Die neuen Coronapatienten auf der Intensivstation: jung und schwerer krank

Die neuen Coronapatienten auf der Intensivstation: jung und schwerer krank

Auf den Intensivstationen steigt die Zahl der Coronakranken langsam wieder an. Noch sei die Lage überschaubar, sagen Mediziner. Was aber Sorge bereite: Die meisten sind jung und eigentlich fit.

Am Sonntag war die 1.000er-Marke erreicht: Genau 1.008 Corona-Infizierte müssen derzeit auf Intensivstationen in Deutschland behandelt werden, knapp die Hälfte von ihnen wird beatmet. Fast ein Drittel in Krankenhäusern in NRW. Das meldet das Deutsche Intensivbettenregister (DIVI).

Noch Mitte Juli waren es deutschlandweit 354 intensivpflichtige Coronakranke. Jetzt liegt fast die gleiche Anzahl allein in NRW auf Intensivstationen. Mit den rasant steigenden Infektionszahlen ist die vierte Welle der Pandemie auch auf den Intensivstationen angekommen.

Laut RKI liegt die Inzidenz in NRW am Montag bei 127,7 - fast identisch mit dem Wert von vor knapp einem Jahr, am 27. Oktober 2020. Doch während damals 2.240 Coronainfizierte im Krankenhaus lagen, sind es derzeit fast genau halb so viele (1.159, Stand 30. August). Aber: Auf Intensivstationen müssen davon vergleichsweise deutlich mehr Patienten.

GRafik Altersverteilung Covid-19-Intensivpatienten

Quelle: ARDS und ECMO Zentrum Köln-Merheim


Und noch etwas sei anders, sagt Christian Karagiannidis, Leiter des DIVI-Intensivregisters: "Bei uns liegen derzeit vor allem jüngere Menschen auf den Intensivstationen, viele zwischen 20 und 30, ohne Vorerkrankungen." Die meisten seien ungeimpft, aber "immer davon ausgegangen, dass sie nicht schwer krank würden".

"Delta macht viel kranker"

"Die Delta-Variante macht aber einfach viel kranker", sagt Karagiannidis, und das bringe auch Unsicherheit bei den Prognosen. Denn die Zahl der intensivpflichtigen Coronapatienten steigt zwar im Moment langsam, aber stetig. "Wenn das Wetter mitspielt", sagt Karagiannidis, dann sollte der Anstieg zumindest im September nicht aus dem Ruder laufen. "Problematisch wird es im Oktober und November, wenn die Menschen wieder viel in Innenräumen sind und wir es bis dahin nicht schaffen, mehr zu impfen."

Auch auf der Covid-Intensivstation der Düsseldorfer Uniklinik liegen mittlerweile wieder mehr schwer Coronakranke. Seit zwei Wochen steige die Zahl stetig an, sagt Detlef Kindgen-Milles, Leitender Oberarzt dort. "Damit wächst auch wieder die enorme Herausforderung für unsere Teams, weil die Pflege und Behandlung dieser Patienten besonders aufwändig ist."

Sollten die Zahlen weiter steigen, müsse Personal aus anderen Bereichen abgezogen werden, müssten wieder planbare und weniger dringliche Behandlungen verschoben werden, wie es schon ein paar Mal während der Pandemie notwendig war.

Und auch in Düsseldorf merken die Ärzte, dass der Altersdurchschnitt der Intensivpatienten deutlich gesunken ist: von etwa 65 bis 70 Jahren auf aktuell um die 50 Jahre. Das liege vermutlich daran, dass von den älteren Menschen inzwischen die Mehrzahl geimpft ist, sagt Kindgen-Milles. "Diese Menschen erkranken in der Regel nicht oder nicht mehr so schwer."

Was sagt der Inzidenzwert noch aus?

Und genau an dem Punkt stellt sich die Frage nach einem vernünftigen Gradmesser für die weitere Corona-Zukunft hierzulande: Was sagt der Inzidenzwert noch aus? Ist die Zahl der richtig schwer Erkrankten nicht wichtiger?

Intensivmediziner Karagiannidis ist überzeugt: Der Inzidenzwert ist und bleibt gekoppelt mit der Intensivbettenbelegung. Dadurch, dass die Impfquote steigt, verändere sich wohl der Faktor: In Anlehnung an die einmal von Bundesgesundheitsminister Spahn erfundene Formel könne man derzeit sagen "125 ist das neue 50", meint Karagiannidis. Ein Großteil der Über-60-Jährigen ist geimpft, aber die jüngeren Ungeimpften, die es erwischt, erkranken oft schwerer. Es sei Zeit, "sich vom Bild des alten, multimorbiden Corona-Intensivpatienten zu verabschieden".

Am Dienstag wird Karagiannidis im Bundestag seine Einschätzung zur Frage nach einem neuen Richtwert abgeben. Die Stellungnahme ist bereits online zu lesen:

Stand: 30.08.2021, 14:52

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