Was steckt hinter Angriffen auf Sanitäter oder Lehrer?

Učenici gadjaju nastavnicu loticama od papira

Was steckt hinter Angriffen auf Sanitäter oder Lehrer?

  • Angriffe auf Rettungssanitäter sind keine Seltenheit
  • Polizei, Lehrer und Ärzte erleben zunehmende Gewalt
  • Forscher: Gesellschaft immer stärker ich-bezogen

An fast der Hälfte aller Schulen verzeichnet der Verband Bildung und Erziehung mittlerweile Gewalt gegen Lehrer. Auch Ärzte sind zunehmend Opfer: Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung werden täglich etwa 75 Ärzte attackiert, über 2.000 beschimpft.

Studien der Uni Bielefeld unter der Leitung von Professor Andreas Zick bestätigen, dass es allein zwischen 2009 und 2014 einen deutlichen Anstieg der "Gewaltbilligung und -bereitschaft" in der Bevölkerung gab.

WDR.de: Was sind die Ursachen für diese zunehmende Gewalt?

Prof. Andreas Zick: Unsere Studien zeigen, dass die Gesellschaft wettbewerbsförmiger wird. Umfragen ergaben, dass bei einem Viertel der Bevölkerung soziale Normen und Wertvorstellungen wie Solidarität oder Zivilcourage der Wahrnehmung gewichen sind, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der man sich durchsetzen muss.

Andreas Zick

Andreas Zick, Jahrgang 1962, ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

WDR.de: Wie äußert sich das?

Zick: Zum Beispiel, indem bei Großevents – Konzerten, Festivals – Rettungskräfte und Polizei zunehmend als Störenfriede für das eigene Unterhaltungserleben betrachtet werden. Weil sie "mein Erlebnis stören, mein Durchkommen". Dieses Denken finden wir auch bei Staus durch Unfälle. Statt den Weg frei zu machen, haben die meisten für sich das Ziel: "Ich muss hier durchkommen, zu meiner Arbeit." Die Perspektive ist nicht auf die aktuelle Notsituation gerichtet, sondern auf sich selbst.

WDR.de: Welche Rolle spielt öffentliche Hetze etwa in den Sozialen Medien bei der Zunahme von Gewalt?

Zick: Dadurch, dass wir in den letzten Jahren sehr viel Hetze, Hass und Vorurteilsbildung zugelassen haben, nehmen wir sie kaum noch ernst. Derweil verbreiten Rechtspopulisten, dass staatliche Institutionen die Kontrolle verloren hätten - und nehmen sich plötzlich das Recht auf Gewalt. Das ist brandgefährlich in Situationen, wo es Gewaltschutz braucht.

So wurden bei Angriffen auf Flüchtlingsunterbringungen Ärzte angegriffen, Rettungskräfte, Sozialarbeiter, Amtsträger. Sie wurden als Unterstützer eines feindlichen Systems angesehen.

WDR.de: Was ist zu tun?

Zick: Zum Beispiel mehr Training, um Aggressionen und Gewalt richtig zu interpretieren - bei der Polizei, in Schulen, auf Ämtern, für Journalisten, die auch immer häufiger gewalttätig angegriffen werden.

Schulen müssen sich trauen, öffentlich darüber zu reden. Und die Medien sind gefragt: Einzelne Fälle von Gewalt durch Flüchtlinge oder Jugendliche werden schnell generalisiert. Jugendgewalt ist dagegen faktisch rückläufig.

Das Gespräch führte Nina Magoley.

Wut, Ärger, Amoklauf - Gewalt im Jobcenter

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 10.10.2018 18:18 Min. Verfügbar bis 09.10.2019 WDR 5

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Stand: 21.10.2018, 06:00

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