Antisemitismus-Prävention in der Jugendarbeit: "Auch Schweigen richtet Schaden an"

Stern auf der Synagoge in Halle

Antisemitismus-Prävention in der Jugendarbeit: "Auch Schweigen richtet Schaden an"

Die Anschlagspläne auf die Hagener Synagoge zeigen, wie wichtig bei Jugendlichen Präventionsarbeit ist, um Antisemitismus vorzubeugen. Der Duisburger Pädagoge Burak Yilmaz macht das seit vielen Jahren. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen.

WDR: Stimmt es eigentlich, dass viele muslimische Jugendliche antisemitische Einstellungen haben? Oder ist das ein Vorurteil?

Pädagoge Burak Yilmaz

Burak Yilmaz

Burak Yilmaz: Also Datenerhebungen gibt es dazu nicht. Studien sagen, dass in der gesamten Gesellschaft 20 Prozent der Menschen eine Neigung zu antisemitischen Einstellungen haben. Und aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es solche antisemitischen Tendenzen auch in der muslimischen Community gibt.

"Solche antisemitischen Einstellungen können religiös motiviert sein. Dann gibt es noch die politische Motivation." Pädagoge Burak Yilmaz

WDR: Gibt es unter muslimischen Jugendlichen denn spezielle Motive für Antisemitismus?

Yilmaz: Solche antisemitischen Einstellungen können religiös motiviert sein. Jüdinnen und Juden werden dadurch als Kontrahenten gesehen und - ähnlich wie in christlichen Traditionen - mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Dann gibt es noch die politische Motivation: Dabei wird der Staat Israel dämonisiert und ihm wird sein Existenzrecht aberkannt. Das hat auch viel mit Verschwörungsmythen zu tun.

WDR: Sie arbeiten schon lange pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen zu den Themen Antisemitismus und Rassismus. Was hat Sie dazu motiviert, gezielt Projekte für muslimische Jugendliche aufzubauen?

Yilmaz: Bei meiner Arbeit im Jugendzentrum wurden einige Jugendliche von Gedenkstättenfahrten an ihrer Schule ausgeschlossen. Sie durften nicht mitfahren, weil man ihnen unterstellte, dass sie sich antisemitisch verhalten würden. Da war ich entsetzt und wollte etwas dagegen tun.

Antisemitismus-Beauftragte: "Brauchen breites Bildungsniveau"

WDR 5 Mittagsecho 16.09.2021 04:39 Min. Verfügbar bis 16.09.2022 WDR 5


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WDR: Sie haben deshalb unter anderem ein Projekt aufgebaut, in dem Sie mit muslimischen Jugendlichen eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz machen. Wie läuft das genau ab?

Yilmaz: Ich mache das einmal im Jahr mit zehn Jugendlichen. Das Ganze wird natürlich vorbereitet: Vor der Abreise sprechen wir intensiv über die Biographie der Jugendlichen, arbeiten ihre eigene Familiengeschichte auf. Außerdem geht es um die kritische Selbstreflexion eigener Vorurteile und Stereotype. Das schafft eine persönliche Bindung zu dem Thema. Die Fahrt dauert eine Woche, im Anschluss erarbeiten wir ein Theaterstück. Das wird dann an Schulen und in Theaterhäusern aufgeführt.

WDR: Wie reagieren die Jugendlichen darauf?

Yilmaz: Sie bekommen ein anderes Bewusstsein für Antisemitismus. Sie verstehen zum Beispiel, dass neben antisemitischen Äußerungen auch Schweigen großen Schaden anrichten kann, weil Schweigen Zustimmung signalisiert. So begreifen sie, wie Rassismus und Antisemitismus die Gesellschaft spalten - und wie wichtig es ist, sich für Demokratie einzusetzen. Durch ihre Präsenz auf der Bühne beziehen sie auch Stellung. Sie zeigen, dass es in der muslimischen Community auch Menschen gibt, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen. Diese Menschen stehen viel zu selten im Vordergrund.

WDR: Und wie sind die Jugendlichen auf der Bühne?

Yilmaz: Lebendig und lebhaft! Sie fragen das Publikum provokant: "Was ist denn ernst an eurem Kampf gegen Antisemitismus, wenn ihr antisemitische Geflüchtete abschieben wollt, aber antisemitische Deutsche in den Bundestag wählt?" Auch schüchterne Jugendliche kommen voll aus sich heraus. Sie bekommen ein neues Selbstbewusstsein, Mut und ein anderes Verständnis von Zivilcourage. Und dadurch, dass nach den Aufführungen noch Gespräche mit dem Publikum zur Aufarbeitung geführt werden, öffnen sich neue Fenster. So klar wird in Deutschland selten über Antisemitismus gesprochen.

Das Interview führte Anna Palm.

Stand: 16.09.2021, 17:57

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