Flut an Ahr und Erft: Durch den Klimawandel droht sowas häufiger

Flut an Ahr und Erft: Durch den Klimawandel droht sowas häufiger

Von Christian Wolf

Viele Menschen haben in den verheerenden Fluten in NRW ihr Leben verloren. Mit steigenden Temperaturen werden solche Extremereignisse häufiger, bestätigen Forscher in einer Analyse - und fordern Konsequenzen.

Ist das noch Wetter oder schon Klimawandel? Diese Frage haben sich viele Menschen nach der verheerenden Flutkatastrophe in NRW gestellt. Denn angesichts Dutzender Todesopfer und Schäden in Milliardenhöhe kann es hilfreich sein, die tragischen Ereignisse einzuordnen - und sich gegebenenfalls für die Zukunft vorzubereiten.

Eine internationale Gruppe von fast 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat sich für die Forschungsinitiative World Weather Attribution in den vergangenen Wochen genau damit beschäftigt. Am Dienstag haben sie ihr Fazit vorgestellt: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solch extremen Regenfällen kommt, ist durch den Klimawandel drastisch erhöht.

Höhere Wahrscheinlichkeit für extreme Starkregenfälle

Untersucht wurde das für die Region westlich des Rheins zwischen der Schweiz und den Niederlanden - also inklusive des Westens von NRW. Viel näher rangehen konnten die Forscher nicht, weil die konkreten Flutgebiete zu klein waren, um zu berechenbaren Aussagen zu kommen. Für die gesamte Region heißt es, dass die Wahrscheinlichkeit für solch extreme Starkregenfälle im Vergleich zu der Zeit vor der Industrialisierung um das 1,2- bis 9-fache höher liegt.

"Ich nehme mal einen Faktor von 5: Wenn wir jetzt eine Wahrscheinlichkeit haben, dass so ein Ereignis alle 400 Jahre auftritt, dann wäre das ohne den Klimawandel alle 2.000 Jahre aufgetreten." Enno Nilson, Bundesanstalt für Gewässerkunde in Bonn

Unter den derzeitigen Klimabedingungen sei zu erwarten, dass ein bestimmtes Gebiet - also zum Beispiel die Eifel - etwa einmal in 400 Jahren von einem solch verheerenden Ereignis heimgesucht wird. Doch dabei bleibt es nicht. Innerhalb der gesamten Region westlich des Rheins von der Schweiz bis in die Niederlande sind laut den Wissenschaftlern in diesem Zeitraum mehrere solche Ereignisse zu erwarten. Das heißt: In zehn oder 100 Jahren könnte es den Niederrhein oder ein anderes Gebiet treffen.

All das deckt den derzeitigen Stand ab. Nimmt der Klimawandel zu und steigen die Temperaturen noch weiter, dürfte extremer Starkregen noch häufiger werden. Denn: Eine wärmere Atmosphäre kann auch mehr Wasser speichern. In der Untersuchung heißt es, dass wenn es noch einmal 0,8 Grad wärmer wird, sich die Häufigkeit von alle 400 Jahre auf 300 Jahre erhöht.

Niederschläge werden auch heftiger

In Ophoven versuchen Mitarbeiter der Feuerwehr die Wassermassen mit Sandsäcken einzudämmen

Auch die Menge an Regen wird wohl mehr

Doch nicht nur das. Auch die Intensität nimmt durch den Klimawandel zu. Sie steigt laut den Berechnungen der Forscherinnen und Forscher auch bei uns in NRW zwischen drei und 19 Prozent. Bedeutet: Die extremen Niederschläge werden auch heftiger, es kommt noch mehr Regen runter. Das zeigt sich schon jetzt. In der Region um die Flüsse Ahr und Erft waren den Angaben zufolge pro Tag durchschnittlich 93 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen - ein Höchststand seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Die Bandbreite der Zahlen bei Häufigkeit und Intensität ist deshalb so groß, weil verschiedene Klimamodelle benutzt wurden, deren Vorhersagen sich unterscheiden. Eine punktgenaue Aussage zur Wirkung des Klimawandels auf künftige Flutkatastrophen ist deshalb nicht möglich. Aber:

"Das Konkrete, was ich daran ablesen würde, ist, dass die Richtung eindeutig ist. Es ist überall ein Plus." Enno Nilson, Bundesanstalt für Gewässerkunde in Bonn

Die Initiative gleicht statistische Wetterdaten und Klimadaten aus der Vergangenheit mit Klimamodellen für die Zukunft ab, um schneller als herkömmliche wissenschaftliche Studien eine Einschätzung zu einem bestimmten Extremwetterereignis zu geben. In einer anderen Studie hatten die Forscher dieses Jahr bereits festgestellt, dass die extreme Hitzewelle in Nordamerika ohne den Klimawandel "praktisch unmöglich" gewesen wäre.

Bessere Vorbereitung gefordert

Doch was für Konsequenzen müssen nun gezogen werden? "Die lokalen und nationalen westeuropäischen Behörden müssen sich dieser wachsenden Risiken durch Starkregen bewusst sein, um besser auf mögliche künftige Extremwetterereignisse vorbereitet zu sein", sagt Frank Kreienkamp vom Deutschen Wetterdienst.

Und Klimaforscherin Friederike Otto von der Universität Oxford ergänzt: "Durch die Überschwemmungen wurde deutlich, dass selbst Industrieländer nicht vor den schweren Auswirkungen solcher Extremwetterereignisse geschützt sind und dass sich dies mit dem weiteren Klimawandel noch verschärfen wird. Das stellt für uns alle eine globale Gefahr dar, der wir dringend Einhalt gebieten müssen."

Stand: 24.08.2021, 12:32

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