Leben nach der Flut: "Ohne Helfer schaffen wir es nicht"

Helfer gehen im Ortsteil Blessem an Schildern mit der Aufschrift "Danke" vorbei.

Leben nach der Flut: "Ohne Helfer schaffen wir es nicht"

Von Marion Kretz-Mangold

Kaum hatte die Nachricht von der verheerenden Flut vor zwei Wochen die Runde gemacht, machten sich viele spontan auf den Weg: Freiwillige, die einfach helfen wollten. Heute ist klar, ohne sie wäre es nicht gegangen.

Ob Dernau, Hagen oder Stolberg: Plötzlich sind sie da, mit Schaufeln und Stiefeln, und machen sich daran, die Spuren des Hochwassers zu beseitigen, das Dutzende von Orten in Schutt und Schlamm gelegt hat. Ungefragt, aber hoch willkommen: Flutopfer, die wildfremden Menschen um den Hals fallen, und improvisierte "Danke"-Schilder - das sind Bilder, die in Erinnerung bleiben werden.

Spontan zur Schaufel gegriffen

Schlamm schippen und Sperrmüll entsorgen waren die wichtigste Baustellen, nachdem in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 Hunderte von Litern Regen auf Eifel, Ahrtal und Westfalen niedergegangen waren. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer machten sich sofort auf den Weg, als sie die Nachrichten gehört haben, um mit anzupacken. Bei den Nachbarn nebenan mit dem vollgelaufenen Keller oder zwei Autostunden weit weg, wo ganze Straßenzüge von den Fluten weggerissen wurden. Dafür brachen viele sogar ihren Urlaub ab.

Die Bildergalerie gibt einen kleinen Überblick, über all die großen und kleinen privaten Hilfsaktionen.

Anpacken und unter die Arme greifen: Hilfe in der Not

Suppe kochen, Schlamm schippen, Sofas schleppen: Wer nach der Flutkatastrophe helfen wollte, musste nicht lange suchen. Ob klein oder spektakulär: Jede Hilfe wurde gerne angenommen.

Ein Helfer entsorgt in Euskirchen Sperrmüll auf einem Haufen auf der Straße

Weg damit! In den Tagen nach der Flutkatastrophe müssen tonnenweise Möbel, Kühlschränke und Spielzeug aus den zerstörten Häusern geholt werden. Das fällt den Helfern und Helferinnen oft leichter als den Betroffenen - sie wissen ja nicht, welche Erinnerungen sich damit verbinden.

Weg damit! In den Tagen nach der Flutkatastrophe müssen tonnenweise Möbel, Kühlschränke und Spielzeug aus den zerstörten Häusern geholt werden. Das fällt den Helfern und Helferinnen oft leichter als den Betroffenen - sie wissen ja nicht, welche Erinnerungen sich damit verbinden.

Als Rocco Daniel Jendroska aus Kirchlengern die Bilder der Flut-Zerstörung im Fernsehen sieht, kommen dem Spediteur für Schwertransporte die Tränen. Und er wusste, sagt er, "ich möchte helfen". Ein Kunde brachte ihn schließlich auf die Idee, die Einsatzkräfte im Krisengebiet an der Ahr mit Baumaschinen zu unterstützen. Jendroska startet einen Aufruf - und stellt einen Konvoi mit 30 Schwertransportern voller Geräte auf die Beine.

Auch Hubert Markmann macht sich auf den Weg. Der Schausteller will mit Tieflader und Kran die Straßen in Bad Münstereifel freiräumen. Eigentlich ist er ein routinierter Fahrer, aber da liegt zu viel Schutt im Weg. Also hebt er Autos aus dem Schlamm.

"Ich habe meinen Rosenkranz gepackt und mich gesegnet und dann bin ich da runter": So, wie Hubert Schilles es erzählt, klingt es nach nichts Besonderem. Dabei hat der Tiefbauunternehmer eigenhändig dafür gesorgt, dass die Steinbachtalsperre nicht überläuft. Mit dem Bagger hat er einen Zulauf freigeräumt - 18 Meter unter dem Wasserspiegel - und damit vielleicht vielen Menschen das Leben gerettet.

Ähnlich spektakulär: Die Millionenspende von Horst Eschler aus Münster. Vor zehn Jahren ist seine Frau verstorben: "Wir haben uns immer gegenseitig versprochen, dass der, der übrig bleibt, mit dem Geld Menschen in Not hilft." Sonst unterstützt er den Zoo oder bedürftige Kinder, jetzt die Flutopfer, und alles selbst erspart.

Organisationstalent: Mark Ullrich und Thomas Pütz haben einen Shuttle-Dienst in der Nähe von Ahrweiler auf die Beine gestellt. Damit werden die Hunderte von Menschen, die mit Schaufeln und Stiefel in der Schlange stehen, ins Tal gebracht - ohne noch mehr Autos in die verstopften Straßen zu bringen.

Hauptsache helfen: In Hagen-Hohenlimburg haben die Fußballer das Feld gegen die zugemüllte Straßen getauscht. Dabei arbeiten sogar die Stadtrivalen SpVh Hage 1911 und SC Concordia 1967 Hand in Hand.

Wer arbeitet, soll auch essen. Freiwillige rücken mit Grills und ganzen Imbissbuden an, um andere Freiwillige mit Kalorien zu versorgen. Die Pizza aus der Schubkarre schmeckt aber auch.

Tausende wollten helfen - viel zu viele

"Die Menschen wollen einfach helfen in einer Situation, die nicht normal ist", erklärt Katharina Hehne vom DRK-Kreisverband Bonn. Von dort aus werden viele Hilfseinsätze koordiniert, weil der Kreisverband Ahrweiler unter Wasser steht. Ihr größtes Problem: Die vielen Spontanhelfer, wie sie offiziell heißen, gezielt dahin bringen, wo sie gebraucht werden. Szenen wie die in Ahrweiler, wo die Straßen für Auswärtige gesperrt werden mussten, weil der Ansturm zu groß wurde, sollen sich nicht wiederholen.

Eine Lagerhalle voller Hilfsgüter und zahlreichen Herlfen in Würselen

Kleidung bergeweise: Auch ein Job für Helfer

Also werden die 1.600 Spontanhelfer, die sich innerhalb von wenigen Tagen gemeldet haben, in Gruppen mit dem Shuttle-Bus an die Ahr oder nach Euskirchen gefahren. Der gröbste Schlamm ist beseitigt, also sortieren sie Sachspenden, helfen bei der medizinischen Versorgung oder teilen Erbsensuppe aus. Hehne: "Ohne die freiwilligen Helfer schaffen wir es nicht."

Entrümpeln, spenden, Suppe kochen

Eine Helferin trägt zerstörtes Mobiliar aus Häusern in Altena

Jeder Handgriff hilft

Anderswo haben sich die Helfer in Whatsapp-Gruppen organisiert, nennen sich "Helfende Hände" oder "4330" wie die Postleitzahl von Mülheim. Die einen spezialisieren sich auf Entrümpelung, besorgen Pumpen und Tieflader. Andere organisieren Tapetentische voller Essen. Da treffen sich Helfer und Geschädigte bei einem Teller Nudeln und reden. Und wer nicht anpacken kann, spendet Geld: Millionen sind inzwischen zusammengekommen.

Einfach losziehen geht nicht mehr

In den Gruppen macht sich inzwischen ein bisschen Ernüchterung breit. Die Straßen sind vom Schutt befreit, die Keller leer gepumpt - auf gut Glück los ziehen und einfach helfen geht nicht mehr. Manche haben sich deswegen "Patenfamilien" gesucht, denen sie weiter unter die Arme greifen. Denn klar ist: Es wird Monate, vielleicht Jahre dauern, bis die Menschen in den zerstörten Orten wieder normal leben können. Die vielen Helfer und Helferinnen werden noch gebraucht - auch ohne Schaufel.

Stand: 03.08.2021, 21:06

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