Kriminologe: Polizeifehler aufdecken - nicht vertuschen

Kriminologe: Polizeifehler aufdecken - nicht vertuschen

  • Viele Ermittlungsfehler im Fall Lügde
  • Kriminologe Feltes: Rechtfertigung der Polizei "peinlich"
  • Aufklärung nur dank Medienberichterstattung
Ein Geräteschuppen mit Kamerateam

Dieser Schuppen gehörte dem mutmaßlichen Sexualstraftäter

Erst fand das Abrissunternehmen, das die Campinghütte des mutmaßlichen Sexualstraftäters von Lügde entsorgen soll, weitere Videokassetten - dann einen ganzen Schuppen, der dem mutmaßlichen Sexualstraftäter gehörte.

Nicht entschuldbare Fehler der Polizei, meint der Kriminologe Thomas Feltes von der Uni Bochum.

WDR: Die Polizei sagt, sie hätte ohne richterlichen Beschluss diese Hütte nicht durchsuchen dürfen. Hat sie Recht?

Thomas Feltes: Nein. In dem Moment, wo Gefahr im Verzug ist, kann die Polizei natürlich durchsuchen. Diese Versuche, jetzt von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, sind nur peinlich.

WDR: Dass die Polizei die Abrissarbeiten nicht begleitet und überwacht hat - wie ordnen Sie diesen Fehler ein?

Feltes: Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. In diesem Gebäude hat sich ja alles abgespielt. Da muss ich doch damit rechnen, dass beim Abriss doch noch etwas zum Vorschein kommt. Also muss ich jemanden dort haben, der das beobachtet und kontrolliert. Das ist in meinen Augen ein unentschuldbarer Fehler gewesen.

WDR: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) verspricht ja schon seit Monaten Aufklärung. Dabei leisten einzig die Medien Aufklärung, indem sie immer wieder auf neue Pannen hinweisen.

Feltes: Das ist ein Punkt, der für mich als Kriminologe sehr wichtig ist: die Rolle der Medien. Ich gehe davon aus, dass in vielen Strafverfahren solche oder ähnliche Fehler von der Polizei gemacht werden. Nur werden sie nicht publik, weil die Medien sie nicht entdecken und die Verteidigung möglicherweise auch nicht ihren Finger hineinlegt. Ich denke tatsächlich, dass man hieraus lernen muss. Dass das Innenministerium und die Polizei darauf hinwirken, dass mit Fehlern konstruktiv umgegangen wird. Und nicht ständig versuchen, sie zu vertuschen.

WDR: Sie sagen also, dass das kein Einzelfall ist. Dabei reden wir hier von einer Behörde, von einem beschützenden, aufklärenden Organ. Offensichtlich läuft da ja etwas massiv schief. Was bedeutet das für uns Bürger?

Feltes: In Ermittlungsverfahren werden einfach Fehler gemacht, die in den meisten Fällen nicht publik werden, weil sie im Laufe des Strafverfahrens eben nicht von der Verteidigung oder der Staatsanwaltschaft bemerkt werden. In diesem Fall haben die Medien von Anfang an sehr genau hingeguckt. Das ist gut so und ich glaube auch, dass das in vielen anderen Fällen dazu mit beitragen wird, dass man dort ein bisschen genauer ermittelt.

Das Gespräch führte Thomas Bug.

Stand: 16.04.2019, 20:25

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