Nachbarschaft in Zeiten von Corona: "Reden hilft!"

Drei ältere Menschen stehen jeweils auf ihren eigenen Balkonen und unterhalten sich.

Nachbarschaft in Zeiten von Corona: "Reden hilft!"

  • Krisenlage kann neues Gemeinschaftsgefühl fördern
  • Corona-Krise birgt aber auch Konfliktpotenzial
  • Interview mit Dr. Iris Hauth, Fachärztin für Neurologie und Psychiatire

Nachbarschaft in der Corona-Krise - das ist viel Hilfe, das ist aber auch Konflikt. Sagt Psychiaterin Iris Hauth im WDR-Interview anlässlich des "Tags der Nachbarn" am Freitag (29.05.2020). Was rät sie Nachbarn in dieser Zeit? Hauth ist Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee.

WDR: Ihre Einschätzung als Psychiaterin: Wie wichtig sind Nachbarn in der Corona-Krise?

Dr. med. Iris Hauth

Dr. med. Iris Hauth

Dr. Iris Hauth: Eine Situation wie diese hatten wir seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wir können ihr nicht entfliehen, sondern müssen vieles aushalten: Kontaktbeschränkungen, Existenzsorgen, Doppelbelastungen. Ein Wir-Gefühl mit den Nachbarn kann da ein Stresspuffer sein.

WDR: Aktionen wie das gemeinsame Applaudieren auf dem Balkon sind also wichtig für uns?

Hauth: Absolut – und zwar nicht nur als Solidaritätsbekundung für die Helfer, sondern auch für das Gemeinschaftsgefühl und das Wissen, dass man mit der Situation nicht alleine ist. Eine der wichtigsten Empfehlungen für die seelische Gesundheit in der Krise ist, sich auszutauschen.

WDR: In Großstädten kennen viele Menschen ihre Nachbarn kaum – wie geht man aufeinander zu?

Hauth: Meine Erfahrung ist, dass die Corona-Krise das aufeinander zugehen etwas leichter gemacht hat. Der Mund-Nasen-Schutz, die Kontaktbeschränkungen, das sind Themen, über die wir ins Gespräch kommen.

Und wir können mit Taten aktiv werden: Wenn ich einem Nachbarn eine Freude machen kann, ist das ein wichtiges positives Gefühl in der ganzen Bedrückung.

WDR: Führt die Corona-Krise auch zu neuen, unerwarteten Kontakten?

Hauth: Man entwickelt eine verstärkte Identifikation mit dem eigenen Wohnviertel. Wir müssen uns in diesem direkten Umfeld neu zurecht finden. Hier können wir uns nach der Krise fragen: Was davon war eine Bereicherung und welche Kontakte will ich weiter pflegen?

WDR: Die einen müssen zu Hause arbeiten. Die anderen sind froh, wenn sich die Kinder im Garten austoben können. Wie schaffen wir es hier, Konflikte zu vermeiden?

Hauth: Die Corona-Lage wirkt wie ein Brennglas, in dem sich Konflikte verstärken. Auch hier hilft: Reden. Das Gespräch suchen und Kompromisse finden. Es ist wichtig, dass wir in Kontakt und nicht mit den negativen Gefühlen alleine bleiben.

WDR: Was ist Ihr Tipp, wenn der Puls dann doch mal auf 180 ist und man gerne gegen die Wand hämmern möchte?

Hauth: Ich rate vor allem zu Sport. Eine Runde durch den Park laufen oder ein Online-Workout zu Hause machen. Je nach Typ hilft auch Meditieren oder ein Achtsamkeitstraining.

Stand: 29.05.2020, 06:00

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