Hasskommentare - die Mordlust im Internet

Hasskommentare - die Mordlust im Internet

  • Blanker Hass und Mordlust im Internet
  • Debattenkultur läuft völlig aus dem Ruder
  • Betroffene wie Düsseldorfs OB Geisel schildern ihre Erfahrungen

WDR-Wissenschaftsjournalist Lorenz Beckhardt wird ein Kommentar zum Klimawandel in den Tagesthemen zum Verhängnis, in dem er sagte: "Macht Fleisch, Autofahren und Fliegen so verdammt teuer, dass wir davon runterkommen."

Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) wird im Netz für sein Krisenmanagement bezüglich neuerlicher Vorfälle im Rheinbad auf übelste Art und Weise drangsaliert.

Wegen eines bewusst aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats zum Vergewaltigungsfall in Mülheim werden der Essener Psychologe Christian Lüdke und seine Familie massiv bedroht.

Der blanke Hass

Am Donnerstag (01.08.2019) berichteten alle drei in der Aktuellen Stunde, wie ihnen im Internet blanker Hass und Mordlust entgegenschlägt.

Lorenz Beckhardt: "Die meisten Kommentare waren empört, aufgeregt - 'du bist ein Idiot', 'du gehörst in die Psychiatrie', 'du bist krank'. Wirklich angefasst hat mich, dass dann irgendwelche Leute im Internet recherchiert haben, dass ich Jude bin und dann mit meinen Vorfahren und dem Holocaust angefangen haben."

Thomas Geisel: "Ich will die ganzen Ekligkeiten nicht vortragen, da steht schon meine gute Kinderstube dagegen. Aber ich war schon betroffen. Früher waren die Hass-Mails anonym. Heute schämen sich die Leute nicht, solche Mails mit Klarnamen ins Netz zu stellen."

Christian Lüdke: "Die Bedrohungen gehen in die Richtung, dass mir und meiner Familie der schrecklichste Tod gewünscht wird. Teilweise sind das sehr konkrete Bedrohungen. Dagegen muss man sich wehren. Ich habe einen entsprechenden Strafantrag gestellt."

Losgelöst von alten Mustern

Die Hass-Attacken haben eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Sie sind losgelöst von alten Mustern, wie Staatsanwalt Christoph Hebbecker vom Kölner Sonderdezernat für Hasskommentare im Netz berichtet:

"Immer wieder erstaunlich ist, dass auch Themen, die eigentlich ursprünglich keiner politischen Orientierung oder zumindest keiner Flüchtlingskrise zuzuordnen sind, nach einiger Zeit doch ihren Weg dorthin finden. Dass Bezüge hergestellt werden in den Kommentarspalten, die im Thema des Beitrages überhaupt nicht angelegt sind."

Fazit: Diskutieren war gestern. Heute werden Themen von Hatern instrumentalisiert, um dem blanken Hass freien Lauf zu lassen. Wie auch im Juli in Leipzig, weil es dort in einer Kita kein Schweinefleisch mehr geben soll. Der Leiterin wurde gedroht: "An den Galgen mit dir oder standrechtlich erschießen. Ich werde sie nicht nur krankenhausreif schlagen, ich werde sie töten, mit einem Messerstich ins Herz."

Stand: 01.08.2019, 21:21

Kommentare zum Thema

7 Kommentare

  • 7 Herbert Kaiser 02.08.2019, 12:18 Uhr

    Pseudonym schrieb: "Nehmen wir alleine den zitierten Kommentar. Das ausschließliche Ergebnis dessen wäre, dass alle Normalverdiener betroffen wären! Nur: wer von denen fährt denn beispielsweise freiwillig 30Km eine Strecke zur Arbeit? Täglich? Wohl kaum einer. Insofern ist der Satz an "Hass" gegenüber den Rezipienten ja auch kaum zu überbieten." Rechtfertigt ein Ärger über einen Kommentar Ihrer Meinung nach wirklich, demjenigen, der den Kommentar abgegeben hat, den Tod zu wünschen? Oder sogar anzudrohen? Ich denke, mit Ihrer Rechtfertigung von Hasskomentaren durch "Hochschaukeln" geben sie ein Beispiel genau jener Verrohung und des Verlustes von Maßstäben, die ich weiter unten beklage, und auch andere hinweisen.

    Antworten (1)
    • Pseudonym 02.08.2019, 14:29 Uhr

      Herbert Kaiser, einfach den ganzen Text lesen und verstehen und nicht nur irgendwas herauspicken! Ich habe es doch oben drüber EINDEUTIG geschrieben: "Hasskommentare sind nicht akzeptabel, niemals!" WAS verstehen SIE daran nicht? Mein Text war keine "Rechtfertigung" (ich muss nichts rechtfertigen, was andere machen!), sondern der Versuch einer Erklärung!

  • 6 Pseudonym 02.08.2019, 10:47 Uhr

    Vorweg: Hasskommentare sind nicht akzeptabel, niemals! Aber nachdem ich das Beispiel hier gelesen habe, Zitat: "Macht Fleisch, Autofahren und Fliegen so verdammt teuer, dass wir davon runterkommen." kam mir doch irgendwie der Gedanke, ob die "Verhassung" der Diskussionskultur nicht durchaus auch Folge eines gegenseitigen Hochschaukelns ist!? Was so manches Mal von Politiker, "Experten" oder wem auch immer in den Medien an Polemisierung, Demagogie, Rabulistik und was weiß ich nicht noch abgesondert wird - ich kann schon nachvollziehen, dass die Menschen da einfach auf vergleichbares Niveau herabsinken. Nehmen wir alleine den zitierten Kommentar. Das ausschließliche Ergebnis dessen wäre, dass alle Normalverdiener betroffen wären! Nur: wer von denen fährt denn beispielsweise freiwillig 30Km eine Strecke zur Arbeit? Täglich? Wohl kaum einer. Insofern ist der Satz an "Hass" gegenüber den Rezipienten ja auch kaum zu überbieten. Vielleicht würde beiden Seiten mehr Nachdenken helfen!

  • 5 Martin R. 02.08.2019, 10:36 Uhr

    Jemand, der übelste Hasskommentare loslässt ist zunächst einmal äußerst unanständig. Jemand, der Opfer solcher Kommentare wird, sollte dies anzeigen. Problematischer wird es, wenn Jemand durch Hasskommentare ermuntert wird, Ihnen Taten folgen zu lassen. In einem solchen Fall sollte Jemand, der einem Anderen den Tod wünscht, als Anstifter mitangeklagt und verurteilt werden.

  • 4 Eveline Ziegler 02.08.2019, 10:15 Uhr

    Mein erster Gedanke, wenn ich so etwas mitkriege: Wie schrecklich für die Opfer solcher Hass Kommentare. Das ist auch schon Gewalt, was diesen Menschen angetan wird. Wie kann ich mich mit ihnen solidarisieren? Der zweite Gedanke: Was macht das mit unserer Gesellschaft? Angst und Schrecken wird verbreitet und eine freie und unbefangene Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit ist nicht mehr möglich. Bei jeder Aussage muss vorher überlegt werden, was daraus folgen kann. Bloß nicht ins Kreuzfeuer geraten, bloß keine Worte benutzen, die im Netz leicht gefunden werden. Ich beobachte diese Reaktion schon bei mir selbst, bei Leserbriefen z.B. überlege ich genau, wie ich das formuliere, um keine Hassreaktionen auf mich zu ziehen. Ja, ich gebe zu, ich habe Angst davor. Und ich solidarisiere mich mit den Opfern solcher Hass Kommentare (wobei Kommentar echt zu harmlos klingt).

  • 3 Bernd Resing 02.08.2019, 10:05 Uhr

    Man müsste viel mehr berichten, was Leuten passiert, die solche Mails verfassen. Vielen scheint nicht bekannt zu sein, dass es dafür empfindliche Strafen gibt. Momentan verstecken die Verfasser sich hinter der Meinungsfreiheit. Diese hat aber bekanntlich Grenzen und die sollten klar aufgezeigt werden. Besonders eine Partei fällt immer wieder durch Hass-Postings auf. Es passiert da noch viel zu wenig und es muss schneller gehen, damit man auch die Reaktionen sieht.

  • 2 Herbert Kaiser 02.08.2019, 09:19 Uhr

    Was mir auffällt, ist dass jedes Maß verloren gegangen ist. Da wird wegen Nichtigkeiten (kein Schweinefleisch in einer KiTa, kann man ja drüber diskutieren) Menschen der Tod gewünscht bzw. grausame Ermordung angedroht. Woher kommt diese Enthemmung?

    Antworten (2)
    • M. Pfau 02.08.2019, 11:37 Uhr

      Richtig, es gibt kein Maß mehr. Falsch, ...Nichtigkeiten. Was dem Ersten nichtig erscheint, ist dem Zweiten enorm wichtig, dem Dritten diskussionswürdig. Wer sich bzw. sein Anliegen herabgewürdigt sieht, kann emotional heftiger reagieren. Vielleicht mit ein Grund das fehlende Maß. Wir müssen zurück zu einer demokratischen Debattenkultur, bei der Jeder seriös gehört wird, ohne direkt stigmatisiertzu werden. Wer das Gefühl hat, keine Stimme zu besitzen, der wirft vielleicht mit Steinen. Es gibt sicher noch weitere gesellschaftliche Gründe für die Verrohung in Kommentaren und Taten. Das darf nicht unterschätzt werden, dem muss man entgegenarbeiten.

    • Herbert Kaiser 02.08.2019, 12:24 Uhr

      Hallo M. Pfau, gegenüber einer Drohung mit Gewalt und Tod sind eigentlich alle Themen Nichtigkeiten. Und dass jemand nicht gehört würde, halte ich für eine absolute Fehlwahrnehmung. In unserer Gesellschaft hat jede/r die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern und sich an Anscheidungsprozessen zu beteiligen. Man muß allerdings mit der Enttäuschung klarkommen, dass doch anders entschieden wird. Kinder können das nicht und reagieren mit Trotz. Manche Erwachsenen nehmen Zuflucht in Gewaltdrohungen und -anwendung. Das macht es aber nicht akzeptabel.

  • 1 Kritiker 02.08.2019, 09:10 Uhr

    Leider kontrollieren manche Web-Konzerne den Inhalt der Kommentare höchst selten. Selbst bei Meldungen passiert nichts! Als Beispiel ist Yahoo erwähnenswert. Dort tobt seit Jahren ein User names USA-my Home sich aus. Angefangen von Volksverhetzung über Beleidigung, Aufruf zur Gewalt und Morddrohungen ist alles dabei. Verschiedene Meldungen verblieben ohne jede Wirkung. Lediglich seit etwa drei Monaten hält er sich etwas zurück. Andere User sind da auch häufig sehr hart am Rand der Straffälligkeit. Eine ständige Kontrolle wäre mehr als angebracht und ggf. eine Sperrung der entsprechenden User.

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