ImPuls: Liz Shoo

KOLUMNE

Feiern trotz Krieg? Ja, bitte!

Stand: 12.03.2022, 08:21 Uhr

In der Ukraine wütet ein grausamer Krieg. Trotzdem wünscht sich Liz Shoo, dass wir unsere Betroffenheitsmienen endlich ablegen und unseren Alltag wieder mit mehr Fröhlichkeit bestreiten.

Von Liz Shoo

Der 24. Februar 2022 wird nicht nur in die Geschichte eingehen als Tag der russischen Invasion in die Ukraine. Es ist auch der Tag, an dem die Mutter aller deutschen Plattitüden mal ernsthaft hinterfragt wurde. Darf ich an so einem Tag noch einen "Guten Morgen" wünschen?

Unsere hauseigene Online-Rubrik "Guten Morgen - Darüber spricht der Westen" wollten meine Kollegen offenbar nicht so stehenlassen und haben bei Twitter kommentiert: "Leider kein guter Morgen".

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Und dann war da ja auch noch Karneval. Weiberfastnacht feiern wenn Krieg ist? Lieber nicht. Als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.

"Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass einige auch einfach zu Hause geblieben sind, weil sie befürchtet haben, komisch angeguckt zu werden." Liz Shoo

Wie kannst du dich bloß verkleiden, Kölsch saufen und "Superjeilezick" in der Kneipe singen, wenn Millionen von Menschen aus ihrem Land flüchten müssen, um Bomben- und Raketen zu entkommen?

Bitte keinen Trauer-Gruppenzwang!

Ich finde, jeder muss völlig frei entscheiden dürfen, wie er mit der aktuellen Lage umgeht. Und wenn Menschen einen Grund zum Feiern haben und auch feiern wollen, dann sollten sie dies auch tun können - ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst dafür von anderen verurteilt zu werden.

Am Tag, an dem Putins Truppen in der Ukraine einmarschiert sind, wurde in der Kita meiner Tochter eine riesige Karnevalsparty geschmissen. Zum Glück! Denn bis heute erzählt sie mir mit leuchtenden Augen davon, wie viel Spaß sie hatte, verkleidet als Hexe mit ihren Freunden zu tanzen und zu singen. Diese wichtigen Momente und Erinnerungen sollten wir keinem Kind vorenthalten.

Klar sollten wir uns regelmäßig über das informieren, was in der Ukraine passiert. Und das kann uns auch mal traurig machen. Es ist wichtig, Empathie zu zeigen und - wenn möglich - auch aktiv den Flüchtenden zu helfen. Aber gleichzeitig muss das normale Leben hier in Deutschland weitergehen dürfen.

Selbst die Ukrainerinnen und Ukrainer lassen sich von Raketenangriffen nicht davon abhalten, sich das Ja-Wort zu geben. Diese Menschen sollten wir uns zum Vorbild nehmen.

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Wie viel Betroffenheit ist angebracht?

In den vergangenen Tagen habe ich oft erlebt, dass Leute in meinem Umfeld krampfhaft versucht haben, den Krieg in der Ukraine zu thematisieren. Aber nach zwei, drei Sätzen à la "Das ist echt schlimm, was da passiert" merkt man schnell, dass es dünn wird.

Andere wiederum gestehen, dass das Geschehen in der Ukraine null Auswirkungen auf ihren Alltag oder ihre Gefühlslage hat. Auch diese Reaktion finde ich legitim. Sie ist mir schon fast lieber, als das teilweise heuchlerische, symbolische Handeln, was oft lediglich dazu dient, das eigene Gewissen zu beruhigen und nach außen zu zeigen: "Schaut her, auch ich engagiere mich für die Ukraine."

Ja, auch mich hat die WhatsApp-Nachricht erreicht, dass man um 20 Uhr zu Hause doch bitte die Heizung und das Licht ausmachen solle, um "Putin zu zeigen, dass wir lieber im Dunkeln sitzen als sein Gas und Öl zu kaufen." Wie bitte? Ich bin zwar keine Energieexpertin, aber wer glaubt denn ernsthaft, dass ein kurzer Verzicht auf Strom und Gas Putin zum Umdenken bringt? Der hat sich im Kreml bestimmt kaputtgelacht, als er diese Meldung gelesen hat.

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Lasst uns das Leben zelebrieren!

Das mag jetzt zynisch klingen, aber irgendwo ist immer Krieg. In Syrien zum Beispiel, seit 2011. Das darf uns nicht dauerhaft runterziehen. Und die Betroffenheit darüber sollten wir uns auch nicht von anderen aufzwängen lassen.

Es ist übrigens wissenschaftlich erwiesen, dass die Dauerberieselung von Kriegsbildern unserem Wohlergehen schadet.

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Deshalb raten Wissenschaftlerinnen auch zu limitiertem Nachrichtenkonsum und wohltuenden Ablenkungen.

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Ich für meinen Teil begrüße meine Kollegen selbstverständlich weiterhin mit "Guten Morgen." Denn jetzt, wo ich zum ersten Mal so richtig über die Bedeutung dieses Grußes nachdenke, stelle ich fest: Er ist weniger eine Beschreibung, sondern viel mehr ein Wunsch. Egal, was in der Nacht auf der Welt passiert ist - mögest DU heute einen schönen Morgen erleben.

Ich wünsche mir zwar, dass wir den Krieg in der Ukraine weiterhin ernstnehmen - denn immerhin geht es um Menschenleben und um Schicksale. Aber gerade das sollte uns doch auch vor Augen führen, wie dankbar wir dafür sein können, dass wir in Frieden und Freiheit leben können. Lasst uns dieses Glück schätzen und feiern.

Wie haben Sie diesen emotionalen Spagat zwischen Betroffenheit und Freude im Alltag in den letzten Tagen empfunden? Lassen Sie uns gerne darüber diskutieren - in den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.

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Drei Screenshots der WDR Aktuell App in einer Collage.

Kommentare zum Thema

30 Kommentare

  • 30 Micha 18.03.2022, 02:15 Uhr

    Ein Lacher, der im Halse stecken bleibt, ist noch kein Grund zum Feiern. Trotzdem möchte ich ihn hier mitteilen. Nach der Übernahme des "Freedom Day" zur Bezeichnung des Wegfalls aller Sars-CoV-2-Schutzmaßnahmen, soll es jetzt auch einen deutschen "Independence Day" geben. Dieser deutsche Unabhängigkeitstag soll laut Söder den Tag bezeichnen, an dem Deutschland von russischen Öl-, Gas- und Kohlelieferungen unabhängig wird. Das hörte ich gestern nach der MPK in seinem Pressebriefing/PK. Bei allem Elend, Entsetzen und Frust fand ich den Begriff "Independence Day" aus Söders Mund belustigend. - Falls noch jmd nach dem Arnie-Ukraine-Überfall-Aufklärungsvideo suchen sollte, das z. Zt. viral geht: twitter.com/Schwarzenegger/status/1504426844199669762 --- Arnies Held: Yuri Petrovich Vlasov. Wäre schön, wenn es weltweit viele Leute erreichte. Die Ösis sind immer für eine Überraschung gut - vllt ein (kleiner) Grund zum Feiern. Hoch, die Gewichte ... äh ... Tassen!

  • 29 Peter Seibert 17.03.2022, 16:28 Uhr

    Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er beleidigend ist. (die Redaktion)

  • 28 Олаф і Оля 14.03.2022, 08:56 Uhr

    Wie würde Frau Shoo sich fühlen, wenn in Ihrem Heimatland bzw. in dem Heimatland ihrer Eltern ein Krieg ausbricht in dem unschuldige Menschen zu Schaden und zu Tode kommen; Bekannte, Freunde, Verwandte ihre Existenz verlieren und um ihr Leben fürchtend die Heimat verlassen und dann im Umfeld fröhlich und lustig gefeiert wird, als wäre nichts geschehen und vielleicht sogar noch Scherze über die Situation gemacht werden. Egal ob Krieg, Katastrophe, Unfall usw. hilft es den Betroffenen sicher nicht, selbst in Depressionen zu verfallen oder sich aus Solidarität in einen vergleichbaren Zustand zu versetzen. Der Anstand gebietet es jedoch aus Rücksichtnahme zumindest auf übertriebene Fröhlichkeit und Ignoranz zu verzichten.

  • 27 Horst Necker 13.03.2022, 12:26 Uhr

    Es ist immer irgendwo Krieg. Auch in der Ukraine gibt es schon seit 8 Jahren Krieg. Nur hat das hier niemanden gestört, wenn Leute in der Ostukraine sterben weil sie für ihre Freiheit von der Westukraine kämpfen. Egal wo man steht, also Feiern trotz Krieg, ja bitte.

  • 26 Bernd 13.03.2022, 12:06 Uhr

    Feiern, Urlaub machen sich Wünsche erfüllen warum nicht? Wir zahlen jetzt schon einen Preis für die Fehler der Politik in der Vergangenheit. Nun gilt es weitere Fehler zu vermeiden. Der Bürger bekommt nun die Medizin verabreicht die er in den letzten etwa 15 Jahren bestellt hat. Feiern ist ein Ventil.

  • 25 Heinz 13.03.2022, 11:46 Uhr

    Hallo. Dem ist nichts hinzuzufügen. Schlichtweg einfach nur der Realität entsprechend. Es ist wirklich teilweise heuchlerisch und Desinteresse am Geschehen in der ganzen Welt. Wen stört denn, besonders Jugendliche von fridays for Future, dass z.B. in Asien Kinder und Jugendliche für auch junge Menschen für kleines Geld Kleidung für uns produzieren und selbst auf Bildung und Luxus verzichten müssen. Denen wird das Leben geraubt, von uns, aus der westlichen Welt.

  • 24 Halligalli 13.03.2022, 09:03 Uhr

    Klingt nach dem Motto: Wenn man nicht betroffen ist, kann man ja feiern. Ein bisschen Spaß muss sein... Nach dieser Logik müsste man ja sich dann gar nicht mehr mit irgend etwas solidarisieren: nicht beim Umweltschutz, nicht bei Rassismus, nicht bei Krieg, nicht bei Corona, nicht bei Armut und Welthunger, nicht nicht nicht... hauptsache der Karneval kann gefeiert werden...

  • 23 Antje 12.03.2022, 20:31 Uhr

    Erbärmlich, dass wir nicht mal zwei Wochen Kriegsberichterstattung aushalten, bevor uns öffentlich versichert werden muss, das Feiern ok ist. Ich kann und will mich nicht nur über den Krieg unterhalten. Das macht mich verrückt. Aber Ihre Plattitüden sind unerträglich, „irgendwo ist immer Krieg“ (natürlich mit dem Vorsatz „das mag jetzt zynisch klingen“). Entsetzt haben mich auch Ihre Ausführungen zum „heuchlerischen Handeln“. Ich habe beim Blau-Gelben Kreuz drei Stunden geholfen. Ohne Heuchelei. Ohne Heuchelei hat meine Familie Geld gespendet. Zum Aufruf Gas und Öl zu sparen ist Ihr Kommentar, „der hat sich im Kreml bestimmt kaputt gelacht“. Wenn Ihre Tochter demnächst aus der Kita mit dem Bild einer selbstgemalten Friedenstaube nach Hause kommt, lachen Sie sich bitte mal so richtig kaputt. Und wenn sich Ihre Tochter demnächst bei FRIDAYS FOR FUTURE engagieren sollte, lachen Sie wieder. Ich wünsche uns, alles Leid weiter nur am Bildschirm ertragen zu müssen. Wir können ausschalten!

    Antworten (1)
    • Claudia Noack 15.03.2022, 10:19 Uhr

      Danke für diesen Content!!! Sie sprechen mir aus der Seele. Wer sich rechtfertigt, dass er feiert , dem plagt in Wirklichkeit sein ambivalentes Gewissen. Offensichtlich braucht diese Gruppe Anerkennung von außen, .....

  • 22 Mario Gewald 12.03.2022, 19:21 Uhr

    Liz Shoo, melde dich zum Helfen in der Ukraine oder mach den Kopp zu

    Antworten (3)
    • Thömmel 12.03.2022, 19:36 Uhr

      Ach Mario, hättest Du doch was anderes gemacht, als hier einen Kommentar zu schreiben...

    • Heinz 13.03.2022, 11:48 Uhr

      Platt und primitive, diese mehr als dumme Antwort.

    • Melli 13.03.2022, 22:21 Uhr

      Was für ein unmöglicher und dämlicher Kommentar.

  • 21 Colonius 12.03.2022, 17:41 Uhr

    Ich würde mich freuen wenn am Brandenburger Tor neben dem tollen Tilly Wagen (s. Bild) mit dem Motto für Putin: ERSTICK DRAN noch ein ähnlicher Wagen für SPD Schröder mit dem gleichen Motto stehen würde. Anstelle der Ukraine könnte ein Sack Geld gefüllt mit 600 000 Euro (Jahressalär von Gazprom) der sich in Schröders Rachen ergießt.

  • 20 Thömmel 12.03.2022, 15:52 Uhr

    Kölner, 48 Gut, dass hier (in Köln, Deutschland) freie Meinungsäußerung möglich ist. Schön, dass es offensichtlich Menschen gibt, die nachdenken, statt posaunen und trompeten ohne auch nur den Ansatz eines Blickes über den Tellerrand. Schaut alle mal rechts, mal links. Ein Blick in den Spiegel. Dann mal inne halten - und dann entscheiden. Wer ist Deine Nächste? Dein Nächster? Was tut Dir gut? Dann einfach mal machen - freundlich, friedlich und vielleicht sogar dankbar. Danke WDR. Danke Liz. Danke für Ermutigung, den Blick über den Tellerrand und wertvolle Impulse...

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