Arbeitszeiterfassung: "Grundsätzlich habe ich Bauchweh"

Stechuhr erfasst Arbeitszeit eines Mitarbeiters

Arbeitszeiterfassung: "Grundsätzlich habe ich Bauchweh"

Der EuGH will Arbeitgeber dazu verpflichten, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten systematisch zu erfassen. Arbeitspsychologe Prof. Michael Kastner sieht das kritisch.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur verpflichtenden Arbeitszeiterfassung löste auch in NRW kontroverse Diskussionen aus. Als "wirklichkeitsfremd" bezeichnete es Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW. Die Beschäftigten wünschten sich "flexible und moderne Arbeitszeitmodelle".

Als "wichtigen Schritt zum Schutz der Beschäftigten" sieht Verdi-Landesbezirksleiterin Gabriele Schmidt das Urteil. Nur so könne "einer Entgrenzung der Arbeitszeit Einhalt geboten werden".

Prof. Michael Kastner vom Herdecker Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) ordnet das EuGH-Urteil für den WDR im Interview ein.

WDR: Wie bewerten Sie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs?

Prof. Michael Kastner im WDR-Interview

Prof. Michael Kastner

Prof. Michael Kastner: Der Grundgedanke, dass man diese Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben begrenzen muss, ist erst einmal richtig in Hinblick auf die Gesundheit.

WDR: Welche Voraussetzungen sind dabei entscheidend?

Prof. Kastner: Zum Beispiel, dass man sauber trennen kann zwischen Arbeit und Freizeit. Und dass der Datenschutz geklärt ist.

WDR: Wie kann Arbeitszeit erfasst werden, welche Modelle gibt es?

Prof. Kastner: Rein technisch ist es ja kein Problem. In dem Moment, wo Sie Ihren Computer anschalten, würde die Zeit loslaufen. Oder Sie können es über das Smartphone regeln. Die Frage ist, inwieweit das zu absoluter Kontrolle führt. Man sieht permanent, wann Sie online sind oder nicht. Und ein Erfassungssystem lädt natürlich auch ein zu Manipulationen.

WDR: Inwiefern?

Prof. Kastner: Ich kenne viele Firmen, da gehen die Leute abends raus, checken sich aus und gehen wieder rein, ohne sich neu einzuloggen. Die Fähigkeit des Menschen, Regeln zu umgehen, ist meistens höher als die, Regeln zu schaffen.

WDR: Ist Zeiterfassung überhaupt sinnvoll, um Arbeit zu bewerten?

Prof. Kastner: Grundsätzlich habe ich Bauchweh bei der Zeiterfassung. Wenn Sie Zeit erfassen und Zeit bezahlen, dann generieren Sie erst einmal Zeit. Was wir eigentlich erfassen und auch bezahlen müssten, wäre die Qualität der Arbeit, die Quantität, der Verantwortungsgrad der Arbeit, die Belastung durch die Arbeit und die Qualifikation.

WDR: Was wäre Ihre Vision?

Prof. Kastner: Dass wir qua Technologie erreichen, im Schnitt nur noch ungefähr etwa 20 Stunden in der Woche arbeiten zu müssen und die fiese Arbeit von Robotern machen zu lassen – so wie früher die Sklaven bei den alten Griechen. Und wir selbst dadurch viel Freiheit gewinnen und uns mit solchen Fragen nicht mehr groß plagen müssen.

Anmerkung: Die schriftliche Form des Interviews wurde aus Gründen der Verständlichkeit gegenüber der gesprochenen Version modifiziert. Der Inhalt der Fragen und Antworten bleibt davon unberührt.

Stand: 14.05.2019, 18:24

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