Wie geht es den Kindern nach der Hochwasser-Katastrophe?

„Wir spielen Evakuierung“: Kinder versuchen die Überflutung zu verarbeiten Aktuelle Stunde 21.07.2021 Verfügbar bis 28.07.2021 WDR Von Dorothea Schluttig

Wie geht es den Kindern nach der Hochwasser-Katastrophe?

Von Nina Magoley

Ertrunkene Nachbarn, ein zerstörtes Zuhause, verzweifelte Eltern: Auch für Kinder und Jugendliche ist die Situation in den Hochwassergebieten derzeit extrem belastend. Worauf es ankommt, erklärt ein Seelsorger.

Als die Volme in der Nacht zu Mittwoch das Terrassenfenster eindrückte und schlammbraun ihr Wohnzimmer flutete, hatte sich Familie Schön bereits im Obergeschoss in Sicherheit gebracht. "Innerhalb von Minuten schwappte der Fluss hier überall durch", berichtet Julia Schön. Bald stand das Haus im Hagener Stadtteil Volmetal komplett im reißenden Fluss, wie eine Insel.

Keiner wusste, wie weit das Wasser steigen würde. Die angerufene Feuerwehr konnte der Familie nur raten, Ruhe zu bewahren. Ihre drei Kinder, bald fünf, sieben und acht Jahre alt, hatten am Abend schon die wichtigsten Sachen in Taschen gepackt - Playmobil, Stofftiere, ein paar Klamotten.

Die Wohnung ist jetzt komplett zerstört. Öliger Schlamm überall, auch dort, wo die Kinder ihr Bett und Spielzeug hatten. "Langsam kippt die Stimmung", stellt Mutter Schön fest, "die Nerven der Kinder liegen zunehmend wegen Kleinigkeiten blank". Zwar ist im Hause Schön kein Mensch ums Leben gekommen - dennoch: Auch für die Kinder ist nichts mehr, wie es mal war.

Kinder sahen Tote, bangen um Vermisste

In Gebieten wie Ahrweiler oder Bad Münstereifel erleben Kinder und Jugendliche zurzeit den reinsten Albtraum. Einige haben gesehen, wie Menschen vom Wasser mitgerissen wurden, haben Tote gesehen, bangen um vermisste Verwandte oder Freunde oder müssen begreifen, dass ihr Zuhause überhaupt nicht mehr existiert.

Pfarrer Albrecht Roebke ist als evangelischer Notfallseelsorger jeden Tag im Kreis Euskirchen vor Ort. Er hat vor allem die Kinder und Jugendlichen im Blick. Wie sie die Situation jetzt verkraften, hänge kolossal davon ab, in welchem Zustand die Eltern sind, sagt er: "Kleine Kinder orientieren sich am Verhalten der Eltern, sie echoen deren Gefühle." Ist der Vater panisch, sind es auch die Kinder. Strahlen die Eltern Ruhe aus, gebe das den Kindern eine "Grundsicherheit, die ihnen hilft, mit der Situation zurecht zu kommen".

"Wenn der Papa in Panik geweint hat, kann ein kleines Kind, das 'nur' nasse Füße bekommen hat, stärker traumatisiert sein als eins, das an der Leichensammelstelle vorbeigehen musste."

Ablenkung hilft

Albrecht Roebke

Vor Ort im Kreis Euskirchen: Seelsorger Roebke

Kinder lassen sich glücklicherweise schnell ablenken, sagt Roebke. Er sei heilfroh, dass in den letzten Tagen bereits Gruppen der Pfadfinder und der Katholischen Jugend vor Ort waren, die mit den Kindern Fußball gespielt haben oder durch den Wald gestreift sind. "Für eine Stunde gibt das den Kindern Sicherheit", sagt der Seelsorger, "eine Riesenentlastung".

Aber er warnt auch davor, den Kindern gegenüber die Situation zu verharmlosen - denn sie haben feine Antennen für die wahren Emotionen der Erwachsenen. "Ganz wichtig ist, ehrlich mit ihnen zu reden!", rät Roebke. Vielen tue gut, mit eingebunden zu werden, Aufgaben zu bekommen: "Wenn alle die Ärmel hochkrempeln, ziehen die Kinder gerne mit und kommen so auch aus ihrem Ohnmachtsgefühl heraus."

Kopfkino fern von zuhause

Schickt man die Kinder besser zur Oma? Kommt darauf an, sagt der Seelsorger. Wenn zuhause alles zerstört ist, findet ein fünfjähriges Kind möglicherweise Sicherheit und Beruhigung in der normalen Welt der Großeltern. Aber auch das hänge vom Zustand der Eltern ab: "Geht es ihnen sichtbar nicht gut, wird sich das Kind auch bei der Oma dauernd Sorgen machen - Kopfkino kann sehr schlimm für Kinder sein." Dann müsse man es zumindest dauernd auf dem Laufenden halten. Sind die Eltern stabil, kann das Kind auch beruhigt fahren - oder sogar besser am Katastrophenort bleiben. "Am besten fragt man das Kind selber, was es möchte", rät Roebke.

Jugendliche doppelt gestresst

Frau und Kind packen in einem Schulflur einen Tornister

Kinder haben schlimme Bilder gesehen

Schwieriger ist die Situation für Jugendliche. In der Pubertät ohnehin "grundgestresst", fehle ihnen jetzt komplett die Möglichkeit, Normalität und Verlässlichkeit wiederzufinden - in dieser Lebensphase besonders wichtig. "Und das, nachdem bereits ein Jahr lang nichts mehr normal war". Selbst der doofe Lehrer in der Schule wäre jetzt hilfreich - weil er Verlässlichkeit bedeuten würde.

Andererseits: Wenn betroffene Jugendliche jetzt die Chance bekommen, in ihrem zerstörten Heimatort mit anzupacken und dabei erleben, dass ihnen etwas gelingt, dann könnten sie daran wachsen. "Langfristig kann das eine enorme Stärkung sein."

Überflutung ohne Vorwarnung Aktuelle Stunde 20.07.2021 UT Verfügbar bis 27.07.2021 WDR Von Felix Mannheim

Vernetzung von Hilfsangeboten fehlt

Entscheidend bei alledem seien jetzt zwei Aspekte, sagt der Pfarrer: Zum einen müssten Kinder und Jugendliche jetzt schnell so viel Normalität wie eben möglich wiedererlangen. Zum anderen bräuchten Eltern in den Katastrophengebieten jetzt und weiterhin Unterstützung für den Umgang mit ihren Kindern. Beratungsstellen und Akteure - wie Therapeuten, Erzieherinnen, Vertrauenslehrer, Elternabende - gebe es in ganz NRW, sagt er - "aber es fehlt die Koordination, um diese Angebote mit den Bedürftigen zu vernetzen, es fehlt jemand, der jetzt die nötigen Strukturen dafür schafft".

Stand: 21.07.2021, 20:19

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