Fünf Gründe von Erik Flügge gegen den Kirchenaustritt

Stand: 20.09.2021, 06:00 Uhr

Erik Flügge, bekannter Kirchenkritiker, äußert sich zu der Frage: Was spricht dafür, Mitglied in der Kirche zu bleiben? Er nennt fünf Gründe.

Text von Erik Flügge

Erik Flügge

Erik Flügge

"Als bundesweit bekannter Kirchenkritiker werde ich immer wieder gefragt: 'Warum trittst du nicht aus der Kirche aus?' – Es würde mir ehrlich gesagt im Leben nicht einfallen, obwohl mich vieles an der Kirche nervt und mancher Skandal endlich richtig aufgearbeitet gehört. Hier meine wirklich guten Gründe, Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche zu sein und Kirchensteuer zu zahlen:

1. Kirchen interessieren sich für alte Leute

Keiner von uns altert gerne. Die Konsequenz ist, dass wir uns nicht so gerne mit dem Alter beschäftigen. Wir drücken das Thema gesellschaftlich weg. In Altersheime zum Beispiel – gesamtgesellschaftlich getreu dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Für unser eigenes Wohlbefinden ist das leicht erklärlich, aber richtig unangenehm ist das für die alten Menschen. Deshalb ist es gut, dass die Kirchen so sehr auch auf die Ältesten setzen. Für viele einsame alte Menschen ist die Kirche einer der ganz wenigen gesellschaftlichen Anschlusspunkte. Dafür zahle ich gerne meinen Beitrag.

2. Der Tod kommt plötzlich

Schnelle Frage: Welche staatliche Institution kennt sich mit Tauerarbeit aus? – Richtig, keine. Auf keinem Rathaus in Deutschland gibt es Menschen, die geübt darin sind, Angehörige durch die Trauer zu begleiten. Totenscheine ausstellen können die. Aber das hilft in der Trauer leider nichts. Die Kirchen finanzieren aus Kirchensteuermitteln ein flächendeckendes Netz der Sterbe- und Trauerbegleitung. Irgendwann braucht das jeder von uns.

3. Kirchen organisieren schichtübergreifend Begegnung

Junge Menschen werden in Deutschland fein säuberlich auf Schulen sortiert. Leider passiert das nicht nach Intelligenz, sondern viel mehr nach Elternhaus. Je gebildeter und einkommensstärker die Eltern, desto eher landet ein Kind auf dem Gymnasium. Nachgewiesen wurde das schon in unzähligen Studien, effektiv geändert hat noch niemand was daran. Deshalb sind die kirchlichen Lehr- und Lernveranstaltung wie der Firmunterricht oder Konfirmationsunterricht so interessant.

Sie bilden eine der ganz seltenen gesellschaftlichen Gelegenheiten, bei denen sich junge Menschen über Schularten hinweg begegnen und gemeinsam lernen. Früher gab es das sonst in der Größenordnung nur noch beim Bund und beim Zivi. Beides gibt’s nicht mehr.

4. Kirchen sind irrational

Warum sollte man etwas fördern, was zutiefst irrational ist? Wollen wir nicht, dass alle und alles sich an Fakten orientiert? – Nein! Denn das Denken außerhalb der Bedingungen der Logik ist der Anbeginn von Kreativität und Kunst. Die lässt sich nämlich nicht berechnen, sondern entsteht im freien Spiel der Kräfte. Kreativität und Kunst sind der Schlüssel dazu, dass Menschen Dinge völlig neu und anders denken. Sie sind die Quelle des Erfindergeistes. Alle Prognosen für die Zukunft unseres Wirtschaftssystems besagen, dass die Kreativität immer wichtiger werden wird, allerdings drängen wir gleichzeitig die Kreativität immer mehr zurück.

Alles muss effizienter, zielgerichteter, präziser laufen in unserer Gesellschaft. Jeder wird darauf getrimmt, sich zu optimieren. Die Räume für freies Gedankenspiel nehmen ab. Deshalb ist es gut, wenn es in der Mitte unserer Gesellschaft mit den Kirchen irrationale Akteure gibt, die eher unlogisch als logisch funktionieren, ineffizient statt zielgerichtet, diskursiv statt präzise.

5. Kirchen mit weniger Mitgliedern werden radikaler

Einer der für mich besten Gründe in der Kirche zu bleiben ist, dass die Kirchen durch meinen Austritt ihren Einfluss in der Gesellschaft nicht verlieren würden, aber einen internen Kritiker. Solange Leute wie ich in der Kirche Mitglied sind, muss die Kirche auch Rücksicht auf Leute wie mich nehmen. Sie versucht uns zu binden und zu halten und das trägt mit dazu bei, dass allzu radikale Positionen sich nicht durchsetzen. Dafür bleibe ich gerne.

Ergo: Dabeibleiben, kreativ werden, kritisieren und nerven bis der Tod kommt."

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