Helfer-Stau im Hochwassergebiet: Plötzlich sind es zu viele

Stau auf den Straßen ins Ahrtal, Rettungswagen gelangen nicht mehr rein.

Helfer-Stau im Hochwassergebiet: Plötzlich sind es zu viele

Von Nina Magoley

Tausende freiwillige Helfer melden sich jeden Tag im zerstörten Hochwasser-Katastrophengebiet. Die riesige Hilfsbereitschaft zu koordinieren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

"Die Helfer kommen zu Tausenden", sagt ein Sprecher im Pressezentrum Hochwasser Ahr. Am Samstagmittag sind die Zufahrtstraßen zu den besonders betroffenen Orten hoffnungslos verstopft. Anreisende Helferinnen und Helfer werden bereits aufgefordert, den Bereich "zeitnah zu verlassen" und das Krisengebiet Ahr in den nächsten Tagen nicht aufzusuchen. Shuttle-Busse bringen Helfer wieder zurück. Im Ahrtal warnt die Polizei am Samstag eindringlich: "Kommen Sie nicht!"

Mittlerweile hat der zuständige Krisenstab das Gebiet für den Individualverkehr komplett gesperrt.

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Denn: Die Situation in den vom Hochwasser zerstörten Orten ist im Moment offenbar mehr als chaotisch. Baumaschinen und Rettungsfahrzeuge stecken fest, viele Freiwillige sind mit eigenen Geräten und Werkzeugen angerückt und wissen nun nicht, wo sie anfangen sollen. "Ganze Fuhrparks an schwerem Gerät sind hier versammelt", berichtet ein freiwilliger Helfer dem WDR aus dem Ahrtal, daneben stünden palettenweise Hilfsgüter mit Windeln, Getränken oder anderen Spendengütern.

"Lieber noch ein paar Tage warten"

Helfer versammeln sich an einer Straße

Private Helfer versammeln sich an einer Straße

"Wir koordinieren bereits 7.000 professionelle Helfer", sagt der Sprecher - von Bundeswehr über Feuerwehr, Bergwacht bis zur Polizei. Es sei enorm schwierig, die Hilfe der privat angereisten sinnvoll zu koordinieren, wenn sie direkt in die Orte führen. "Idealerweise kommt man erst in den Bereitstellungsraum am Nürburgring", von hier aus könnten Helfer an die lokalen Einsatzleitungen in den verschiedenen Orten verteilt werden. Aber: "Im Moment sind wir völlig ausgelastet, wer helfen will, sollte lieber noch ein paar Tage warten."

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Bundeswehr sitzt nicht rum

Von Bundeswehrsoldaten, die als professionelle Helfer ins Krisengebiet gebracht wurden, war zuletzt zu hören, dass einige tatenlos herumsitzen müssten, keine Aufgaben bekämen. "Das ist von außen schwer zu verstehen", sagt der Sprecher: Sie müssten ständig eine bestimmte Zahl von Soldaten "ortsnah in Bereitsstellung" halten, um in unvorhergesehenen Situation schnell reagieren zu können. "Deren Aufgabe ist es quasi, zu warten."

Große Menschengruppe, die zu Fuß ins Ahrtal geht.

Private Helfer im Anmarsch auf das Ahrtal

Parallel zu diesen professionellen Helfern organisieren sich aber im Internet zahlreiche Privatleute. Ganze Baufirmen rücken mit Lkw, Baggern und schwerem Gerät an. Auf Seiten wie "ahrhelp" können sich Freiwillige eintragen, die kostenlose Hilfe anzubieten haben oder welche suchen - vom Aufräumen über Rechtsberatung bis zur warmen Dusche. Auch für Samstag hat sich dort eine private Hilfstruppe angekündigt: "Hallo. Wir kommen morgen mit ca. 10 Personen nach Ahrweiler bzw. Bad Neuenahr. Eimer, Stirnlampe und Schüppen im Gepäck. Wo können wir anpacken?"

Jede Hand wird gebraucht - eigentlich

"In den Orten selber wird jede Hand gebraucht", berichtete eine freiwillige Helferin dem WDR. Sie hatte sich in den vergangenen Tagen einer Gruppe angeschlossen und war dann von Köln aus ins Ahrtal gefahren, um sich nützlich zu machen: Keller mit auszuräumen oder Eimerketten zu bilden, um Wasser aus einem Haus zu schöpfen. Während THW und Feuerwehr überall mit schwerem Gerät geräumt und gebaggert hätten, Panzer der Bundeswehr umher fuhren.

"Die Menschen haben sich wahnsinnig gefreut über die Helfer, und wir haben auch wirklich viel tun können", sagt die Frau. Doch der Andrang sei immens, und auch sie könne sich vorstellen, dass es mittlerweile zum Problem würde, wie die Helfer in die Orte kommen, ohne sämtliche Zufahrten zu verstopfen.

Feuerwehrmann Björn Adam

Feuerwehrmann Björn Adam, Helfer im Ort Rech

Björn Adam von der Freiwilligen Feuerwehr in Bennewitz bei Leipzig ist als Koordinator für den Einsatz seiner Kollegen im zerstörten Ort Rech in Rheinland-Pflaz eingesetzt. Regelmäßig bringen sie mit Lkw Schutt aus dem Ort heraus oder bringen neue Leerrohre für Elektrokabel hinein - alles genau geplant. Aber auch ihre Fahrzeuge steckten am Samstag zeitweise im Stau.

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Für den "gigantischen Zuspruch" so vieler hilfsbereiter Menschen und auch Baufirmen sei er sehr dankbar. "Aber das ist alles schwer planbar, wir wissen nie, wer heute wirklich da ist." Zudem seien die Orte einfach zu schmal und zu klein, um jede Menge Baufahrzeuge von freiwilligen Helfern durchzulassen. Sein Appell an alle, die helfen wollen: "Der Bedarf ist in sechs bis acht Wochen immer noch da." Er bitte um ein bisschen Geduld und rät: "Die Kontakte, die einige hier jetzt schon aufgebaut haben, halten und dann später nochmal nachfragen."

Stand: 24.07.2021, 16:56

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