Teaserbild für die Kolumne ImPuls. Auf der linken Seite sieht man einen russischen Rapper.

KOLUMNE

Ukraine-Krieg: Was wir von einem russischen Rapper lernen können

Stand: 14.04.2022, 06:00 Uhr

Der Krieg gegen die Ukraine fordert auch die Gesellschaft in Deutschland heraus. Während pro-russische Demos genutzt werden, um Putins Krieg zu unterstützen, zeigt ein russicher Rapper Haltung.

Von Vassili Golod

Es gibt Dinge, die ich nicht verstehe und für die ich kein Verständnis habe. Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft verbal oder körperlich verletzt werden, dann ist das absolut inakzeptabel.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben Übergriffe auf Menschen aus Russland oder mit russischen Wurzeln zugenommen. Das gilt auch für Straftaten gegen Ukrainer:innen, sagt das Bundesinnenministerium. Beides ist antislawischer Rassismus oder Antislawismus.

Die russische Propaganda nennt es "Russophobie". Sie nutzt diese Vorfälle, erfindet zusätzliche Geschichten und heizt mit diesen gezielten Falschmeldungen die Stimmung an. Russland hat die Ukraine am 24. Februar überfallen, der Krieg im Staatsfernsehen läuft schon seit Jahren.

In Deutschland gucken viele Menschen russisches Staatsfernsehen. Sie hören dort Ausführungen über die Bedeutung der "militärischen Spezialoperation", wie der Krieg gegen die Ukraine da genannt wird. Es gehe um nichts geringeres, als das Überleben der russischen Welt. Russische Angriffe auf Zivilisten werden dort bestritten.

Die Brutalität des Krieges

Dabei gibt es jeden Tag neue Hinweise auf Kriegsverbrechen russischer Soldaten.

Leichen von Zivilist:innen in den Kyjiwer Vororten, wie Butscha. Menschen in der Ukraine berichten, wie ihre Nachbarn, Freund:innen und Familienmitglieder wahllos ermordet wurden. Ukrainische Mütter zeigen, wie sie ihre Kinder im eigenen Garten beerdigt haben.

Ukrainische Frauen berichten, wie russische Soldaten sie vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigten. Die Realität wird im russischen Staatsfernsehen nicht abgebildet.

In Deutschland haben alle Menschen freien Zugang zu Informationen. Und trotzdem gehen Menschen mit Russland-Flaggen und dem Z-Symbol, das auf den russischen Panzern steht, auf die Straße.

Demonstranten stehen mit russischen Fahnen auf dem Tänzelfestplatz. Der Platz ist Ausgangspunkt eines prorussischen Autokorsos.

Pro-russischer Autokorso im bayerischen Allgäu

"Wir dürfen uns davon nicht spalten lassen!"

Was offiziell als Demo gegen Diskriminierung und für den Frieden angemeldet ist, wird in Wirklichkeit für die Unterstützung des russischen Krieges genutzt. 

"Das verurteilen wir natürlich", sagt mir Reem Alabali-Radovan am Telefon. Ihr Chef ist niemand Geringeres als Olaf Scholz. Sie selbst ist Staatsministerin beim Bundeskanzler und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

"Wir können hier sehen, was in der Ukraine passiert. Und dass man dann weiterhin dieser Propaganda glaubt und sogar auf die Straße geht, das schockiert mich natürlich." Reem Alabali-Radovan, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung
Reem Alabali-Radovan

Reem Alabali-Radovan, SPD

Gleichzeitig verurteilt die SPD-Politikerin Angriffe auf russisch gelesene Menschen und fordert: "Wir dürfen uns davon in Deutschland nicht spalten lassen."

Parteien fehlt Zugang zu Communities

Fakt ist auch: Die politischen Parteien haben es versäumt, sich in ihrer Breite divers aufzustellen. Sie haben bestimmte Communities über Jahre vergessen, sie haben keinen Zugang zu ihnen und erreichen sie dementsprechend nicht. Umso wichtiger ist es, jetzt den Dialog zu suchen. 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Gespräche schwer fallen. Wenn Menschen, sogar innerhalb der eigenen Familie, Fakten und Argumente nicht wahrhaben wollen.

Aber aktuell geht es nicht um eine Meinungsverschiedenheit, sondern um Menschenleben.

Russischer Rapper gegen den Krieg

Der russische Rapper Oxxxymiron hat das verstanden und die Konzertreihe "Russians Against War" gestartet, Russ:innen gegen Krieg. Fast 200.000 Dollar sind bei seinen Auftritten in Istanbul, London und Berlin zusammengekommen. Alle Einnahmen werden für Geflüchtete aus der Ukraine gespendet. Doch nicht nur Oxxxymirons Aktion verdient Aufmerksamkeit, auch seine Gedanken. 

Sänger und HipHop-Artist Oxxxymiron tritt bei einem Wohltätigkeitskonzert mit dem Titel "I'm Going to Sing My Song" (2018) auf, das im Moskauer GlavClub Green Concert stattfindet.

Sänger und HipHop-Artist Oxxxymiron

Bei seinem Auftritt in Berlin hat er sehr beeindruckende Worte gefunden. Es geht um die Gräueltaten in Butscha und das zukünftige Verhältnis von Russ:innen und Ukrainer:innen. "Nach den Bildern, die wir am 3. April gesehen haben, ist es insgesamt sehr schwer vorstellbar, dass Ukrainer und Russen jemals wieder Freunde werden können. Aber dazu möchte ich zwei Dinge sagen. Erstens: Auf jeden Fall sind heute 100 Prozent viele Ukrainer und viele Russen da", sagt der Künstler, während die Menge jubelt.

"Und zweitens: Wir befinden uns in Berlin. Stellen wir uns mal vor, dass sich 1941 jemand hätte vorstellen können, dass auf dieser Bühne mal ein Mensch aus Russland stehen würde, mit jüdischen Wurzeln, der afroamerikanische Musik vorträgt - unter anderem vom Album 'Ewiger Jude'. Ich sage das deshalb, weil ich es mir selbst gerade nur schwer vorstellen kann. Aber ich sehe euch und weiß: Egal was unsere Länder noch durchmachen müssen, eines Tages wird es möglich sein. Ich glaube daran."

Ein kluges Plädoyer eines Rappers, der mal in Oxford studierte. Ich wünsche mir sehr, dass Oxxxymiron Recht behält. 

Der Krieg gegen die Ukraine hat Einfluss auf uns alle. Er verändert schon jetzt die Gesellschaft in Deutschland, umso wichtiger ist der Dialog. Der Krieg führt zu noch mehr Unterdrückung in Russland, weshalb Oxxxymiron und andere Künstler in ihrem Heimatland nicht mehr sicher sind. Vor allem aber zerstört dieser Krieg die Leben in der Ukraine. 

Wir dürfen nicht aufhören, über diesen Krieg zu sprechen.

Suchen Sie den Dialog mit Menschen, die anders über den Ukraine-Krieg denken als Sie selbst? Was sind gute Möglichkeiten, um aufeinander zuzugehen und miteinander ins Gespräch zu kommen? Lassen Sie uns darüber diskutieren - in den Kommentaren bei WDR.de oder auf Social Media.

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Kommentare zum Thema

9 Kommentare

  • 9 Melli 18.04.2022, 18:26 Uhr

    Ich finde diesen Krieg richtig schrecklich und diese Gräueltaten sind furchtbar. Man kann sich im Moment wirklich nicht vorstellen, dass Ukrainer und Russen sich irgendwann wieder friedlich begegnen können. Natürlich gibt es viele Russische Bürger, die den Krieg mit Sicherheit nicht gutheissen. Aber viele, die auch hier leben, wurden jahrelang mit Propaganda TV zugedröhnt, so dass sie meinen, dass dieser Krieg nur eine "Militärische Operation" ist und dem Putin leider noch zujubeln. Trotzdem kann man nicht alle russischen Bürger verurteilen, dass macht aber leider der ukrainische Botschafter. Ich kann seine Wut zwar verstehen, aber das ist ein falsches Signal. Die Absage an den Bundespräsidenten war auch nicht in Ordnung. Was mich aber sehr ärgert ist, dass es im Internet sehr viele Beleidigungen gibt. Da wird Herr Steinmeier als Grüß August beschimpft oder Scholz als Hampelkanzler. Jeder sollte mal bei sich selber anfangen und sein Verhalten überprüfen. Nachdenken hilft!

  • 8 Dieter Buchholz 18.04.2022, 07:35 Uhr

    Es ist für mich erschreckend mit anzusehen, dass in Deutschland jahrelang geltende Grundsätze mal so einfach über Bord geworfen wurden. Keine Waffenlieferungen in Krisengebiete ist nur eine davon. Jetzt werden plötzlich Ostermärsche aufs schärfste kritisiert, welche doch wirklich nur wollen, dass der Krieg aufhört. Wenn diese Stimmung so weiter eskaliert, fliegen wahrscheinlich bald deutsche Kampfflugzeuge über die Ukraine. Gleichzeitig wird das deutsche Staatsoberhaupt ausgeladen um (meiner Meinung nach) den Druck auf Deutschland zu erhöhen, mehr zu tun. Wo soll denn das alles enden? Ich bin für jeden dankbar, der in diesen Momenten mal in sich geht, nicht schwarz und weiss denkt, sondern ausgewogen abwägt, was zu tun ist. Von daher darf sich meiner Meinung nach unser Kanzler auch mal für seine Entscheidungen Zeit nehmen. Ich bin froh, dass wir einen Zauder-Kanzler haben.

    Antworten (1)
    • Ozean der Medien 18.04.2022, 19:27 Uhr

      Die mediale Demontage der jetzigen und ehemaligen SPD Spitze hätte nach H4 "Reformen" stattfinden müssen? Das hätte uns Die wenig fundierte Energiewende und heutige Abhängigkeit erspart. Der nun orchestrierte Aufschrei wirkt nur noch heuchlerisch und demaskiert Journalismus als einseitigen "Zeit" Geist im "Spiegel"der Vergangenheit. Öffentlich wird dabei "rechtlich "mit Haltung und Bewertung statt Berichten verwechselt, oder wie im Orwellschen Ozean einfach vertauscht? Früher hieß es Krieg, was heute als Frieden auf Titelseiten gepriesen wird?

  • 7 Paul voss 17.04.2022, 17:29 Uhr

    Schade.. Leider werden Meinungen die etwas anders sind als die veröffentlichte Haltungs Medien Meinung nicht veröffentlicht. So kommt man leider nicht ins Gespräch. Trotzdem. Es ist nicht unser Krieg. Wir sollten uns nicht beteiligen. Und erst recht nicht moralisch erpressen lassen. Egal von welcher Seite.

  • 6 Paul voss 16.04.2022, 17:34 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er sich nicht auf das Thema der Diskussion bezieht. (die Redaktion)

  • 5 Paul voss 16.04.2022, 09:29 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 4 Mauritius 15.04.2022, 10:34 Uhr

    Leider ist die SPD in der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine völlig zerstritten. Wo steht eigentlich der Kanzler? Wo steht der der Spitzenkandidat der NRW SPD, Kutschaty? Von letzteren hört man nur banales Wahlkampfeinerlei. Ein NRW MP mit dieser geistigen Spritzigkeit habe ich noch nicht erlebt. Seine Rede beim Besuch des Kanzlers war einfach nur grausam.

    Antworten (1)
    • Stolzi 17.04.2022, 22:37 Uhr

      Ihr Kommentar ist am Thema vorbei. Wahlkampf für die CDU bitte an anderer Stelle machen.

  • 3 Putinologe 14.04.2022, 16:07 Uhr

    Sehr kluger Hinweis des Rappers, der die verändernde und eventuell auch heilende Kraft der Zeit betont in seinem Vergleich mit Berlin im Jahre 1941. Angst ist leider völlig berechtigt. Die unbeschränkte Macht eines zaristischen Stalinisten verbreitet auch in der russischen Bevölkerung Angst und Schrecken. Diese Puitinophobie haben wir gemeinsam !

  • 2 Colonius 14.04.2022, 12:07 Uhr

    Ich habe von Anfang an, in meinen Kommentaren zu ihren Kolummnen, SPD Kanzler Scholz als (H)ampelkanzler bezeichnet. An seinem Verhalten erkennen inzwischen immer mehr Bürger wie zutreffend die Bezeichnung ist.

    Antworten (1)
    • Andrea werning 15.04.2022, 18:21 Uhr

      Der einzige Grund nochmal die SPD zu wählen ! Er wurde in und für deutsche Belange gewählt ist einer der wenigen Besonnenen.

  • 1 Hans Holte 14.04.2022, 10:53 Uhr

    Die Bedeutung von „Haltung“ ist gekippt, im Schwarz-Weiß wurde das zum Synonym für Filterblase, die ganze Geschichte möchte ich hören und beurteilen. Haltungsjournalismus ist das Gegenteil von Meinungsvielfalt, der eigentliche Auftrag öffentlich rechtlicher Medien. Im gekennzeichneten Kommentar der auch noch zur Diskussion steht wie hier ist allerdings „Haltung“ erlaubt. Die Frage „was kann man von wem lernen“ ist Manipulationstechnik. Übersetzt ins Verständliche: die eine Meinung ist richtig und die andere falsch, bist du der falschen Meinung bist du dumm, „lerne“ gefälligst meine richtige Meinung (oder Haltung). Jedes mal wenn Plasberg damit trickst geht bei mir der Blutdruck hoch. In der Sache ist der Krieg unverständlich, ein paar Sanktionen würde ich auch mittragen. Zustimmung auch zur Vorsicht beim Anheizen der Stimmung, plötzlich trifft es undifferenziert alle. Aber ich hätte erst gar nicht ein korruptes Billiglohnland an die EU gebunden und dann gäbe es auch keine Eskalation.

    Antworten (1)
    • Zweifel Frei 16.04.2022, 09:46 Uhr

      Das ganze noch gerappt, und die Haltungsmedien würden kippen?

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