"Grüne Hauptstadt Europas": Wie grün ist Essen wirklich?

Grüne Hauptstadt Essen mit dem Blick auf die Skyline und einem grünen Park im Vordergrund

"Grüne Hauptstadt Europas": Wie grün ist Essen wirklich?

Von Jürgen Döschner

  • Essen seit einem Jahr "Grüne Hauptstadt Europas"
  • EU-Auszeichnung bei Städten begehrt
  • Umweltverbände kritisieren: Stadt habe CO2-Bilanz geschönt

Jedes Jahr vergibt die Europäische Kommission den "European Green Capital Award" an Kommunen, die sich besonders im Klima- und Umweltschutz engagieren. Eins der wichtigsten Kriterien ist die Reduzierung von Treibhausgasen.

2017 ging der begehrte Titel an die Stadt Essen. Fast ein Jahr ist das her; am Samstag (16.12.2017) ist in der "Grünen Hauptstadt Europas" eine Abschlussgala geplant.

Größten CO2-Ausstoß nicht mitgerechnet

Doch möglicherweise bekam Essen die Auszeichnung zu Unrecht. Zwar schneidet die Stadt beim CO2-Ausstoß formal gut ab: Seit 1990 sank die Belastung pro Kopf von 8,9 Tonnen auf 7,7 Tonnen in 2013.

Diese Bilanz sei jedoch unvollständig, sagt Rolf Schwermer vom Umweltbündnis "Fossil Free Essen". So kämen darin die CO2-Emissionen des Essener Unternehmens Trimet, einem der größten Aluminiumhersteller in Europa, gar nicht vor. Dabei verbrauchen die Trimet-Schmelzöfen so viel Strom, wie alle Haushalte der Stadt Essen zusammen. Doch die CO2-Emissionen stehen nicht in der offiziellen Bilanz der Stadt.

"Konjunkturelle Schwankungen" ausgeklammert

Matthias Sinn, Leiter des Essener Umweltamtes, gibt das sogar zu, doch seine Begründung klingt absurd: Würde man Trimet einberechnen, dann würden "die konjunkturellen Schwankungen" eines Großbetriebs den Verbrauch der Stadt "überlagern". Das, sagt er, "wäre nicht Sinn und Zweck einer Bilanz". Der "Runde Umwelttisch Essen" (RUTE) hat ausgrechnet, dass allein die Einbeziehung von Trimet den jährlichen CO2-Pro-Kopf-Ausstoß in Essen um rund drei Tonnen erhöhen würde.

Auch Umweltsünder RWE müsste mitgerechnet werden

Grünes Ortsschild von Essen

Ist Essen wirklich so grün?

Nicht nur Deutschlands größte Aluminiumhütte, auch Europas größter Braunkohleverstromer RWE sitzt in Essen. Der Stadt gehören drei Prozent von RWE. Laut Umweltaktivist Schwermer müssten die enormen CO2-Emissionen, für die RWE verantwortlich ist, auch in der Bilanz stehen. Stattdessen nehme die Stadt Essen "gerne die Dividende entgegen, möchte dafür aber in der Klimabilanz nicht auch drei Prozent der CO2-Emissionen von RWE verbucht sehen".

Umweltschützer ziehen "Grüne Hauptstadt"-Titel in Zweifel

Das Gleiche, so die Umweltverbände, gelte auch für den Kohlekraftwerksbetreiber Steag, an dem die Stadt Essen mit 15 Prozent beteiligt ist. Das Umweltbündnis Rute hat ausgerechnet: Würden die CO2-Emissionen von Trimet, RWE und Steag einbezogen, stiege der Pro-Kopf-Ausstoß von den offiziellen acht Tonnen jährlich auf fast 27 Tonnen.

Aber auch, wenn sie in der CO2-Bilanz so nicht auftauchen: In den Broschüren der "Grünen Hauptstadt Essen 2017" sind RWE und Trimet umso häufiger erwähnt - als Hauptsponsor und Förderer.

Stand: 15.12.2017, 06:00

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