Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau: "Wie konnte es soweit kommen?"

Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau: "Wie konnte es soweit kommen?"

Vor genau einem Jahr tötet ein rechtsextremer Attentäter in Hanau neun Menschen. Bis heute sind nicht alle Hintergründe aufgeklärt. Für die Hinterbliebenen ist das unerträglich.

Wenn Armin Kurtovic von der Nacht des 19.Februar 2020 erzählt, werden seine Augen feucht. Es ist der Abend an dem sein 22 Jahre alter Sohn Hazma stirbt, ermordet von einem rechtsextremen Attentäter in der Shisha-Bar "Midnight" in Hanau. Heute, genau ein Jahr später, ist der Verlust für ihn immer noch unerträglich. "Das ist ein Tag, da kommt alles wieder hoch, aber wir Angehörigen geben uns gegenseitig Halt."

Tobias R. tötete gezielt neun Menschen; Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und mit Migrationshintergrund. Das SEK findet den Attentäter später tot in der Wohnung seiner Eltern, auch seine Mutter hat er am Ende getötet.

Viele Fragen sind weiter offen

"Ich fühle mich wie zwei Wochen nach der Tat, genau so. Wir haben keine Antworten auf die vielen Fragen bekommen, vor allem: Wie konnte es soweit kommen?" Kurtović und andere Hinterbliebene fordern eine genauere Aufklärung. Viele Dinge seien noch ungeklärt.

Zum Beispiel ging ein Notruf nach dem ersten Mord ins Leere. Offenbar war eine Polizeinotstelle nicht besetzt. Statt auf die erhoffte Hilfe zu warten, verfolgte Vili Viorel Păun den Attentäter. Als er entdeckt wurde, ist er das nächste Opfer.

Armin Kurtović sitzt in einem neutralen Raum

Armin Kurtović verlor seinen Sohn beim Anschlag in Hanau

Auch die Rolle des Vaters des Attentäters ist noch ungeklärt. Kann er als Komplize gesehen werden? Darüber fordern die Hinterbliebenen Auskunft.

Wieso hatte Tobias R. einen Waffenschein?

In der Wohnung von Tobias R. fanden die Ermittler im Nachhinein große Mengen an Munition sowie ein Hass-Pamphlet, das ein rechtsextremes Weltbild offenbarte und unter anderem zum Kampf gegen den Islam aufrief. Das Pamphlet hatte er vor der Tat im Internet verbreitet.

Tobias R. war mehrfach vorbestraft, trotzdem war er als Sportschütze im Besitz von drei Handfeuerwaffen. Ein Gutachten diagnostiziert später eine paranoide Schizophrenie.

Kurtović ist darüber entsetzt: "Er hätte niemals einen Waffenschein bekommen dürfen. Die haben ihm alle Möglichkeiten gegeben." Auch andere Versäumnisse der Behörden in Bezug auf den Täter machen Kurtović fassungslos: "Er hat alles mögliche gemacht. Er schreibt zum Beispiel die Behörden an. Dass da keiner auf die Idee kommt, zu checken: Wer ist das?"

Angehörige fühlen sich alleine gelassen

Bis heute konnte Kurtović nicht mit der Polizei Hanau über die Tatnacht sprechen. Sie verweist auf das laufende Verfahren, das der Generalbundesanwalt an sich gezogen hat. Erst nach dem Abschluss der Ermittlungen sollen die Fragen beantwortet werden.

Stand: 19.02.2021, 19:00

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