Der Entertainer Herbert Feuerstein ist tot

Herr Feuerstein schreibt seinen Nachruf – Und lebt noch 2091 Tage WDR 07.10.2020 58:50 Min. Verfügbar bis 07.10.2021 WDR Von Klaus-Michael Heinz

Der Entertainer Herbert Feuerstein ist tot

Von Thomas Köster

Er war viel mehr als der Sparringspartner von Harald Schmidt. Herbert Feuerstein hat dem Job des Entertainers durch anarchische Blödelkunst eine neue Qualität verliehen. Der Autor, Entertainer und Kabarettist ist Dienstag im Alter von 83 Jahren in Erftstadt gestorben.

Für Herbert Feuerstein war Blödsinn von Anfang an ein Akt des Widerstands. In seiner Jugend sei Nonsens ein probates Mittel gewesen, um sich gegen den bekennenden Nazi-Vater und die hysterische Mutter zur Wehr zu setzten: Daran wird sich der 1937 im österreichischen Zell am See geborene Entertainer später erinnern.

Dazu passt auch gut, warum er als angehender Konzertpianist 1958 vom Mozarteum in Salzburg flog: Er hatte einen kalauernden Verriss über eine Komposition des damaligen Präsidenten der dortigen Festspiele geschrieben.

Blödeln auf Höchstniveau

Seine rund 20 Jahre als deutscher Chefredakteur des US-Satiremagazins MAD von 1971 bis 1992 erscheinen vor diesem Hintergrund als anarchischer Versuch, "den Virus der Verarschung in die Köpfe junger Menschen zu pflanzen".

Herbert Feuerstein mit MAD-Heft

Herbert Feuerstein mit MAD-Heft

Vor der Langeweile des Alltags habe er "seltsame Oberschüler und gestörte Schlaumeier" mit den rund 50 Millionen Heften und der "rund eine Milliarde Lacher" seiner Amtszeit schützen wollen: "Also Typen wie mich".

Nasenflöten für Millionen

Harald Schmidt und Herbert Feuerstein

Harald Schmidt und Herbert Feuerstein

Anfang der 1980er Jahre kommt Feuerstein als Gag-Autor der WDR-Jugendsendungen "Die Michael-Braun-Show " und "Wild am Sonntag" zum Fernsehen. Als er an der Seite von Harald Schmidt im Rateteam der WDR-Spielshow "Pssst ... " und der 1990 begonnenen WDR-Sendung "Schmidteinander" durchstartet, ist er schon über 50.

Für diese TV-Zeit würde er sich selbst in die Hölle schicken, hat Herbert Feuerstein einmal behauptet. Trotzdem macht sie aus dem kleinen Mann mit dem Seitenscheitel und dem Kassengestell eine Kult-Figur.

Das liegt vor allem an "Schmidteinander". Diese Talkshow-Idee importiert Feuerstein aus den USA, ihr Charme liegt nicht zuletzt im improvisierten Blödeln. "Feuerstein schrieb das Konzept und Schmidt ignorierte es", fasst Feuerstein die Arbeit zusammen.

Große Komikkunst

Tatsächlich ist "Schmidteinander" mit seinen gepflegten Albernheiten und seiner teils bewusst zu Schau gestellten Langeweile große Komikkunst, die vom richtigen Timing lebt und der deutschen Fernsehunterhaltung völlig neue Akzente verleiht.

In der Sendung spielt Feuerstein Nasenflöte, klettert in Laufställe – und hat nur deshalb eine Überlebenschance, weil er seinem Pendant Harald Schmidt in absurden Spiegelfechtereien gekonnt Paroli bietet.

"Es war Abneigung auf den ersten Blick", sagt Herbert Feuerstein immer wieder über seine Zusammenarbeit mit Harald Schmidt. "Und damit die Grundlage für eine fruchtbare Zusammenarbeit". Tatsächlich wird Feuerstein Schmidt auch nach dem Ende von "Schmidteinander" 1994 medial nicht mehr los. Kaum ein Interview, in dem er nicht auf Schmidt angesprochen wird. Das nervt ihn zusehends.

Bilder aus dem Leben von Herbert Feuerstein

Eigentlich wollte Herbert Feuerstein Musiker werden. Nachdem er den Präsidenten des Salzburger Mozarteums in einem Zeitungsartikel beleidigt, fliegt er jedoch von der Uni - und beginnt eine Karriere als Satiriker. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Herbert Feuerstein

Herbert Feuerstein ist tot. Einem breiteren Publikum wurde der Entertainer, Journalist und Kabarettist österreichischer Herkunft durch die TV-Sendungen "Pssst…“ und “Schmidteinander" des WDR bekannt.

Herbert Feuerstein ist tot. Einem breiteren Publikum wurde der Entertainer, Journalist und Kabarettist österreichischer Herkunft durch die TV-Sendungen "Pssst…“ und “Schmidteinander" des WDR bekannt.

Nach einem abgebrochen Musikstudium am Mozarteum in Salzburger und einer Zeit als Redakteur in New York beginnt Feuerstein seine Karriere bei der Satirezeitschrift MAD, deren deutscher Chefredakteur er von 1971 bis 1992 ist. Hier erfindet er die gefälschte "Leserbrief"-Rubrik, absurde Bauernregeln – und bereichert die deutsche Sprache um Begriffe wie "lechz", "würg", "stöhn" und "hechel".

Seit Ende der 80er Jahre ist Feuerstein als freier Autor und Entertainer vor allem für den WDR tätig. Seinen Durchbruch erlebt er 1990 mit der anarchischen Fernsehshow "Schmidteinander", in der er als Sparringspartner von Harald Schmidt agiert. Die Idee der Sendung, die vor allem vom Improvisationswitz lebt, entlehnt er der US-amerikanischen Late-Night-Show.

"Schmidteinander" läuft bis 1994 und wird in Deutschland Kult. Das liegt nicht nur an den teils skurrilen Gästen und den Running Gags, sondern auch an den vielen Rollen, in die Schmidt und Feuerstein für die Sketche schlüpfen. Comtessa Gunilla gehörte ebenso dazu wie Fozzi-Bär, "Superstein – Retter der Hausfrauen", Familie Lucky – oder das bösartige Hänschen Klein (im Bild).

"Es war Abneigung auf den ersten Blick", sagt Feuerstein einmal über sein Verhältnis zu Harald Schmidt. Trotzdem wird der Entertainer sein Über-Ich kaum mehr los. In der von Schmidt moderierten Spieleshow "Pssst …", die zwischen 1990 und 1995 zunächst im WDR und dann in der ARD läuft, gehört er neben Ingolf Lück, Elke Heidenreich und Mariele Millowitsch zum Rateteam (hier rechts als Punker).

Noch 2007 muss Feuerstein, "gefangen" auf einem Schiff, mit Schmidt und einem Sternekoch stundenlang auf dem Rhein schippern – für die WDR-Produktion "Herr Feuerstein wird 70, und Herr Schmidt bejubelt ihn". Beide Entertainer stehen sich dabei an liebevollen Frotzeleien und Esprit in nichts nach. 1994 stehen die Ex-"Schmidteinander"-Kollegen in dem Kinofilm "Nich‘ mit Leo" als Bischof und Bollmann gemeinsam vor der Kamera.

Eigene Wege geht der Entertainer ab 1995 unter anderem in den persönlichen Expeditionen "Feuersteins Reisen", für die er unter anderem Thailand, Mexiko und Schottland bereist. Seinen Hang zur Improvisation geht er auch dabei nach: "Ich lese vorher viel, nehme mir bestimmte Ziele vor, ohne mich festzulegen, fahre mit möglichst wenig Gepäck los – und erlebe dann, dass alles ganz anders ist."

Von seiner anhaltenden Popularität zeugt auch Herbert Feuersteins Rolle als Computer-Experte und fanatischer "Lindenstraßen"-Fan Detlef Hase im Film "Entführung aus der Lindenstraße". Zum zehnjährigen Bestehen der Serie kidnappt er Mutter Beimer, um das drohende Aus der Reihe zu verhindern. Im Versteck gibt’s für die Mutter der Nation – als Zitat auf Feuersteins Musikerherkunft aus Salzburg – Mozartkugeln.

2010 bekommt Herbert Feuerstein bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises in Köln den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Feuerstein sei "seit vielen Jahren ein liebenswerter Störer und unbeirrbarer Experimentator in der deutschen Unterhaltung, an dessen Auftritte und Sendungen man sich auch nach Jahren mit Freude und Staunen erinnert", heißt es in der Begründung der Jury.

Da hat sich Feuerstein neben dem Blödeln und Reisen längst auch seiner dritten Leidenschaft zugewandt: der Musik. Ende der 90er Jahre präsentiert der begeisterte Orgelspieler Klassik-Sendungen in WDR 3, ist für das ARD Morgenmagazin als Festivalkritiker unterwegs, singt in der Operette "Im weißen Rössl" im Hamburger Tivoli – oder gibt 2009 den Teufel im Theaterstück "Jedermann" im Berliner Dom.

Anfang 2014 verkündet Feuerstein auf seiner Website seinen Abschied von allen öffentlichen Auftritten: "Ich bin jetzt 76, mein Bedarf, in Auto, Zug oder Flieger Terminen nachzujagen, ist restlos gestillt". Ende 2014 kommt seine Autobiografie "Die neun Leben des Herrn F." heraus – und die Terminjagd geht weiter. Hier liest er aus seinen Memoiren, deren letztes Kapitel das Motto "Danke, es geht. Aber wie lang noch?" trägt.

Herbert Feuerstein war in dritter Ehe mit der 35 Jahre jüngeren Redakteurin Grit Bergmann verheiratet, die er zu Lebzeiten "meine Witwe" nannte. Jetzt starb er in Erftstadt.

Stand: 07.10.2020, 13:57

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