rezo

Youtuber Rezo

Während die Presse als Vierte Gewalt ausgeschaltet wird, erleben wir die sozialen Medien als neue Fünfte Gewalt: Das, was Politiker über ihre Kanäle hinausblasen, wird hier von einer kritischen Öffentlichkeit eingeordnet. Die klassischen Medien werden eher zum Moderator dieser Dispute.

WDR: Müsste Youtube dennoch verhindern, dass ein Blogger vor bestimmten Parteien warnt oder sie der Lüge bezichtigt?

Fehrensen: Bitte nicht! Es darf nicht sein, dass ein privates Unternehmen darüber entscheidet, was Recht und Unrecht ist, wo Satire beginnt oder was eine Lüge ist. Viel wichtiger ist, dass wir als Gesellschaft Medienkompetenz entwickeln, genauer hinschauen: Wer ist der Absender, wie glaubwürdig ist er, mit welchen Inhalten meldet er sich sonst zu Wort? Nicht alles für bare Münze zu nehmen, sondern hinterfragen, was uns da präsentiert wird.

Das Interview führte Nina Magoley.

Stand: 28.05.2019, 16:46

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