Kita-Leiterin: "Wir haben viel zu wenig Zeit für Kinder"

Wand voller Kinder-Gummistiefel in einer Kita

Kita-Leiterin: "Wir haben viel zu wenig Zeit für Kinder"

  • Erzieher aus ganz NRW protestieren in Düsseldorf
  • Interview mit einer Kitaleiterin
  • Forderung: Mehr Personal, neue Ausbildungskonzepte

Kita-Mitarbeiter aus dem ganze Land demonstrieren am Donnerstag (23.05.2109) in Düsseldorf gegen das geplante NRW-Kitagesetz. Sie fordern größere Investitionen in die Kinderbetreuung. Auch Kitaleiterin Sonja Kern aus dem sauerländischen Arnsberg ist dabei. Der WDR hat mit ihr über den Kita-Alltag gesprochen.

WDR: NRW will ab 2020 1,3 Milliarden Euro in die Kindertagesbetreuung investieren. Das sind doch gute Nachrichten. Warum gehen Sie trotzdem auf die Straße?

Sonja Kern

Kitaleiterin Sonja Kern

Sonja Kern: Ja, das sind gute Nachrichten. Aber wenn man sich die Situation vor Ort anschaut, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und wenn man sich den neuen Gesetzentwurf durchliest, bedeutet der neue Personalschlüssel sogar noch eine Kürzung. Dabei sind wir jetzt schon am Limit und personell unterbesetzt.

WDR: Das heißt, Gesetze, die jetzt schon gelten, können gar nicht eingehalten werden?

Kern: Wir sollen ja jetzt schon flexiblere Öffnungszeiten anbieten oder vielen Kindern die Über-Mittag-Betreuung möglich machen. Aber das ist weder räumlich noch personell zu stemmen.

Ein Beispiel: In einer Gruppe von 25 Kindern arbeiten eineinhalb Fachkräfte. Wenn mir dann die Vollzeitkraft durch eine Grippe für eine Woche ausfällt, dann steht die Teilzeitkraft alleine da und muss aber die gleiche Arbeit leisten. Die Kinder haben trotzdem ihre Bedürfnisse, müssen zur Toilette, streiten sich, fallen oder haben Trennungsschmerz. Dazu kommen noch Kinder mit Sprachproblemen oder motorischen Auffälligkeiten.

WDR: Müssen Erzieher in Kitas heute mehr Aufgaben erfüllen als zum Beispiel vor 20 Jahren?

Kern: In den letzten 12 Jahren ist viel dazu gekommen. Zum Beispiel Sprachförderung und Dokumentation. Wir müssen Entwicklungsberichte schreiben und viele Gespräche mit Eltern oder auch Kinderärzten führen. Wir müssen Konzepte schreiben und Datenschutzregeln einhalten - und das alles mit den gleichen Stunden. Die Bertelsmann Stiftung fordert, dass ein Viertel einer Vollzeitstelle für solche Arbeiten genutzt wird, aber das ist schön gerechnet. Da kommt man nicht mit hin.

WDR: Gibt es bei den Personal-Engpässen einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

Becher mit Namen in einer Kita

Personalkriese in Kitas: Genug Zeit für Kinder?

Kern: Es fing in den Großstädten eher an und ist jetzt auch bei uns angekommen, weil es seit Jahren schon keinen Erzieher-Nachwuchs gibt. Der schulische Weg ist nicht finanziert, das heißt, die Schülerinnen bekommen kein Gehalt. Wenn Praktikantinnen schon mitbekommen, was in den Kitas los ist, fördert das nicht gerade die Motivation, den Job zu erlernen.

Unser Problem ist aber gar nicht so sehr das Geld. Natürlich freut man sich über 50 Euro mehr im Monat, aber was nutzt mir das, wenn ich extrem viel Stress habe. Viele geben den Job auch auf, weil sie eigentlich Kinder in ihrer Entwicklung begleiten wollten - aber genau dafür ist kaum noch Zeit. Und den Stress, den wir haben, der kommt auch bei den Kindern an.

Das Gespräch führte Katja Goebel

Stand: 23.05.2019, 12:30

Kommentare zum Thema

4 Kommentare

  • 4 Anonym 24.05.2019, 07:39 Uhr

    Ich habe als Erzieher gearbeitet und aufgegeben. Meine Kinder werden keine Kita besuchen. Wir haben uns mit anderen Familien zusammengeschlossen, um den Kindern Kontakte zu bieten. Lieber verzichten wir auf unnötigen Konsum, als die kommende Generation sinnlos zu verheizen. Als wären Politiker zu dumm, zu wissen, dass man eine höhere Qualität nicht mit Geiz und Sparmaßnahmen (Es sind Sparmaßnahmen, trotz Erhöhung!) erreicht. Natürlich wissen sie es. Aber meine Vermutung ist, dass das heranwachsen einer ungebundenen und unglücklichen Generation die Wirtschaft ankurbelt. (Konsum, Suchtmittel, Tabletten...) Die Abhängigkeit ist damit größer und somit ein Volk auch leichter zu regieren. Vielleicht ist auch genau das damit gewünscht? Ich hoffe zwar nicht, aber mir fällt es anhand der Entscheidungen oftmals schwer, noch das Gute in der Politik zu sehen. Und das gilt flächendeckend für alle Parteien.

  • 3 Anke 23.05.2019, 21:20 Uhr

    Es gibt nicht genug Erzieher auf dem Markt. Es werden KiTas gebaut ohne Personalnachwuchs, hahaha. Wer soll den dort arbeiten? Es sind ja jetzt schon zu wenig Erzieher in den bestehenden KiTas. Warum dürfen die Kinderpfleger/innen in den U2/U3 Gruppen nicht mehr arbeiten???? Die Kinderpfleger/innen könnten uns in der jetzigen Situation sehr unterstützen, aber das KiBiz verbietet dies?! Ich frage mich ernsthaft WARUM?????

  • 2 Frida 23.05.2019, 20:05 Uhr

    In der Kindergartenlandschaft stimmt wenig. Der Personalschlüssel ist viel, wirklich viel zu gering. Die Bezahlung der Fachkräfte und Leitungen ist ebenfalls viel zu gering. Politiker reden: Erzieherinnen müssen mehr verdienen, Männer müssen in den Beruf, Frauen droht aufgrund von geringem Einkommen Altersarmut, Kinder sind unsere Zukunft. Alles nur Blablabla. Kommt ein neues Gesetz, wird eingespart. Die Situation kann sich so nicht verbessern. So wird Politikverdrossenheit erzeugt. Frustrierend und ernüchternd! Die Quittung kommt bei den Wahlen und in der nächsten Generation, die die Auswirkung des Mangels in Betreuung und Bildung zeigen wird.

  • 1 Knauth 23.05.2019, 17:30 Uhr

    So ist leider die Realität. Die Politik redet scheiße schön und weit weg von der Basis. Was man Jahre versäumt hat kann man mit ein paar Gesetzesänderung beschönigen. Es wird Zeit das hier die pädagogische Fachkräfte sich Gehör verschaffen zur Not auch für ein Tag die Woche die Kitas schließen.

    Antworten (1)
    • amaria 24.05.2019, 14:40 Uhr

      Leider gibt es auch viele Eltern, die sich die Betreuung ihrer Kinder schön reden, um kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie die Jüngsten in Vollzeit betreuen lassen. Sehen wir es mal nüchtern: Eine 25-Stunden-Betreuung ermöglicht meist noch nicht einmal das Arbeiten auf einer Teilzeitstelle. Bei 35 Stunden pro Woche aber müssten Krippenkinder aus dem Mittagsschlaf geweckt werden, was alles andere als erstrebenswert ist. (Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Kleinkinder eigens für den Besuch eines "Kinderparadieses" aus dem Schlaf geholt werden. Also buchen immer mehr Eltern auch für die Jüngsten die 45-Stunden-Betreuung. Und uns Erziehern kippen rutschen während des Mittagessens schon mal die Kleinsten vom Stuhl. Also wird die Essenszeit vorverlegt, mit dem Nachteil, dass die Kinder nicht selten kürzer draußen spielen können. (Denn während des Beginns des Mittagsschlafs soll es so ruhig sein, dass die Kleinen nicht wieder aufstehen wollen...)

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