Kindesmissbrauch: "Das Schweigen brechen"

Kindesmissbrauch: "Das Schweigen brechen"

  • Kommission legt Bericht zu Missbrauch vor
  • Vorsitzende fordert mehr institutionelle Hilfe
  • Familienbereich ist oft der Tatort

Die Bilanz ist bitter: Es geht um kollektives Schweigen und ein flächendeckendes Versagen, für das die Gesellschaft heute die Verantwortung übernehmen muss. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat am Mittwoch (03.04.2019) in Berlin ihren Bilanzbericht nach drei Jahren Tätigkeit vorgelegt.

Das Ergebnis: Die Gesellschaft hat nicht nur versagt, Kinder vor Missbrauch zu schützen. Auch als Erwachsenen wird den Opfern Unterstützung nicht gewährt. Wir haben mit der Vorsitzenden der Kommission, Sabine Andresen, gesprochen.

WDR: Frau Andresen, Sie haben jetzt drei Jahre lang Berichte von Opfern sexuellen Missbrauchs gesammelt. Wie persönlich hat Sie das angefasst?

Prof.Dr. Sabine Andresen

Sabine Andresen

Sabine Andresen: Mich persönlich als Erziehungswissenschaftlerin fasst immer stark an, wenn Betroffene berichten, wie sie das als Kind erlebt haben: Wie sie versucht haben, zu verstehen was passiert und nach Wegen gesucht haben, dass der Missbrauch zu Ende geht.

WDR: Es passiert oft in Familien. Wie können wir als Gesellschaft in diesen geschützten Raum einwirken?

Andresen: Ich glaube, Elternbildung müsste das Ziel haben, Kinder und ihre Rechte, Gewaltfreiheit, anzuerkennen. Aber Familien brauchen auch gute Unterstützung. Und das von Anfang an. Also: Anlaufstellen, Beratungsstellen, frühe Prävention. Denn Kinder können sich im Zweifelsfall nicht lösen von ihrer Familie.

WDR: Wie müssten Strukturen verändert werden, damit das Umfeld nicht wegschaut?

Andresen: Das Schweigen brechen, ist ein ganz großes Thema. Zunächst einmal müssen wir das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und seiner Folgen, welche die ganze Biografie der Betroffenen begleiten, anerkennen. Dann müssen wir bereit sein, hinzuschauen und vor allem zuzuhören.

Und wir brauchen überall dort, wo Kinder sind, fähige Erwachsene, die auch in einem Verdachtsfall in der Lage sind, zu helfen. Sich selbst bei einer Fachberatungsstelle Unterstützung zu holen. Aber das setzt natürlich voraus, dass Fachberatungsstellen vorhanden sind und ihre Finanzierung gesichert ist. Das ist ganz wesentlich.

Das Interview führte Michael Dietz, Aktuelle Stunde.

Stand: 03.04.2019, 20:00

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