Wirbel um Grönemeyer-Aussagen: "Absurde Debatte"

Johannes Hillje beim Pressegespräch

Wirbel um Grönemeyer-Aussagen: "Absurde Debatte"

  • Autor und Politikberater Johannes Hillje im Interview
  • Debatte um Grönemeyers Tonlage sei "absurd"
  • "Ein Zeugnis von den Dynamiken der Öffentlichkeit"

Der Autor und Politikberater Johannes Hillje erkennt in der Kritik an Herbert Grönemeyer bekannte Muster der AfD. Er macht aber auch eine Verunsicherung der gesellschaftlichen Mitte aus.

WDR: Herbert Grönemeyer hat sich bei einem Konzert klar gegen "Rassismus und Hetze" positioniert. Dafür wird er massiv kritisiert. Hat Sie das Ausmaß überrascht?

Johannes Hillje: Dass er Kritik von AfD-Politikern bekommt, ist nichts Überraschendes. Mich überrascht aber, mit welchen Begriffen und mit welcher Vehemenz andere Nutzer in den sozialen Netzwerken darauf aufspringen und zum Teil Goebbels-Vergleiche anstellen. Das halte ich für unangemessen.

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer

Aber mich überrascht auch, dass jenseits von solchen Zuspitzungen auch Menschen, die man eher der gesellschaftlichen Mitte zuordnen würde, eine Kritik äußern, weil die Tonlage von Grönemeyer etwas drastischer war oder er sich möglicherweise nicht politikwissenschaftlich präzise ausgedrückt hat. Das sind aber sehr skurrile Maßstäbe für einen Popstar wie Herbert Grönemeyer. Ich finde diese Debatte wirklich absurd.

WDR: Was glauben Sie, woher kommt die Kritik aus der Mitte?

Hillje: Es gibt eine Verunsicherung in der gesellschaftlichen Mitte wegen des Drucks von Rechtsaußen. Die AfD hat nach bekannter Strategie reagiert. Sie behauptet, das sei Goebbels-Sprache und autoritär und hat Heiko Maas direkt in ihre Vorwürfe einbezogen. Die AfD möchte mit solchen Beschuldigungen den Fokus von sich weglenken. Sie sieht sich ja selbst Extremismusvorwürfen ausgesetzt.

Diese Ablenkungsstrategie kennt man: Immer wenn die AfD auf Rechtsextremismus angesprochen wird, verweist sie auf Linksextremismus. Diese Diskurs-Strategie sorgt offenbar für Verunsicherung, und dadurch geraten Bewertungsmaßstäbe ins Wanken.

WDR: Die Aussage hat zunächst nicht für Wirbel gesorgt. Jetzt kommt die Kritik zeitversetzt und über Online-Netzwerke.

Hillje: Das ist ein Zeugnis von den Dynamiken der Öffentlichkeit heutzutage. Debatten werden heute auch aus sozialen Netzwerken angestoßen und können dann sehr breite Kreise in den klassischen Medien ziehen. Wir erleben immer öfter, dass aus einer Empörung in sozialen Netzwerken eine breite öffentliche Debatte wird. Der Grad der Empörung entscheidet dann über die Relevanz.

Ich habe das Gefühl, dass Medienvertreter und Politiker nicht immer richtig einschätzen, was eigentlich gesellschaftliche Relevanz ist, wenn in den sozialen Medien etwas hochkocht. Empörung ist ungleich Relevanz.

Nach journalistischen Kriterien sollte Grönemeyers Äußerung doch keine Nachricht wert sein und die Debatte nicht als "Kontroverse" taugen, wie es nun manche Medien betiteln. Gesellschaftliche Konsense werden aufgebrochen, wenn eine Aussage gegen Rassismus eine Kontroverse auslösen kann.

Das Gespräch führte Felix Wessel.

Stand: 15.09.2019, 21:36

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