Greenpeace-Aktion: "Um ein Haar in die französischen Ersatzspieler gerast"

Greenpeace-Aktion: "Um ein Haar in die französischen Ersatzspieler gerast"

Von Oliver Scheel

Sportschau-Reporter Marcus Bark hat die verunglückte Greenpeace-Aktion im Münchner Stadion live erlebt und schildert seine Eindrücke. Der Vorfall wirft Fragen um die Sicherheit in den Stadien auf.

Am Dienstagabend ist wenige Minuten vor Anpfiff der EM-Begegnung Deutschland gegen Frankreich ein motorisierter Gleitschirm in das Münchner Stadion geflogen. Es war eine Protestaktion von Greenpeace gegen den EM-Sponsor VW, doch sie ging gründlich daneben. Und es stellt sich die Frage, ob das Sicherheitskonzept in München ausreichend war.

Der Pilot des Gleitschirms wollte einen Latexball über dem Stadion abwerfen, laut Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan war aber das Handgas-Steuergerät an dem Motor, den der Pilot auf dem Rücken trug, defekt. Der Schirm begann zu taumeln, nahm Fahrt auf und raste gefährlich nah über die Köpfe von Zuschauern und Personal, das im Stadion arbeitete. Zwei Menschen wurden bei der Aktion verletzt. Sportschau-Reporter Marcus Bark erlebte diesen Moment in der Arena.

Fast in die Ersatzspieler gerast

"Ich wollte gerade mein Handy laden und stand zuerst mit dem Rücken zum Geschehen. Dann sah ich, wie der Flieger immer niedriger geriet und einige Leute berührte, die ein paar Meter unter mir saßen. Durch das Touchieren dieser Menschen gewann der Gleitschirm wieder an Höhe", sagte Bark am Morgen nach dem Spiel.

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"Hätte er nicht wieder an Höhe gewonnen, wäre er genau in die französischen Ersatzspieler gerast, die auf der Tribüne Platz genommen hatten. Das hätte viel schlimmer enden können", sagte Bark. "Ich habe auch gesehen, wie einer der deutschen Ersatzspieler aufgesprungen und weggelaufen ist."

"Greenpeace"-Demonstrant nach der Landung mit Antonio Rüdiger

"Greenpeace"-Demonstrant nach der Landung mit Antonio Rüdiger

"Zunächst war nicht klar, dass die Aktion von Greenpeace war, denn der Sponsor Volkswagen bringt den Ball ins Stadion. Ich konnte aber auf dem Schirm etwas von 'Oil' erkennen. Zum Glück waren schnell Sanitäter bei den Verletzten", so der Sportschau-Reporter, der beobachtete, wie sich Nationalspieler Antonio Rüdiger um den havarierten Piloten kümmerte.

Greenpeace: Polizei war über Aktion informiert

Ein Ordner entfernt einen "Kick Out Oil - Greenpeace"-Ball vom Spielfeld

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Greenpeace entschuldigte sich für den Vorfall. Es sei nicht alles nach Plan gelaufen und nie habe man die Absicht gehabt, Menschen zu verletzen. Auf Anfrage der Sportschau sagte die Umweltorganisation, der Pilot habe gar nicht ins Stadion fliegen wollen. Außerdem, so zitiert die Deutsche Presse-Agentur dpa den Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan, sei die Polizei über die Protestaktion informiert gewesen. Dies konnte die Polizei München aber auf Anfrage des WDR nicht bestätigen. Polizeisprecher Sven Müller sagte, dies sei "Gegenstand der derzeitigen Prüfungen".

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Polizei München ließ den Flieger trotz des Flugverbots gewähren

Wie das Polizeipräsidium München dem WDR außerdem mitteilte, habe die Polizei den Flieger absichtlich gewähren lassen. "Wir konnten den Anflug kurz vorher wahrnehmen und haben bei der ersten Einschätzung auch erkannt, dass es sich um eine Aktion einer Umweltorganisation handelt", heißt es in dem Statement, das dem WDR vorliegt.

Über den Stadien gilt bei den EM-Spielen ein totales Flugverbot. Laut Müller ist es Aufgabe der Polizei und der Bundeswehr, den Luftraum zu überwachen. Deshalb werde die Bayerische Polizei bei den "kommenden EM-Spielen die Luftüberwachung verstärken, insbesondere die zusammen mit der Hubschrauberstaffel", so der Sprecher.

Protestforscher: Greenpeace geht häufig Risiken ein

Für Felix Anderl, Protestforscher und Mitarbeiter des Leibniz-Instituts, war die missglückte Aktion typisch für die Umweltorganisation. Auch empörte Reaktionen seien für Greenpeace nichts Neues. "Sie kalkulieren einen Polarisierung mit ein." Auch ihre Unterstützer fänden es gewöhnlich gut, wenn die Umweltschützer bei ihren Aktionen "ein gewisses Risiko eingehen".

Stand: 16.06.2021, 19:35

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