Clankriminalität: "Man kann sich entziehen"

Clankriminalität: "Man kann sich entziehen"

  • Kein Druck auf "normale" Verwandte
  • Schweigen gegenüber der Polizei
  • Enge soziale Bindungen

Ahmad Omeirate studiert in Berlin Islamwissenschaften. Der 34-Jährige libanesischer Herkunft sagt ganz offen, dass es in seiner weiten Verwandtschaft auch Kriminelle gibt. Er sieht die Ursachen in einem patriarchalischen Wertesystem und der Ausgrenzung der Zuwanderer in den 80er-Jahren.

WDR: Herr Omeirate, in TV-Serien über Clankriminalität haben einzelne Familienangehörige kaum Chancen, dem kriminellen Milieu zu entfliehen. Stimmt das?

Ahmad Omeirate: Das Clan-Recruiting funktioniert nicht so, wie es in den Serien dargestellt wird. In Wirklichkeit rekrutiert man nur jene, die über spezielles Wissen verfügen. Das heißt wenn ein krimineller Coup geplant ist, nutzt man Kontaktmänner, die entsprechende Informationen liefern können.

WDR: Sie und ihre Eltern waren nicht interessant genug? Oder haben sie einfach gesagt: Nein, das wollen wir nicht.

Omeirate: Meine Eltern haben schon in den 90er Jahren gemerkt, dass das sehr kriminelle Strukturen sind und sie in Deutschland für sich und ihre Kinder eine andere Zukunft geplant haben.

WDR: Und sie haben keinen Ärger bekommen, weil sie nicht mitmachen wollten?

Omeirate: Nein, es gibt keinen sozialen Druck, sich dem kriminellen Milieu zuzuordnen. Man kann sich dem entziehen, hat aber trotzdem weiterhin den Zugang zur Community.

WDR: Sie könnten also jederzeit einsteigen, wenn sie wollen?

Omeirate: Nicht in dem Sinne. Ich bin wohl nicht besonders interessant - auch weil ich dieses Interview gebe und mit diesen Themen an die Öffentlichkeit gehe.

WDR: Es wird also kein Druck auf Familienmitglieder ausgeübt, sich kriminellen Strukturen anzuschließen?

Omeirate: Es gibt natürlich einen Teil, der nach den Werten und Normen einer patriarchalischen Gesellschaft lebt. Und dort übt man auch Druck auf Mitglieder aus. Aber es gibt auch den anderen Teil, der eben nicht nach den Vorstellungen dieser Clans lebt und mit kriminellen Handlungen nichts zu tun hat. Aber diese üben auch keine Kritik an der eigenen Community aus. Sie hoffen, dass sich etwas verändert, aber tun nichts dafür.

WDR: Aber warum schweigen die Familienmitglieder gegenüber der Polizei? Auch jene, die den legalen Weg gehen? Aus Angst?

Omeirate: Nein, das ist ein geschlossenes System. Die sozialen Strukturen sind engmaschiger als anderswo. Man hat die Familien in den 80er Jahren an den gesellschaftlichen Rand gedrückt. Die Community ist dadurch gefestigt worden, Informationen werden an die Mehrheitsgesellschaft nicht herausgegeben.

Stand: 14.01.2019, 22:00

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