Golfstrom könnte schneller als erwartet zusammenbrechen: Was bedeutet das?

Golfstrom könnte schneller als erwartet zusammenbrechen: Was bedeutet das?

Der Golfstrom erreicht laut einer Studie vielleicht deutlich schneller eine kritische Schwelle als gedacht. ARD-Wetterexperte Karsten Schwanke erklärt, wie sich das für Menschen in Deutschland auswirken könnte.

Eine neue Klima-Studie aus dem Fachjournal "Nature Climate Change", an der das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beteiligt ist, sorgt für Aufsehen. Eine wichtige Atlantik-Strömung, zu der auch der Golfstrom gehört, nähert sich womöglich schneller einer kritischen Schwelle. Die Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die für den Austausch warmer und kalter Wassermassen in dem Ozean verantwortlich ist und so auch das Klima in Europa beeinflusst, verliert möglicherweise schneller an Stabilität - was heißt das für uns? Antworten vom ARD-Wetterexperten Karsten Schwanke.

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WDR: Was sagt die Studie genau?

Karsten Schwanke: Seit 20, 30 Jahren vermuten Wissenschaftler, dass der Golfstrom sich über die nächsten Jahrhunderte abschwächt. Die neue Studie sagt, dass das deutlich schneller passieren könnte als gedacht. Dazu wurden mathematische Daten wie der Salzgehalt und die Wassertemperatur des Golfstroms ausgewertet. Aber man weiß nur sehr wenig über diese Strömung. Deshalb ist bislang auch offen, wieviel schneller diese Abschwächung ablaufen könnte - also ob wir über zehn oder hundert Jahre sprechen - und wie abrupt das passieren könnte.

WDR: Welche Auswirkungen könnte das für Deutschland haben?

Schwanke: Massive Auswirkungen - es könnte große Umwälzungen im Wettersystem geben. In Europa wären starke Kälteeinbrüche und veränderte Regenmengen denkbar. Die Hitzeextreme wird es aller Voraussicht nach trotzdem geben, die Kälteextreme könnten dazukommen. Ein Wechsel von Trocken- und Regenzeiten in Deutschland wäre möglich. Das wäre ein großer Stresstest für die deutschen Wälder und würde die Landwirtschaft vor riesige Herausforderungen stellen - und sich damit direkt auf die Menschen auswirken.

WDR: Wie hängt diese mögliche, deutlich schnellere Abschwächung des Golfstroms mit der Erderwärmung zusammen?

Schwanke: Sie hängt direkt damit zusammen. Denn der Hauptfaktor für die mögliche Abschwächung ist das Abschmelzen des Eispanzers in Grönland. Dieses Eis schmilzt wegen der Erderwärmung. Dadurch gerät übermäßig viel Süßwasser in den Nordatlantik. Weil Süßwasser leichter als Salzwasser ist, sinkt immer weniger Wasser ab - so wird die komplexe Dynamik des Golfstroms gestört und könnte im schlimmsten Fall auch schlagartig abbrechen.

Auf dem Arktischen Ozean am Nordpol schwimmen mehrere Eisplatten

Weil das Eis in Grönland schmilzt, gerät der Golfstrom zunehmend aus dem Gleichgewicht.

WDR: Was können wir dagegen tun - sind wir da wieder an dem Punkt, dass politisch einfach mehr gemacht werden müsste?

Schwanke: Genau. Niemand weiß, wann genau der entscheidende Kipppunkt für den Golfstrom erreicht sein könnte. Deshalb können wir die Wahrscheinlichkeit deutlich verringern, dass er eintritt. Wir sollten jetzt über Prävention statt über Anpassungsmaßnahmen sprechen. Die Golfstrom-Studie ist ein weiteres Argument dafür, dass viel mehr und viel schneller CO2 eingespart werden muss.

Das Interview führte Anna Palm.

Stand: 06.08.2021, 18:30

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