Rechts: Autorin Caro Wissing, links: Einige alkoholische Getränke werden zum anstoßen erhoben

KOLUMNE

Deutschland hat ein Alkoholproblem!

Stand: 19.02.2022, 15:00 Uhr

"Trink doch einen mit!" Caro Wißing kann es nicht mehr hören. Warum ist Alkoholtrinken in unserer Gesellschaft völlig normal, während Nicht-Trinken eine Rechtfertigung braucht?

Von Caro Wißing

Mit 13 das erste Bier - gestreckt mit Cola. "Schmutz" hieß das auf dem Schützenfest. Nicht viel später der erste Kurze mit Lakritzgeschmack. Der erste Filmriss nach dem Rosenmontagszug mit 16. Danach ein paar Monate Abstinenz vom harten Zeug. Ja, das ist in kurzen Schlaglichtern zusammengefasst mein Einstieg in den Alkoholkonsum. Und obwohl ich darauf nicht (mehr) stolz bin, habe ich wenig Bedenken, das hier zu teilen. Denn ich würde jede Wette eingehen, dass viele beim Lesen gerade gedacht haben: Oh ja, das war bei mir genauso. Alkoholkonsum in Deutschland ist vom Jugend- bis ins Seniorenalter nicht nur akzeptiert und toleriert, sondern schlichtweg die Normalität.

Wer trinkt, ist cool. Wer trinkt, ist gesellig, hat Spaß. Das ist der Konsens. Wer auf Partys kein Bier in der Hand hat oder beim Essen gehen nicht den Wein bestellt, ist derjenige, der von der Norm abweicht und in die Situation gerät, sich dafür auch noch rechtfertigen zu müssen. Warum denn kein Bier? Was ist denn los? Wer dann nicht mit einem triftigen Grund wie Schwangerschaft oder Einnahme von Antibiotika kontern kann, der bekommt direkt den nächsten Spruch. Ach komm, ein Glas geht doch! Dass man einfach gerade mal keinen Alkohol trinken möchte, das wird selten anstandslos hingenommen.

Trinken ist die Normalität - Nicht-Trinken verlangt gute Gründe

Noch kniffliger ist die Situation für Menschen, die gar keinen Alkohol trinken möchten - nie. Mein lieber Kollege und ImPuls-Kolumnist Vassili Golod hat in seinem Leben noch keinen Tropfen getrunken und hat das auch nicht vor. Neulich hat er erzählt, wie oft er schon Versuche erlebt hat, ihn zu "bekehren" und zu seinem ersten Schluck zu überreden. Und immer wieder die Frage nach dem Warum. Religiös? Krankheit? Als müssten es immer von außen auferlegte Gründe sein, die einen dazu zwingen, abstinent zu bleiben. Als könne es keine freie eigene Entscheidung sein.

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Mit keiner anderen Droge - und das ist Alkohol - gehen wir so lax um. Beim Rauchen, beim Kiffen, bei Pillen sehen wir immer direkt die gesundheitlichen Risiken. Aber noch nie habe ich jemanden sagen hören: Pass mal auf, Alkohol erhöht dein Krebsrisiko oder könnte deine Hirnleistung einschränken.

Wie schizophren ist es, dass wir das eine total verteufeln und das andere geradezu glorifizieren? In Deutschland sterben mindestens 74.000 Menschen pro Jahr direkt an missbräuchlichem Alkoholkonsum - da sind noch nicht die eingerechnet, die an Folgeerkrankungen sterben.

"Interessant finde ich es auch, dass der exzessive Alkoholkonsum einem derzeitigen Gesundheits-, Fitness- und Körperoptimierungstrend diametral gegenübersteht. Morgens Yoga, mittags die Açaí-Hirse-Bowl und abends eine ganze Flasche Wein passen in ein und denselben Lebensstil." Caro Wißing

Genauso gut könnte ich natürlich auf Tabak oder Süßwaren schimpfen. Ist schließlich auch ungesund, macht krank und süchtig. Aber die Nebeneffekte sind andere. Keiner setzt ein Auto vor den Baum, nur weil er vorher geraucht hat. Dass wir beim Trinken langsam die Kontrolle verlieren und Hemmungen fallen, ist Fluch und Segen zugleich. Alkohol macht uns kommunikativer, weniger ängstlich - manche aber auch aggressiver. Bei mehr als einem Viertel aller Gewalttaten 2017 in Deutschland standen die Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss. Andere werden furchtbar emotional, weinerlich sogar, sagen oder tun Dinge, die sie am nächsten Tag bereuen. Wir sind einfach nicht wir selbst im Rausch.

Betrunken werden ist das Ziel

Das ist in gewisser Weise auch Sinn der Sache. Alkohol ist ein Rauschmittel. Wir trinken nicht nur, weil es uns gut schmeckt. Wir trinken auch, weil wir mal entfliehen wollen, loslassen, uns locker machen. Und daran ist zunächst einmal auch nichts auszusetzen. Solange Trinken nicht zum Selbstzweck wird. Aber ich habe den Eindruck, das ist es sehr oft. Das Ziel des Abends ist besoffen zu werden, sich abzuschießen. Vorglühen, um ja nicht nüchtern auf der Party zu erscheinen. Gerade im jungen Alter.

Das Durchschnittsalter für den ersten Schluck liegt in Deutschland bei 13,8 Jahren. Es ist absolut richtig, sich und seine Grenzen in dem Alter auszutesten. Aber ein Viertel aller Jugendlichen trinkt regelmäßig mindestens einmal pro Woche Alkohol. In keiner anderen Altersgruppe gibt es mehr Behandlungen im Krankenhaus wegen einer Alkoholvergiftung. Es wird Jugendlichen auch nicht gerade schwer gemacht, an Bier oder Wein zu kommen. Bei uns gelten weltweit mit die lockersten Jugendschutzgesetze. Wenn Eltern dabei sind, dürfen schon 14-Jährige im Restaurant ein Glas Sekt bestellen. Und das hat durchaus Tradition, wie ich dieser Tage erfahren habe. In manchen Gegenden bei uns in NRW ist das eine Art Konfirmationsbrauch.

"Das geht gar nicht!", hat jetzt der Drogenbeauftragte der Bundesregierung gesagt. Er will erreichen, dass Alkohol nur noch ab 18 Jahren gekauft werden kann. Aber ich frage mich: Was bringt das? Hatten wir nicht alle früher die eine Schwester, den einen älteren Kumpel, der für uns am Kiosk den Schnaps besorgt hat?

Vielmehr müsste die Dauerpräsenz von Alkohol aus unserem Alltag verschwinden, hat mir Armin Koeppe gesagt. Er ist Leiter der NRW-Landesfachstelle Prävention.

Allgegenwärtig und verharmlost: Flachmann neben Kinderschokolade an der Supermarktkasse

"In jedem Büdchen oder Supermarkt, in den man reinkommt, läuft man gegen die Sonderangebote der Bierkisten. Deswegen kommen die Jugendlichen gar nicht drum herum, mit dem Alkohol konfrontiert zu werden - im Fernsehen, in der Werbung ist er allgegenwärtig!", so Koeppe. Er plädiert dafür, Alkohol nur noch in bestimmten Shops zu verkaufen, deutlich teurer und nicht rund um die Uhr. Das würde nicht nur Jugendlichen die Versuchung ein Stück weit nehmen. Auch uns Erwachsenen. Koeppe aber glaubt nicht, dass das in Deutschland realisierbar ist.

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Woran liegt das? Ich habe mich gefragt, ob die deutsche Alkohol-Lobby denn echt so mächtig und groß ist. Und ich hatte die Frage in meinem Kopf noch nicht zu Ende formuliert, da kam schon direkt die Antwort: Na klar ist sie das. Mir fallen auf Anhieb zig Marken ein, Werbesprüche, Sponsorenverträge (ironischerweise meist im Bereich Sport) und Kampagnen. Der Bund nimmt jährlich Steuern aus dem Alkoholverkauf in Höhe von 3,1 Milliarden Euro ein. Kommunen sind darauf angewiesen, dass Kneipen, Bars und Clubs als Innenstadtmagnete funktionieren. Alkohol ist Wirtschaftsfaktor.

Aber es muss doch einen Weg geben, von der Saufkultur hin zu einer Genusstrinkkultur zu kommen. Das klingt für den ein oder anderen vielleicht ziemlich lahm, aber ich persönlich will, dass wir unseren unkritisch positiven Blick auf den Alkohol hinterfragen. Dass wir maßvoll trinken, nicht bei jeder Gelegenheit. Dass wir uns nicht zum Feierabendbier, zum Weinabend oder zur Cocktail-Happy-Hour verabreden und damit schon das Trinken in den Mittelpunkt stellen, sondern einfach nur das gesellige Zusammensein. Und dass ein Nein zum Alkohol keine Fragen und Vorwürfe mehr hervorruft.

Sie finden meine Kritik an unserem Umgang mit Alkohol völlig übertrieben? Oder Sie plädieren für Verbote und strengere Gesetze? Lassen Sie uns darüber diskutieren! In den Kommentaren auf WDR.de oder auf Social Media.

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Kommentare zum Thema

114 Kommentare

  • 114 Maik 22.02.2022, 20:00 Uhr

    Abend Alkohol ist die legale Droge und der Staat verdient ordentlich mit die sollten Mal sehen wie elendig die Menschen daran sterben und wie viel Familien daran zerbrechen und das vielleicht Live ich habe es erlebt nur die Realität ist sie würden weiter saufen du kannst einen nur helfen wenn er will oder teuer machen und das hilft auch nicht siehe Drogen

  • 113 Th. 22.02.2022, 11:00 Uhr

    Hallo, ich stimme mit vielen Punkten in Ihrer Kolumne, Frau Wißing überein. Seit gut 30 Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr, da ich nicht damit umgehen kann. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist im Laufe der Jahre besser geworden, aber immer noch nicht gut genug. Damals war es mir möglich, eine 6 Monate andauerende Therapie zu machen und meines Wissens ist dies heute in dieser Länge nicht mehr möglich. Ich habe damals die Zeit benötigt. Eine möglichst objetive Diskussion übder die Alokoholsucht Problematik in der Öffentlichkeit wäre sicherlich hilfreich.

  • 112 Lurchi 22.02.2022, 09:55 Uhr

    Hallo, scheinbar hat Deutschland doch wohl kein Alkoholproblem. Denn fast alle Kommentar:innen ca. 90% im Blog schreiben - ekelhaft, trinke keinen Alkohol usw. Dieser Blog ist nicht repräsentativ, aber dann müssen ja viele andere Menschen, für die Antialkoholiker hier, deren nicht getrunken Alkoholika, mittrinken. Respekt an die Menschen hier, die sich hier geortet haben.

  • 111 Lars 22.02.2022, 09:24 Uhr

    Finde ich absolut dämlich🤣lass die Leute dich trinken wenn sie wollen..

  • 110 Martin 22.02.2022, 08:39 Uhr

    Wer schon nicht in der Lage ist Nein zu sagen, wenn ihm Alkohol angeboten wird und er dies nicht möchte, hat auch in anderen Situationen ein Problem Nein zu sagen und sollte sein Ego grundsätzlich hinterfragen. Die hier geschilderte Klischee-Erfahrung mit Alkohol in der Jugend, als Dogma für den Einstieg in die Alkoholsucht, ist ebenso banal, wie falsch. Anfangs trinkt man weil man dem Druck der Gruppe nicht stand hält und später, weil man süchtig ist. Das Problem ist nicht der Alkohol, sondern das Unvermögen der betroffenen Person nicht dem "Druck" der Gruppe standhalten zu können. Gleiches gilt für das Rauchen. Niemand muss, jeder kann oder sagt Nein. Wer nicht in der Lage ist, diese Entscheidung für sich selbst zu treffen und zu tragen, soll doch bitte nicht die Gesellschaft für seine persönliche Schwäche verantwortlich machen.

  • 109 Anonym 22.02.2022, 06:06 Uhr

    Vor der Schwangerschaft hatte ich einen Alkoholkonsum, den ich mehr als grenzwertig bezeichnen würde. Hier ein Gläschen Wein, da ein Schnaps und beim Ausgehen auch gerne mehr. Seit 19 Monaten bin ich nun "alkoholfrei". Weihnachten habe ich zum Genuss etwas Rotwein zum Essen trinken wollen und habe mit voller Wucht die toxische Wirkung erfahren. Das hat mich endgültig vom Alkohol geheilt! Derzeit stille ich noch, bin aber gespannt, ob meine Abstinenz anschließend akzeptiert wird. Ich finde mein Leben ohne Alkohol hat einfach mehr Qualität. Ein alkoholfreier Wein gelegentlich hat mittlerweile eine ähnlich entspannende Wirkung auf mich. Stellenweise belastet meine veränderte Einstellung zum Alkohol meine Beziehung. Mein Partner trinkt oft maßlos Alkohol und zu jeder Uhrzeit wird mindestens Bier getrunken, wenn ein Freund zu Besuch kommt. Ich würde mir sehr wünschen, wenn der Alkohol teurer wäre, damit in unserer Gesellschaft hoffentlich weniger getrunken wird!!!

  • 108 Patrick 21.02.2022, 22:32 Uhr

    Danke für den Wissenswerten Artikel... Ich brauche den Alkohol damit ich sowas Lesen kann und den Mist Ertragen kann was in Deutschland seid einiger Zeit stattfindet.

  • 107 Paul 21.02.2022, 20:25 Uhr

    Guten Abend, ein schöner Artikel, mit viel Fakten. Spricht mir aus der Seele. Ich habe vor einigen Jahren beschlossen keinen Alkohol mehr zu trinken, was mir in meinen Umfeld, den Ruf etwas schrullig zu sein eingebracht hat. Und es stimmt wenn man sich outet, kommen die Missionare und versuchen einen zum rechten Glauben zu bekehren. Im sozialen Bereich macht, es den Anschluß zu finden, schwierig. Besonders wenn man neu in der Stadt ist und Corona einem das Leben vermiest.

  • 106 Steffen 21.02.2022, 20:12 Uhr

    Moinsen. Endlich ist wird das mal zum Thema gemacht. Unsere Familien saufen sich seit Jahren um den Verstand und auch im Bekanntenkreis ist Alkohol allgegenwärtig. Ich bin dafür das Alkohol mindestens doppelt so teuer werden muss und auch kontrollierter abgegeben werden sollte. Ich habe ein paar Jahre in Norwegen gearbeitet und dort erlebt wie es dort gehandhabt wird. Es ist zwar auch noch nicht optimal aber dort ist Alkohol sehr teuer und es wird auch präventiv einiges bei Jugendlichen getan. Es wäre wünschenswert wenn allgemein schon früh angefangen wird aufzuklären was Alkoholmissbrauch mit Menschen anrichtet.

  • 105 Stephan 21.02.2022, 19:52 Uhr

    Danke für den Artikel. Genauso ist es. Ich muss mich immer wieder seit Jahren dafür entschuldigen,dass ich keinen Alkohol trinke.

  • 104 Andra 21.02.2022, 17:20 Uhr

    Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen , die begreifen, das Alkohol eine sehr schlimme Droge ist und es wäre in meinem Sinne, wenn es Alkohol nur noch in speziellen Shops geben würde. Ich habe soviele Alkoholiker im Familien und Freundeskreis, das ist echt schon ekelhaft .

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