Großer Zapfenstreich für Merkel: Mit Punkerin-Song aus dem Kanzleramt

Angela Merkel als Bundeskanzlerin ist Vergangenheit. Die Bundeswehr verabschiedete sie mit dem Großen Zapfenstreich. Ihre Musikauswahl hatte es in sich - vom Kirchenlied bis zu einem Song von Punkerin Nina Hagen.

Zum Abschied aus dem Amt als Bundeskanzlerin erhielt Angela Merkel am Donnerstag die höchste militärische Ehrung, die es in Deutschland gibt: den Großen Zapfenstreich. Mit bewegenden wie mahnenden Worten verabschiedete sie sich aus dem Amt.

Den Beginn ihrer Rede widmete sie allen, "die sich zeitgleich mit all ihrer Kraft der vierten Welle der Pandemie entgegenstemmen, die alles geben, um Leben zu retten und zu schützen - die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern, die Impfteams, die helfenden Hände in der Bundeswehr und in den Hilfsorganisationen".

Politisch und menschlich gefordert

Die 16 Jahre ihrer Kanzlerschaft hätten sie politisch und menschlich gefordert, seien ereignisreiche und herausfordernde Jahre gewesen: "Zugleich haben sie mich immer auch erfüllt." Die letzten zwei Jahre der Pandemie hätten wie in einem Brennglas gezeigt, von welch großer Bedeutung das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und den gesellschaftlichen Diskurs sei – aber auch, wie fragil das sein könne.

Grenzen der Toleranz

In bewegenden Worten konkretisierte sie: "Unsere Demokratie lebt von Respekt und Vertrauen, im Übrigen auch von dem Vertrauen in Fakten und auch davon, dass überall da, wo wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet, Verschwörungstheorien und Hetze verbreitet werden, Widerspruch laut werden muss. Unsere Demokratie lebt auch davon, dass überall da, wo Hass und Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen erachtet werden, unsere Toleranz als Demokratinnen und Demokraten ihre Grenze finden muss."

Musikwünsche von Punk bis Kirchenmusik

Merkels Favoriten: Hildegard Knef und Nina Hagen | Bildquelle: dpa

Auch Merkels Musikwünsche deckten ein weites Feld ab: Neben dem Kirchenlied "Großer Gott, wir loben Dich" spielte das Stabsmusikkorps "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef und den Song "Du hast den Farbfilm vergessen", mit dem die Punk-Sängerin Nina Hagen 1974 in der DDR einen Hit landete.

Bundeskanzlerin Angela Merkel | Bildquelle: Janine Schmitz/ photothek

Besonders das letzte Lied auf der Wunschliste der Kanzlerin hatte Spekulationen ausgelöst. Warum Merkel ausgerechnet einen Punk-Song von Nina Hagen ausgewählt hatte, beantwortete sie auf einer Pressekonferenz so:

"Das Lied war ein Highlight meiner Jugend, die ja bekanntermaßen in der DDR stattgefunden hat. Und zufälligerweise spielt es auch noch in einer Region, die mein früherer Wahlkreis war - insofern passt alles zusammen." Bundeskanzlerin Angela Merkel

Noten fehlten zunächst

"Die Wünsche kamen spät und haben mich überrascht", sagte Dirigent und Oberstleutnant Reinhard Kiauka der "Taz". "Wir hatten neun Tage Vorlauf. Das ist sportlich." Vor allem der Musiker Guido Rennert hatte Stress. Er ist Stabsfeldwebel in der Brückberg-Kaserne in Siegburg und musste von jetzt auf gleich den Nina-Hagen-Song für ein Blasorchester arrangieren.

Bundeswehr-Musiker Guido Rennert aus Siegburg | Bildquelle: WDR

Allerdings fehlten die Noten für das Orchester. Guido Rennert hatte sich auf einen freien Tag gefreut, doch dann kam der Anruf: Er solle sich um die Vorarbeit kümmern. Keine leichte Aufgabe: "Man musste dabei beachten, dass der Große Zapfenstreich im Freien stattfindet." Auf kammermusikalische Elemente habe er bei dieser Ortswahl verzichtet, sagte Rennert dem WDR.

"Das Arrangement soll dennoch kompakt klingen und gleichzeitig hochprofessionell sein - und das Lied soll so rüberkommen, wie man es kennt." Alles klappte schließlich: "Am vergangenen Donnerstag hatte der Stabsmusiker die Noten auf dem Pult."

Ab 1998 mit Raute

Mit ihrer Musikauswahl setzte Merkel noch einmal Akzente, auch emotional. In der Politik war sie ja eher sachlich, überlegt und kontrolliert aufgetreten. Zu Beginn ihrer Karriere war sie auch bei Fototerminen unsicher.

"Am Anfang sagte sie auch, wenn ich fotografiert werde - also nicht nur von mir - dann weiß ich immer gar nicht, wohin mit den Händen", sagte die Merkel-Fotografin Herlinde Koelbl dem WDR. "Aber sie hat das relativ schnell gelernt." 1998 habe Merkel spontan bei einem Shooting die Raute gezeigt. "Es wurde ja dann das Markenzeichen, Symbol für Angela Merkel."

Selbstironisch bis bissig

Wer sich durch ihre 16 Jahre Kanzlerschaft hört, stößt auch auf humorvolle Sprüche der Amtsinhaberin. Da ist von Selbstironie bis zur bissigen Bemerkung alles dabei. Auf die Frage "Beschreiben Sie Ihr Leben in vier Worten" antwortete Merkel zum Beispiel: "Essen, trinken, schlafen, Zähne putzen."

Auf ihr Geschlecht angesprochen meinte sie: "Was jetzt die Frage anbelangt, dass ich als Frau eine Bundeskanzlerin bin: Das ist nicht ganz einfach für mich zu sagen, weil ich ja noch nie ein Mann war." Und einmal sagte sie: "Auch mir hat eine Satiresendung schon mal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: 'Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen.'"