Ausschreitungen in Stuttgart: Wie entstand die Gewalt?

Ausschreitungen in Stuttgart: Wie entstand die Gewalt?

  • Gewaltforscher Zick: Junge Menschen hatten gemeinsames Feindbild der Polizei
  • Unterschiedliche ideologische Motive
  • Ausschreitungen als gemeinsames emotionales Erlebnis

Es sind Bilder von zersprungenen Scheiben, auf dem Asphalt verteilten Gegenständen und mehreren hundert Menschen, die im Dunklen randalieren. Die schweren Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt in der Nacht von Samstag auf Sonntag (21.06.2020) lösen bundesweit Protest und Empörung aus.

Am Anfang der Ausschreitungen stand die polizeiliche Drogenkontrolle eines 17-Jährigen. Die darauf folgende Eskalation wirkt von außen rational schwer nachvollziehbar - sie hängt mit Gruppenverhalten und Ideologien zusammen.

Der Gewaltforscher Andreas Zick erklärt dem WDR, dass die wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Clubs ein Grund dafür seien, dass so viele gewaltbereite junge Menschen zusammen kamen – grundsätzlich würden sich Jugendliche zurzeit neue Versammlungsorte suchen.

Zick: Junge Menschen hatten gemeinsames Feindbild der Polizei

Das bedeutet nicht, dass Menschen, die normalerweise gerne feiern gehen, sich jetzt an solchen Ausschreitungen beteiligen. Das betont auch der Psychologe Ahmad Mansour in der ARD. Die, die sich an den Ausschreitungen beteiligten, hätten unterschiedliche ideologische Gründe gehabt - im öffentlichen Raum gibt es aber einfach mehr Menschen, die sich Randalen potenziell anschließen können.

Zick erklärt, dass die Drogenkontrolle der Polizei bei dem 17-Jährigen dazu geführt habe, dass sich viele junge Männer mit ihm identifiziert hätten. Viele hätten sich wahrscheinlich gar nicht gut gekannt, sich aber mit dem 17-Jährigen solidarisiert - durch ein gemeinsames Feindbild gegen die Polizei. Laut Mansour verunglimpfen einige Gruppen in Deutschland die Polizei nun seit einigen Wochen, Gewalt gegen Polizisten werde relativiert - vor dem Hintergrund der weltweiten Diskussion über Gewalt, die von der Polizei ausgeht.

Durch die Relativierung von Gewalt gegen die Polizei verändere sich auch die Stimmung in der Bevölkerung - diese veränderte Stimmung sei in Stuttgart nun für eigene Gewaltfantasien ausgenutzt worden: 19 Polizisten wurden verletzt.

Unterschiedliche ideologische Motive

Zick sagt, dass die Gewalt klar von jungen Männern ausgegangen sei. Es seien auch junge Frauen vor Ort gewesen, die am Rand gestanden hätten. Mansour betont, dass die Motive der Männer nicht einheitlich seien: Manche hätten eine linksradikale Ausrichtung, andere religiöse Motive. Das müsse noch genauer untersucht werden.

Welche Rolle die Nationalität der Männer bei den Ausschreitungen gespielt habe, sei noch unklar. Zwölf von 24 festgenommenen Personen haben einen Migrationshintergrund. Zick hält es für irreführend, den Migrationshintergrund als wesentlichen Faktor der Gewalteskalation zu sehen.

Ausschreitungen als gemeinsames emotionales Erlebnis

Zick erklärt noch einen weiteren psychologischen Effekt: Die jungen Männer hätten im Verlauf der Ausschreitungen ausgeblendet, dass sie anderen schaden. Stattdessen sei die Gewalt zum gemeinsamen emotionalen Erlebnis geworden: "Auf einmal fühlt man sich mächtig und stark. Es kann auch zeigen, dass man den öffentlichen Raum unter Kontrolle hat und nicht die Polizei." Auch die eigene Inszenierung der öffentlichen Gewalt spiele eine Rolle, also ob die Männer sich danach auf Fotos und Videos in sozialen Medien sehen.

Zick betont noch, dass die Gewalt in Stuttgart nicht für einen Anstieg im Bereich der Jugendgewalt stehe: Dort gebe es insgesamt rückläufige Zahlen.

Gewaltausbruch in Stuttgart "Verkettung von Umständen"

WDR 5 Mittagsecho 22.06.2020 05:39 Min. Verfügbar bis 22.06.2021 WDR 5

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Stand: 22.06.2020, 17:13

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