Häusliche Gewalt: Kinder und Frauen in Corona-Not

Häusliche Gewalt: Kinder und Frauen in Corona-Not

Von Jörn Seidel

  • Unklar: Mehr häusliche Gewalt in der Corona-Krise?
  • Weniger Polizeimeldungen - mehr Hotline-Anrufe
  • Expertin: Ärzte, Erzieher und Lehrer melden weniger
  • Landesregierung verstärkt Hilfe für Frauen und Männer

Blaue Flecken, wo sie beim Spielen nicht entstehen, Striemen oder Rippenbrüche - dies und anderes bekommen Ärzte in ihren Praxen zu sehen, wenn Kinder misshandelt wurden. In der Regel wenden sie sich dann ans Jugendamt oder auch direkt an die Polizei.

Weniger Polizeimeldungen - mehr Hotline-Anrufe

Erstaunlicherweise zählt die Polizei in NRW allerdings gerade in der Corona-Krise weniger Fälle von häuslicher Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer als zuvor. Von März bis Mitte April sank die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Viertel auf 3.229 Polizeimeldungen.

In Zahlen: Häusliche Gewalt in der Corona-Krise in NRW

1. März bis 13. April 2019: 4.456 Polizeimeldungen
1. März bis 13. April 2020: 3.229 Polizeimeldungen

Betrifft: Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer. Quelle: NRW-Innenministerium auf WDR-Anfrage. Vorläufige Zahlen.

Dem widersprechen die Zahlen mancher Telefonhotlines. Die Organisatoren von "Nummer gegen Kummer" und "Gewalt gegen Frauen" teilten auf WDR-Anfrage mit, sie verzeichneten in den ersten drei Aprilwochen ein Fünftel mehr Anrufe als sonst.

Hinter verschlossenen Türen: Häusliche Gewalt in Corona-Zeiten

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 23.04.2020 03:27 Min. Verfügbar bis 23.04.2021 WDR 5 Von Almut Horstmann

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Bei anderen Hilfetelefonen ist das nicht so. Die Hotline der NRW-Opferschutzbeauftragten Elisabeth Auchter-Mainz verzeichnet in der Krise bislang "nicht mehr Anrufe", sagte sie dem WDR.

Mehr oder weniger häusliche Gewalt?

Gibt es nun also mehr häusliche Gewalt in der Corona-Krise? NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach (CDU) kann das bislang nicht erkennen. Das könne daran liegen, dass es keine Ausgangssperre gebe, die ein Anstauen von Aggressionen befördere, sagte sie am Mittwoch (22.04.2020) in einer Pressekonferenz.

Die Kölner Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann sieht das zumindest in Hinsicht auf Kinder anders. Die wenigen Polizeimeldungen täuschten, glaubt sie.

Die Professorin an der Hochschule Koblenz ist Kinderschutz-Expertin und weiß: Die meisten "Gefährdungsmeldungen" zu Kindern unter sechs Jahren kommen von Erziehern oder Ärzten - bei über sechs Jahren vor allem von Lehrern.

Genau diese wachsamen Augen und Ohren fallen in der Corona-Krise weitgehend weg. "Das ist extrem besorgniserregend, weil es zeigt, wie blind wir gerade sind", sagte Beckmann.

Besonders gravierend: Es sei davon auszugehen, dass gerade jetzt in der Krise hinter den verschlossenen Türen der Familien die Gewalt besonders häufig ausbreche, so Beckmann. "Denn wir wissen: Stress ist einer der Hauptauslöser für Gewalt gegen Kinder."

Konfliktforscher: Mehr Gewalt in Krisen

Das unterstreicht auch der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. Schon während und nach der Wirtschafts- und Finanzkrise sei nach Analysen der Gewaltforschung die Menschenfeindlichkeit gestiegen, berichtete er dem WDR. Und die richte sich vor allem gegen vermeintlich Schwächere.

In NRW-Frauenhäusern noch Plätze frei

Im Falle der häuslichen Gewalt sind das außer Kindern überwiegend Frauen. Allerdings hätten zumindest die 24 vom Land geförderten Frauenhäuser aktuell noch Plätze frei, sagte Ministerin Scharrenbach.

Interview: Häusliche Gewalt

WDR 5 Westblick - aktuell 26.03.2020 04:27 Min. Verfügbar bis 26.03.2021 WDR 5

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Das müsse jedoch kein gutes Zeichen sein, glaubt Claudia Fritsche, Sprecherin der Autonomen Frauenhäuser in NRW. Sie vermutet, dass es für Frauen in der Corona-Krise besonders schwer ist zu fliehen, weil ihr Aggressor stets in der Nähe sei.

Trotz unterschiedlicher Ansichten: Die Landesregierung will Frauen-Hilfsangebote nun vorübergehend finanziell stärken und hat für Männer jetzt eine Hotline eingerichtet.

Opfer häuslicher Gewalt? Hier bekommen Sie Hilfe:

Stand: 22.04.2020, 20:49

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