Rechts: Liz Shoo, links: Politikerinnen des Bundestags

KOLUMNE

Hört auf, das Aussehen von Politikerinnen zu bewerten!

Stand: 05.02.2022, 06:00 Uhr

"Was hat die denn da an?" - "Hat die zugenommen?" - "Der Haarschnitt steht ihr aber gut!" Liz Shoo fordert, dass wir uns künftig Kommentare wie diese über Politikerinnen verkneifen und stattdessen lieber ihre Arbeit beurteilen sollten.

Von Liz Shoo

Freud und Leid liegen nah beieinander. Das hat Ricarda Lang in den letzten Wochen deutlich zu spüren bekommen. Auf der einen Seite feiert sie einen riesigen politischen Erfolg. Mit 28 Jahren ist sie zur neuen Co-Chefin der Grünen gewählt worden. Zur gleichen Zeit wird sie in den sozialen Medien - vor allem auf Twitter - von einer Troll-Armee massiv beleidigt und beschimpft. Und in den meisten Hass-Kommentaren geht es bloß um eins: ihr Übergewicht.

Body-Shaming statt guter Gegenargumente

Mehrere Tage trendet ihr Name auf Twitter. Unter anderem wird sie dafür kritisiert, dass sie eine Impfpflicht für Menschen ab 50 Jahren fordert. Reaktion der User im Netz: Mit ihrem Gewicht sei sie doch viel eher die Risikogruppe und solle sich gefälligst selbst impfen.

"Es ist die billigste Art, eine Person zu attackieren. Body-Shaming statt Argumente." Liz Shoo

Damit wird Lang immer wieder online angegriffen. Zum Glück ist sie eine starke, selbstbewusste Frau, die sich von Trollen nicht verunsichern lässt. Ihre Message: Ich bin wie ich bin, kommt damit klar!

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Baerbocks Mäntel, Sudings Beine

Mich nervt es, dass bei Frauen in Machtpositionen immer noch stark das Aussehen, die Kleidung oder der Gesichtsausdruck in den Vordergrund gestellt werden. 16 Prozent der Politikerinnen in Deutschland sagen, dass ihr Äußeres häufig thematisiert und sie danach beurteilt werden. Von Kolleginnen und Kollegen, von uns Medien und von Menschen in Sozialen Netzwerken. So gerät oft das, was Politikerinnen sagen und wofür sie stehen, in den Hintergrund.

Als Außenministerin Annalena Baerbock ihre ersten Auslandsreisen nach Frankreich, in die USA, nach Russland oder in die Ukraine gemacht hat, stand ein Detail ganz stark im Fokus: ihre Mäntel.

Annalena Baerbock vor dem Weißen Haus in Wahsington, USA.

Außenministerin Annalena Baerbock in Washington

Dass danach Magazine wie Bunte oder Gala über Baerbocks Kleidungsstil geschrieben haben, ist nicht weiter überraschend. Doch mich wundert es, dass auch "seriöse" Medien die Outfits berichtenswert fanden. In einem Online-Artikel des Münchner Merkurs wird im ersten Teil zwar von Baerbocks "heikler Mission" in der Ukraine und in Russland gesprochen, doch im zweiten Teil geht es nur noch um Reaktionen auf Baerbocks Mantelwahl bei ihren Reisen.

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Und einen Tag nachdem die Außenministerin in Moskau versucht hat, einen drohenden Krieg zu deeskalieren, interviewt Focus Online eine Trend- und Modeforscherin dazu, was hinter Baerbocks knalliger Farbwahl steckt. Eine Analyse der eigentlichen Botschaften der Pressekonferenz wäre mir hier viel lieber gewesen.

Dass bei Politikerinnen auch in entscheidenden Momenten ihrer Karriere nicht selten ihr Äußeres für Schlagzeilen sorgt, davon kann FDP-Politikerin Katja Suding bestimmt auch ein Liedchen singen. 2015, eine Woche vor der Bürgermeisterwahl in Hamburg. Suding ist Spitzenkandidatin der FDP. Worüber spricht ganz Deutschland? Über diesen einen Schwenk auf ihre Beine, gesendet zur Primetime in der Tagesschau.

Doppelmoral

Natürlich nehmen wir das Aussehen immer als erstes wahr. Und ob wir es zugeben oder nicht, ein Stück weit bewerten wir andere immer auch danach. Doch warum ist die Optik bei Politikerinnen berichtenswert, bei ihren männlichen Kollegen aber nicht? Nach Baerbocks Russlandreise konnte ich keine Bildergalerie mit Anzügen und Krawatten ihres Amtskollegen Lawrow finden. Und was ist mit Anthony Blinken, dem US-Außenminister? Warum gibt keine Redaktion Geld dafür aus, mal ein Stück über Blinkens Hemden, Schuhe oder Einstecktücher zu schreiben?

Auch beim Thema Figur ist die Doppelmoral allgegenwärtig. Ricarda Lang wird aufgrund ihres Gewichts kritisiert, beschimpft und für inkompetent gehalten. Spielte bei Ex-Wirtschaftsminister Altmaier oder Ex-Kanzleramtsminister Braun das Gewicht auch eine Rolle bei der Beurteilung ihrer Kompetenz?

Auch Komplimente schaden

Man könnte meinen, dass es darum geht, nichts Negatives über Politikerinnen und ihre Figuren, Frisuren oder ihre Outfits zu sagen oder zu schreiben. Doch am besten wäre es, die Optik gar nicht erst zu thematisieren. Denn auch wer eine Politikerin für ihre Stilsicherheit lobt, reduziert sie auf ihr Äußeres. So rücken die Inhalte, für die sich Politikerinnen stark machen, das was sie ausmacht, ihre beruflichen Fähigkeiten, sofort in den Hintergrund. Das belegt eine Studie aus den USA.

Befragungen von potentiellen Wählerinnen und Wählern haben gezeigt, dass mediale Beschreibung des Aussehens einer Kandidatin negative Auswirkungen auf ihre Chancen bei der Wahl hat.

"Was mich verblüfft hat: Es ist ganz egal, ob das Aussehen positiv, negativ oder neutral beschrieben wird. Sobald es Thema ist, büßt eine Kandidatin beim Wahlvolk Punkte ein, wenn es darum geht, wie volksnah, sympathisch, selbstbewusst, effektiv und qualifiziert sie eingeschätzt wird." Liz Shoo

In einem Land, in dem 40 Prozent der Politikerinnen sagen, dass sie sich mehr anstrengen müssen als ihre männlichen Kollegen, um etwas zu erreichen, ist das für sie eine zusätzliche Hürde im männer-dominierten Politikbetrieb.

Diskussion im Keim ersticken

Bunte Blazer, dunkle Hosen - die "Uniform" von Alt-Kanzlerin Merkel

Bunte Blazer, dunkle Hosen - die "Uniform" von Alt-Kanzlerin Merkel

Was können Frauen also dagegen tun? Manche suchen sich wie Angela Merkel eine Uniform aus. Bunte Blazer, dunkle Hosen, mal eine Kette. Am Anfang reden alle darüber. Irgendwann hat sich die Öffentlichkeit aber, wie bei den Männern und ihren Anzügen, dran gewöhnt. Doch egal wie man’s als Politikerin macht: Früher oder später werden Garderobe oder Körperbau in irgendeiner Form doch wieder kommentiert: Zu eng, zu locker, zu bunt, zu dunkel, zu schlank, zu dick, zu dünn.

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Deshalb schlagen Experten vor, das Gespräch gar nicht erst entstehen zu lassen. Sobald Fragen oder Kommentare zu Schuhen, Kleidern oder Haaren gestellt werden, sei es ratsam, einfach mit Sätzen wie diesen zu kontern: "Das hat keinen Platz in den Medien", "Das hat keinen Nachrichtenwert", oder direkt "Wir müssen mit dieser Art von Berichterstattung über Kandidatinnen aufhören". Boom! Thema beendet und jetzt bitte Fragen zu Inhalten, Haltung, Meinung.

Das funktioniert aber natürlich nur in Interview-Situationen.

Als Gesellschaft müssen wir mit diesen oberflächlichen Bewertungen aufhören. Und als Medien müssen wir unsere Hausaufgaben machen und uns mehr damit beschäftigen, was eine Politikerin denkt, statt was sie trägt. Denn es gibt wahrlich dringendere Themen.

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Mir gefällt, wie Angela Merkels damaliger stellvertretender Pressesprecher die mediale Aufregung über das Dekolleté der Kanzlerin bei einer Operneröffnung kommentiert hat: "Wenn die Welt nichts Wichtigeres hat, als über Abendkleider zu reden, dann kann man wahrscheinlich auch nicht helfen."

Wie sieht es bei Ihnen aus? Kommentieren Sie die Outfits oder Frisuren von Politikerinnen auch häufiger als bei deren männlichen Kollegen? Und würden Sie zustimmen, dass wir alle - Medien und Privatpersonen - mit dieser oberflächlichen Bewertung aufhören und stattdessen die Leistung in den Fokus nehmen sollten? Lassen Sie uns gerne darüber diskutieren - in den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.

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Kommentare zum Thema

66 Kommentare

  • 66 Hugo Victor 08.02.2022, 18:02 Uhr

    Kommt Norbert Blüm in eine Bar und sagt, ein Kurzer. Sagt der Wirt, das sehe ich aber was willst du trinken. Norbert Blüm und Rudi Carrell waren der Klassiker, nie wirklich böse gemeint aber wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt muss man auch mit unfairen Attacken souverän umgehen können. Sonst ist man für den Job nicht geeignet und arbeitet besser im Hinterzimmer. Hat man nicht den richtigen Body-Mass-Index muss man das ändern oder selbst akzeptieren und wenn andere das nicht akzeptieren dann ist das eben so. Ich war übrigens Fan der Weather Girls, ein echtes „Schwergewicht“ in der Soul-Musik. Außerdem ist es in der Sache ein Kompliment, wenn man im wesentlich nur Kritik am Aussehen vorbringen kann. Bei den Grünen habe ich reichlich Kritik an den Inhalten aber nicht genug Platz und mit den richtigen Inhalten würde ich auch Quasimodo als Bundeskanzler wählen, wenn der Wähler Quasimodo oder den Bundeskanzler wählen könnte.

  • 65 Johannes Leder 07.02.2022, 23:30 Uhr

    Ich mache mehr kritische Bemerkungen über Männer als über Frauen und zwar zu folgenden Punkten: Haarschnitt, Brille, Zähne und Krawatte. Der Haarschnitt erinnert mich neuerdings sehr an die Nazi-Frisuren, die Brillen haben oft viel zu große Gläser, die unteren Schneide-Zähne sind oft braun und schief und die Krawatte hat oft einen schlecht gemachten Knoten. Bei Frauen denke ich meinen Teil, rede aber nicht darüber, frage mich aber jetzt, wie spießig soll unsere Gesellschaft wieder werden, wenn man keine Komplimente mehr machen darf? Im übrigen, kleiden sich Frauen nicht bewusst attraktiv, um mehr beachtet zu werden und wollen dann auch erfahren, dass sie beachtet wurden? Düsseldorf, den 7.2.22 Johannes Leder

  • 64 Ker 07.02.2022, 11:20 Uhr

    Sehr geehrte Frau Shoo, Frau Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich einmal in für die Öffentlichkeit ungewohnter Gardrobe auf dem grünen Hügel und tat es danach so nie wieder. Sie zeigte sich als lernfähig. Wenn Sie, Frau Shoo, monieren, dass bei den Herren nicht die Frage aufkommt, wie "der" denn angezogen sei, so möchte ich ihnen zur Kenntnis gereichen, dass konventionelle Anzüge sich als Standard etabliert haben. Gäbe es selbiges für die Damen, würden Iritationen ausbleiben. Haben Sie einen Kleiderkomentar zu den Damen Strack-Zimmerman, oder Renger oder Hamm-Brücher jemals gelesen? Umgekehrt wurde über Wochen bezüglich der Fliegenabstinez des Herrn Gesundheitsministers siniert, heute erst gab es in der Welt Komentare zum Pulover des Herrn Bundeskanzlers. Gab es nicht auch einen Beitrag in der "heute-show" mit Birte Schneider zum Duft der von Herrn Habeck getragenen Unterhosen? So eindimensional, wie von Ihnen beschrieben, ist es nicht und das ist gut so. Mit freundlichen Grüßen Ker

  • 63 Anna 06.02.2022, 18:34 Uhr

    Liebe Liz, herzlichen Dank für diese hervorragende Stellungnahme!!! Sie sprechen mir aus der Seele!!! Egal ob eine Frau aussieht wie Barby oder Miss World, sobald eine intelligente Frau eine erfolgreiche und gut bezahlte Stellung einnimmt, oder es wagt aus der "gesellschaftlichen Schublade" zu springen und sich selbstständig und unabhängig verhält, ihrem eigenen Lebenstraum folgend, wird an ihrem Äußerem herumkritisiert. Anstatt uns Frauen als "Ganzes" wahrzunehmen und unsere Charakterstärke anzuerkennen, werden wir von vielen Seiten angefeindet. Im Grunde genommen ist es der bloße Neid, dass wir starken, energiegeladenen Frauen, nicht der Angst beugen!! Liebe Liz, schreiben Sie bitte weiterhin solch hervorragende Kommentare. Sie haben meine vollste Unterstützung.

  • 62 Susanne 06.02.2022, 16:25 Uhr

    https://www.dieunbeugsamen-film.de/ können ein Lied davon singen!

  • 61 Marco S. 06.02.2022, 15:46 Uhr

    Sorry für meine Kritik – doch gerade Sie sollten wissen, wenn man etwas zu einem Thema schreibt, nährt man die weitere Diskussion. Jede Meldung oder Berichte/Kolumnen halten das Thema nur am Laufen und bringt dazu neue Diskutanten in den sozialen Medien die Kund tun das Sie hinter der neuen Meinung stehen. Das sorgt dann für neue Diskussionen, wo Thema lebendiger ist wie je zuvor. Da ist es völlig unabhängig davon, ob etwas geschrieben wird und zur Vernunft aufzufordern. Alles ganz nachdem herrschenden Marktgesetzt zur Förderung der eigenen Reichweite seines Journalisten Produktes. Es fällt mir persönlich sehr schwer zu glauben das Sie diesen positiven Effekt unbeachtet gelassen haben bei der Wahl Ihres Artikels. Auf jeden Fall habe Sie eines jetzt nicht erreicht, dass die Diskussionen abnehmen wird. Ein wenig mehr Weises Handeln wäre hier besser angebracht gewesen wenn man wirklich etwas positives Bewegen wollte – wenn!

  • 60 Stefan 06.02.2022, 15:28 Uhr

    "Hört auf, das Aussehen von Politikerinnen zu bewerten!" Dann hört auf Quotenbarbies wie Baerbock zu nehmen obwohl in diesem Fall der Mann die einzig richtige Wahl gewesen wäre um Kanzler zu werden!!!

  • 59 Unfassbar 06.02.2022, 15:17 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)

  • 58 Dr. Michael Lange 06.02.2022, 15:16 Uhr

    Stimmt! Für mich sind Abschlüsse wichtiger!

  • 57 Lalalaaa 06.02.2022, 13:10 Uhr

    Unsinn. Was fällt Euch denn als Erstes ein, wenn Ihr an Peter Altmeier denkt? Ein vital wirkender Volksvertreter mit gut sitzender Kleidung? Ungesundes Aussehen auch so zu benennen ist zumutbar.

  • 56 bei den Kindern anfangen 06.02.2022, 11:57 Uhr

    Können wir das Bitte in der Kindererziehung zum Thema machen. Jungen haben auch ein Anrecht auf bunte fröhliche Kleidung und Mädchen auf praktische bequeme Kleidung. Jungen wollen auch für ihr Aussehen Komplimente bekommen und Mädchen für ihr Können. Danke.

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