Ein kleines Kind hält einen Fünf-Euro-Schein in die Kamera.

Inflation: Wann wird das Leben wieder bezahlbar?

Stand: 10.06.2022, 10:09 Uhr

Die Preise steigen und steigen. Wie lange geht das noch so weiter? Wann werden Energie und Einkaufen wieder bezahlbar? Fragen und Antworten.

Von Claudia Wiggenbröker

Das berühmt-berüchtigte "Schreckgespenst" Inflation scheint uns weiter im Griff zu halten. Aber wie lange dauert der Spuk noch? Sinken die Preise irgendwann wieder? Und was kann man tun, damit die Preise fallen?

Warum ist überhaupt alles so teuer geworden?

Ein relevanter Treiber der Preise ist, dass Energie-Rohstoffe derzeit knapp sind. Das liegt einmal am Krieg, der für Unsicherheiten und Spekulationen sorgt. Es liegt aber auch daran, dass durch Corona-Lockdowns immer wieder Lieferketten unterbrochen werden. Öl beispielsweise kann nicht verschifft werden, wenn die Arbeit im Hafen während eines Lockdowns ruht.

Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung

Thieß Petersen

Mit den Energie-Preisen stiegen dann auch die Preise für andere Produkte. "Wir brauchen Energie in sämtlichen Produktionsprozessen", sagt Thieß Petersen, Ökonom bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Und wenn Energie teurer wird, dann steigen die Produktionskosten. Das zeigt sich unter anderem im Supermarkt. "Es gab eine ganze Reihe von Preissteigerungen im landwirtschaftlichen Bereich."

Und wie lange geht das noch so weiter?

Das ist schwierig zu sagen. "Die Unsicherheit ist groß", sagt Michael Berlemann, Direktor am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Denn auch für Ökonomen sind es besondere Zeiten. "Typischerweise geht man bei den Prognosen so vor, dass man mit Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft prognostiziert", erläutert Berlemann. "Das funktioniert auch gut - wenn man in Zeiten lebt, wo die Vergangenheit es erlaubt, etwas über die Zukunft zu lernen."

Doch in solchen Zeiten befinden wir uns derzeit nicht. In Europa herrscht Krieg, auf der ganzen Welt grassiert eine Pandemie.

"Wir haben lauter Schocks, die es lange nicht mehr oder noch nie gegeben hat." Michael Berlemann, Direktor am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut

Auch Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) macht keine Hoffnung darauf, dass der Anstieg bald vorbei ist: "Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Spitze des Inflationsanstiegs vermutlich noch nicht erreicht ist. Ich befürchte, dass wir das Risiko einer weiteren Eskalation des Krieges ebenso unterschätzen wie die Gefahr einer weiteren Corona-Welle."

Werden trotzdem konkrete Zahlen prognostiziert?

Michael Berlemann, HWWI

Michael Berlemann

Michael Berlemann hat für die Entwicklung der Preise eine Erwartung: "Wir werden eine hohe einstellige Inflationsrate über das ganze Jahr hinweg haben." Er glaubt aber nicht, dass die Preise danach noch dauerhaft weiterklettern werden.

Ähnlich sehen es auch die Vertreter von anderen deutschen Forschungseinrichtungen. In einer Gemeinschaftsdiagnose, an der unter anderem das RWI aus Essen und das ifo-Institut aus München beteiligt waren, heißt es: "Die Verbraucherpreise ziehen im laufenden Jahr mit einer Rate von 6,1 Prozent so kräftig an wie seit 40 Jahren nicht mehr." Aber: Im kommenden Jahr werde die Rate, so die Ökonomen, dann mit knapp 3 Prozent deutlich niedriger ausfallen. Allerdings liegt sie damit immer noch deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung.

Droht uns eine Hyperinflation?

Im kollektiven Gedächtnis verankert ist die Hyperinflation von 1923. Geld war zu dieser Zeit nahezu Spielgeld: Wer seinen Lohn nicht gleich nach Erhalt wieder ausgab, konnte sich manchmal schon Stunden später kaum noch etwas davon kaufen. Ein Ei beispielsweise kostete im Juni 1923 rund 800 Mark. Im Dezember waren es dann 320 Milliarden Mark.

Kinder spielen mit Bündeln von Geldscheinen.

1923: Das Inflationsgeld wird im wahrsten Sinne des Wortes "Spielgeld"

"In so einer Situation sind wir nicht", beruhigt Berlemann. "Die historischen Beispiele für Hyperinflationen hatten immer damit zu tun, dass Zentralbanken Kriege oder massive Staatsausgaben finanziert haben."

Gehen die Preise auch irgendwann wieder auf das "Ausgangsniveau" zurück?

Aller Voraussicht nach nicht, schätzt Michael Berlemann. "Wir müssen uns damit abfinden, dass wir durch die Krisen ärmer geworden sind." Das treffe besonders Menschen, die schon vorher schwierig über die Runden gekommen sind.

Almut Balleer, RWTH Aachen

Almut Balleer

Gerade die Energiepreise werden weiter auf hohem Niveau bleiben. "Die steigenden Energiepreise werden uns so lange begleiten, bis wir es schaffen, auf andere Energiequellen umzustellen", erläutert Almut Balleer. Die Ökonomin lehrt an der RWTH Aachen. Wir hätten eine fossile Inflation: Energieträger wie Öl und Gas werden teurer, während Energie aus grünen Quellen - wie grüner Strom - zum Teil billiger wird. Zumal fossile Energieträger auch teurer werden müssten, um die Energiewende zu schaffen.

"Die Preise für Güter, die wir loswerden wollen, müssen relativ zu denen anderer Güter steigen." Almut Balleer, Ökonomin RWTH Aachen

Was kann denn gegen die Teuerungen getan werden?

Die Europäische Zentralbank will den Leitzins im Sommer erhöhen. So wird der Inflation entgegengewirkt - normalerweise. Sie entsteht oftmals durch eine hohe Nachfrage. Doch derzeit ist das anders.

So beeinflusst der Leitzins die Inflation

Die Inflation ist vor allem auf ein knappes Angebot von Gütern zurückzuführen. "Eine Zinserhöhung ändert nichts an dem geringen Angebot von Erdgas, Erdöl und Weizen", sagt Thieß Petersen von der Bertelsmann Stiftung.

Trotzdem könnte es helfen, wenn die Zentralbank den Leitzins erhöht. "Es ist wichtig, dass die EZB jetzt mit sanft steigenden Zinsen - um die Wirtschaft nicht abzuwürgen - signalisiert, dass sie bereit ist, gegenzusteuern", sagt Michael Berlemann vom Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg. Das könne dazu beitragen, die Lage zu beruhigen.

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Und was, wenn wir die Löhne erhöhen?

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich Ende Mai dafür ausgesprochen, dass sich die gestiegene Inflation auch in Tarifabschlüssen bemerkbar macht. Anständige Löhne müssten dazu beitragen, die Preisentwicklungen abzufedern. Ob das wirklich so sein sollte, darüber scheiden sich allerdings die Geister in Wirtschaft und Politik.

So schaukeln sich Preise und Löhne hoch

"Das klassische Problem, was wir in solchen Situation sehen, ist eine Lohn-Preis-Spirale", erläutert Michael Berlemann. "Wenn die Löhne erhöht werden, dann erhöht das auch die Produktionskosten von Unternehmen." Diese könnten dann wiederum die Preise erhöhen. Löhne und Preise schaukeln sich somit gegenseitig hoch. Die Inflation droht zu einer Dauerschleife zu werden.

DIW-Chef Fratzscher meint indes, dass "ordentliche Lohnerhöhungen" möglich und nötig sind, um die Wirtschaft zu stabilisieren. So können Verbraucher ihren Konsum aufrechterhalten - und damit auch die Nachfrage. Dass auf manche Güter verzichtet wird, wenn wenig Geld im Portemonnaie ist, stellen zum Beispiel die Erdbeer- und Spargelbauern in NRW derzeit schmerzhaft fest. Die Nachfrage nach den "luxuriösen" Lebensmitteln ist eingebrochen.

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