Kirchen-Umwidmung: "Emotional schwieriger Prozess"

Kirchenraum in der Evangelischen Kirche Gemarke

Kirchen-Umwidmung: "Emotional schwieriger Prozess"

  • Über 1.000 Kirchen in NRW sollen demnächst umgewidmet werden
  • Das ist für die Gemeinden eine Herausforderung
  • Architekt Jörg Beste aus Köln weiß, worauf zu achten ist

Bis 2030 könnte rund ein Viertel der 6.000 Kirchen in NRW außer Dienst gestellt werden. Das besagt eine Prognose der Landesinitiative Stadt-Bau-Kultur NRW 2020.

Zu den Fachleuten, die mit der Landesinitiative zusammenarbeiten, gehört auch Architekt und Berater Jörg Beste aus Köln. Er berät Gemeinden, die ihre Kirche umwidmen.

WDR: Herr Beste, wann wenden sich Gemeinde überhaupt an Sie?

Jörg Beste

Architekt Jörg Beste

Jörg Beste: Häufig sprechen mich Gemeinden an, die mit der Situation alleine überfordert sind. Die meisten trifft die Problematik, eine Kirche umwandeln zu müssen, zum ersten Mal.

Die Verantwortlichen engagieren sich - bis auf wenige - ehrenamtlich in ihrer Gemeinde. Und zwar nicht, um eine Kirche umzuwidmen. Das ist für sie eine ungewohnte Anforderung, die dann auch noch häufig mit einem schmerzlichen Verlust zu tun hat.

WDR: Was genau sind Ihre Aufgaben?

Beste: Bevor passende Ideen für die Umnutzung gefunden werden können, analysiere ich die Situation der Gemeinde. Wie hat und wird sie sich entwickeln? Dann schaue ich mir das städtebauliche und soziale Umfeld an – und Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung.

Weitere Fragen sind, ob das Gebäude unter Denkmalschutz steht und wie die Gebäudestruktur aussieht. Reicht die Belichtung beispielsweise aus, damit es als Wohn- oder Arbeitsbereich genutzt werden kann?

Ist die Analyse abgeschlossen, können wir Ideen für eine sinnvolle Umnutzung entwickeln. Die besten Ideen helfen einem allerdings nicht, wenn man keinen Interessenten findet. Das ist der zweite Schritt.

WDR: Wie finden Sie potentielle Käufer für Kirchengebäude?

Beste: Häufig spricht man dann Organisationen wie die Caritas und Diakonie zuerst an. Ist keine gemeinsame Einrichtung möglich, wendet man sich Institutionen aus der Umgebung wie Schulen oder Betriebe.

Eins ist in jedem Fall wichtig: Dass die Gemeinde versucht, sich zu einem Zeitpunkt mit der Zukunft einer Kirche zu beschäftigen, an dem sie noch Gestaltungsspielräume hat.

Hierfür sollte sie möglichst nicht bereits alle Gebäude und Flächen außer der Kirche verkauft haben.

WDR: Gibt es Situationen, in denen Umwidmungen besonders schwierig sind?

Beste: Schwierig wird es immer dann, wenn es zwei Gemeindestandorte mit zwei gleichwertigen Kirchengebäuden gibt. Dadurch entstehen in einer Gemeinde schnell Parteien, die sich für die eine oder die andere Kirche aussprechen.

Dann folgt ein sehr emotionaler Prozess, bei dem man nicht alle zufriedenstellen kann. Am Ende ist es schwierig, zu vermeiden, dass eine Partei als Verlierer dasteht.

Die Fragen stellte Claudia Wiggenbröker.

Stand: 07.06.2019, 13:53

Aktuelle TV-Sendungen