Ampel-Sondierung: "Das ist komplette Inszenierung"

v.l.: Die Grünen Robert Habeck und Annalena Baerbock mit Volker Wissing und Christian Lindner (FDP)

Ampel-Sondierung: "Das ist komplette Inszenierung"

Dass es zu einer Ampelkoalition kommt, da ist sich Kommunikationsmanager Klaus Kocks sicher. Aber: Auf die politische Wunschhochzeit von SPD, Grünen und FDP werde eine furchtbare Ehe folgen.

Bei den Sondierungsgesprächen für eine Ampel-Koalition zwischen SPD, Grünen und FDP herrscht trotz inhaltlicher Differenzen laut Aussagen der Teilnehmer eitel Sonnenschein. Was ist Strategie, was ist Inszenierung – und wie wird es enden? Antworten hat der renommierte Kommunikationsmanager Klaus Kocks von der PR-Agentur "CATO" im WDR-Interview.

WDR: Die Teilnehmer der Sondierungen loben den Auftakt der Gespräche in den höchsten Tönen, betonen den vertrauensvollen Umgang. Welche Botschaft wollen sie damit senden?

Kommunikationsberater Klaus Kocks

Kommunikationsberater Klaus Kocks

Klaus Kocks: Ich glaube, dass die politische Klasse in Berlin zum ersten Mal wirklich verstanden hat, was die Menschen an Politik hassen. Sie hassen Streit, sie hassen Durchstecherei. Diese Logik, jeder liebt den Verrat, niemand liebt den Verräter, ist wie weggewischt. Wir sehen gutgelaunte Leute, wir sehen diskrete Leute, wir sehen kollegiale Leute und wir sehen Leute bei der Sacharbeit. Es geht ein Aufatmen durch die Republik.

"Wir haben jetzt ein neues Rollenverständnis der Freundlichkeit, der Sachbezogenheit, einer freundlichen Ernsthaftigkeit, einen neuen Berliner Inszenierungsstil." Kommunikationsmanager Klaus Kocks

WDR: Ist die Außendarstellung vor dem Hintergrund schwerwiegender inhaltlicher Differenzen reine Inszenierung?

Scholz als Vaterfigur in der Ampel-Inszenierung?

Scholz als Vaterfigur in der Ampel-Inszenierung?

Kocks: Das ist komplette Inszenierung. Die neue inszenatorische Qualität liegt darin, dass sich diesmal die Kinder die Eltern suchen. Die beiden jüngeren Parteien in der öffentlichen Wahrnehmung - nämlich die FDP und die Grünen als Geschwister, die sich vertragen - inszenieren sich als friedliche junge Leute. Und der sich anbietende und andienende Vater, die SPD oder Olaf Scholz, belohnt dieses Wohlverhalten wiederum. Wir haben jetzt ein neues Rollenverständnis der Freundlichkeit, der Sachbezogenheit, einer freundlichen Ernsthaftigkeit, einen neuen Berliner Inszenierungsstil.

WDR: Wer ist dafür verantwortlich?

Kocks: Ich glaube, dass der Vater dieses Stils SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil ist und damit auf großes Verständnis gestoßen ist.

WDR: Erklärt sich daraus auch die Zurückhaltung der SPD bei der Markierung roter Linien?

Kocks: Ja. Die SPD hat sich immer wie alle linken Parteien darin erschöpft, Demarkationslinien zu ziehen, zu kontrollieren, millimeterhafte Abweichungen zu Gesinnungsfragen abzustrafen. All das hat sie aufgegeben. Sie strahlt eine Einheitlichkeit, eine Ruhe aus, die sie in Wirklichkeit nicht hat. Das ist das Werk des jetzigen Generalsekretärs, der leidend gelernt hat, dass der alte Stil nicht hilft.

WDR: Kann es sich die FDP nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen 2017 erlauben, dass auch die Ampel-Gespräche an ihr scheitern?

Kocks: Nein. Die FDP hat sich selbst in den Ruch gebracht, bei den letzten Koalitionsverhandlungen leichtfertig, spielerisch, fahrlässig gehandelt zu haben. Christian Lindner wäre als FDP-Vorsitzender tot, wenn er wieder in diesen Verdacht käme. Die FDP ist jetzt in die einigende Rolle gezwungen durch ihre eigene Historie.

WDR: Kann man vor diesen Hintergründen davon ausgehen, dass die Ampel-Sondierungen in Koalitionsverhandlungen münden werden?

Kocks: Man kann davon ausgehen, dass jetzt alle Beteiligten zum Erfolg verurteilt sind. Im Übrigen hat die Republik ja auch eine Alternative verloren, weil Armin Laschet faktisch nicht mehr da ist und die Union auch keinen anderen Kanzlerkandidaten anbieten kann. Für die konservative Variante Jamaika gibt es faktisch kein Personal mehr.

"Es wird eine Honeymoon-Regierungsbildung werden und danach werden alle Konflikte aufbrechen." Kommunikationsmanager Klaus Kocks

WDR: Die Ampel-Koalition wird also kommen?

Kocks: Ich denke schon. Wir werden eine Wunschhochzeit erleben und danach eine furchtbare Ehe. Weil nämlich alle Konflikte für die Hochzeit vertuscht und weggeschoben worden sind. Es wird eine Honeymoon-Regierungsbildung werden und danach werden alle Konflikte aufbrechen.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 12.10.2021, 19:51

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