Eine Inklusionsschule am Limit

Drittklässler mit und ohne Behinderung nehmen gemeinsam am Schulunterricht teil.

Eine Inklusionsschule am Limit

Von Nina Magoley

  • Probleme mit der Inklusion, ein Dauerthema in NRW
  • Zu wenig Sonderpädagogen, zu große Klassen
  • Gesamtschule in Köln fordert für sich die Aussetzung

Eigentlich ist das Lehrerkollegium an der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Köln-Chorweiler hochmotiviert: Rund 100 der insgesamt 1.600 Kinder an der Schule sind lernbehindert.

Inklusion bremst manche Schulen

WDR 5 Westblick - aktuell | 11.07.2018 | 03:36 Min.

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Inklusion, sagt Gabi Asmuth, als Lehrerin seit vielen Jahren dabei, sei "ein gutes gesellschaftliches Ziel". Doch mittlerweile herrscht massiver Frust unter den Lehrern.

Jedes Jahr stieg die Zahl der Inklusionsschüler, die die Schule zugewiesen bekam. 114 Schüler mit besonderem Förderbedarf sollen es im kommenden Schuljahr werden - 17 mehr als im laufenden Jahr.

Gleichzeitig verlassen mehrere Sonderpädagogen die Schule. Bei geplanten acht Kräften bliebe dann für jedes Inklusionskind 1,5 Stunden Betreuung pro Woche.

Als das klar wurde, sei "ein Aufschrei" durch das Kollegium gegangen, sagt Gabi Asmuth. So sei das Prinzip der Inklusion nicht mehr umsetzbar. Und genau das schrieb der Lehrerrat dann in einem verzweifelten Brief an die Bezirksregierung: Man stehe vor "nicht bewältigbaren Herausforderungen" und fordere die Aussetzung der Inklusion an dieser Schule.

Schulministerin wollte Inklusion verbessern

Dabei hatte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor einem Jahr bei ihrem Amtsantritt mehr Unterstützung für Inklusionsschulen versprochen. Statt dessen habe sich die Lage eklatant verschlechtert, heißt es im Schreiben der Lehrer.

Drei Inklusionsschüler hat Gabi Asmuth in einer Klasse. In den Stunden, in denen ihr kein Sonderpädagoge zur Verfügung steht, muss sie versuchen, diese Kinder neben dem normalen Unterricht mit anderen Aufgaben zu beschäftigen.

"Da müsste dann eigentlich immer jemand daneben sitzen, der hilft und das Kind ermuntert, die Aufgabe zu lösen." Diese Zeit habe sie nicht.

Unter den Inklusionsschülern sind auch verhaltensauffällige Kinder, die oft den ganzen Unterricht sprengen können. "Dann stehe ich vor einem unlösbaren Problem", sagt die Lehrerin.

Inklusion: "Nicht weitgehend genug"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 07.07.2018 | 05:52 Min.

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Hinzu kommt: "Sonderpädagogik ist nicht nur reine Doppelbesetzung", sagt Frauke Hensen, die eine der sechs Sonderpädagogenstellen an der Schule hat. Um ein lernbehindertes Kind sinnvoll unterstützen zu können, müsse sie sich ständig mit anderen beteiligten Lehrern austauschen, regelmäßig Elterngespräche führen. "Das ist mit so wenig Mitteln einfach nicht möglich."

Schulministerin Gebauer hat nun Verbesserungen angekündigt: Inklusionsschulen sollen ab dem nächsten Schuljahr für jede neue 5. Klasse eine halbe Sonderpädagogenstelle zusätzlich erhalten - bis zum Schuljahr 2024/25.

Stand: 11.07.2018, 07:00

Kommentare zum Thema

5 Kommentare

  • nrw-bürger 11.07.2018, 21:58 Uhr

    Ist nicht "lernbehindert" so etwas wie "schlecht erzogen und gebildet"? Sonst gäbe es ja eine richtige Diagnose mit einer Krankheit oder einem Syndrom. Wo bleiben hier eigentlich die Eltern der "Inklusions"-Kinder? Ist das mal untersucht worden, wie viele "lernbehinderte" "Inklusions"-Kinder einfach bildungsmäßig vernachlässigt sind oder nie richtig Deutsch gelernt haben? Dafür sind übrigens gemäß Artikel 6 GG die Eltern verantwortlich. KÖNNTE man sich bei "Inklusion" auf "echte" Schwerbehinderte beschränken, wäre es sicher leichter für alle.

  • Norbert Tholen 11.07.2018, 21:04 Uhr

    Inklusion ist, menschlich gesehen, ein gutes Ideal. Praktisch ist sie in NRW jedoch ideologisch durchgepaukt worden: ohne Rücksicht darauf, wie das im Alltag klappen soll. Darum ist die rotgrüne Koalition abgewählt worden. Und die neue Regierung hat nicht das Geld und das Personal, um sie sinnvoll umzusetzen. Der Weg, auf dem die Inklusion erreicht werden soll, muss verändert oder verlassen werden.

  • Angelika Bäumer-Schumacher 11.07.2018, 19:16 Uhr

    Einige Eltern von behinderten kIndern scheinen zu erwarten,dass eine normale regelschule die Behinderung quasi wegtherapiere. Auch können sich die betroffenen Eltern noch jahrelang eine psychische Auseinandersetzung mit der Tatsache, nunmal ein behindertes Kind zu haben , ersparen bzw. rausschieben. Diese Eltern erweisen sich häufig als schwierig. AuF jeden Fall schwieriger als Eltern unserer regelschüler. In meinem Fachunterricht hatte ich schon etliche inklusionskinder, aber noch nicht einen einzigen Elternteil während des Elternsprechtages in der sprechstunde. Schon seit Jahrzehnten zu große Klassen mit Kindern verschiedener ethnischer Herkunft und teilweise großen sozialen gefällen, scheidungs-und trennungskinder zu hauf, dann inklusionskInder, teilweise auch geistig behinderte, deren Eltern Diagnosen verweigern, dann flüchtlingskinder..... In absehbarer Zeit wird es tausende lehreinen und Lehrer mit burnout-Syndrom und ein drastisches sinken des Niveaus geben....mfg.a.bäumer

  • Agnes 11.07.2018, 15:13 Uhr

    Inklusion halte ich nicht für eine gute Idee. Je nach Behinderung können Kinder in einem Kreis ähnlich Behinderter viel effektiver gefördert werden, was für sie im Laufe ihres Lebens auch viel nützlicher ist. Das ist meine - wahrscheinlich unmaßgebliche - Meinung.

  • nrw-bürger 11.07.2018, 12:10 Uhr

    "Inklusion" war und ist ein Sparmodell - weg mit den teuren Sonderschulen - oder wie sie gerade heißen. Das Recht auf Unterricht der anderen Kinder wird mit Füßen getreten. Folge: Alle wollen auf die privaten, kirchlichen und öffentlichen Gymnasien - damit die eigenen Kinder wenigstens für eine Ausbildung qualifiziert sind. --------Vorwurf an Lehrer und Schulleiter: Wieso protestiert eigentlich niemand und wehrt sich dagegen, nicht schulfähige Kinder in 30er-Klassen unterrichten zu sollen? Wer wundert sich noch, dass wir Lehrermangel haben? Kraft und Löhrmann haben unser Schulen fast ruiniert - wegen einer Ideologie "alle rein in volle Klassen". So steht das auch nicht in der "UN-Resolution". Da steht nicht mal das Wort"Inklusion" - im amtlichen deutschen Text. Wir wurden getäuscht - jahrelang.

    • Hagemann 11.07.2018, 16:28 Uhr

      Drei Schüler pro Klasse bedeutet, dass die Inklusion nur noch an Gesamtschulen, Sekundarschulen und den letzten Hauptschulen stattfinden soll. Man kann die Stellen aktuell absolut nicht besetzten und sie laufen im Moment alle leer (83 von 83 in Düsseldorf) und es werden mal wieder Versprechen gemacht, die nicht gehalten werden. Wir sind müde an den Schulen dazu auch nur Stellung zu nehmen.