Gletscherunglück in den Dolomiten: Folge des Klimawandels?

Stand: 04.07.2022, 20:11 Uhr

Ereignisse wie die tödliche Gletscher-Lawine in den Alpen hängen Forschern zufolge mit dem Klimawandel zusammen. Das trifft nicht nur Wanderer. Bergsteiger-Legende Reinhold Messner warnt ganz grundsätzlich.

Von Christian Wolf

Es sind beängstigende Aufnahmen, die nach dem verheerenden Unglück in den italienischen Alpen an die Öffentlichkeit kommen. Von einer nahe gelegenen Berghütte aus ist zu sehen, wie unter ohrenbetäubendem Lärm eine gewaltige Masse aus Schnee, Eis und Gestein in Richtung Tal rast. Die graue Lawine reißt alles mit sich, was auf dem Weg nach unten ist.

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Durch die zufälligen Filmaufnahmen ist es möglich, einen Eindruck von dem Unglück zu bekommen, das sich am Sonntag abgespielt hat, als ein Teil des Marmolata-Gletschers in den Dolomiten abbrach. Mindestens sieben Menschen kamen bei dem Gletscherbruch ums Leben, acht Menschen wurden verletzt. Die Zahl der Vermissten liegt bei fünf.

"Es ist nutzlos zu rennen."

Der Italiener Stefano Dal Moro wanderte ganz in der Nähe des Unglücksortes und sagte der italienischen Zeitung "Corriere della Sera", es sei "ein Wunder", dass er und sein Begleiter überlebt hätten. "Es gab einen dumpfen Lärm, dann kam ein Meer aus Eis herab. Es ist nutzlos zu rennen, Du kannst nur beten, dass es nicht Deinen Weg kreuzt." Er und sein Begleiter hätten sich hingekauert und einander "fest umarmt, als das Eis vorbeirauschte". Gino Comelli vom Alpenrettungsdienst beschrieb die Wucht der Naturkatastrophe so: "Wir haben zerfetzte Leichen gefunden in einem formlosen Strom aus Eis und Geröll, das sich über tausend Meter erstreckte."

Hohe Temperaturen schaden Gletschern

Während die Suche nach den Vermissten noch läuft, drängt sich bereits eine Frage auf: Warum ist ein Teil des Gletschers abgebrochen und mit einer Geschwindigkeit von nach Expertenschätzung fast 200 Stundenkilometern den Berg hinunter gedonnert? Abschließend geklärt ist das natürlich noch nicht.

Doch nach Einschätzungen von Klimaexperten und Gletscherforschern ist das Unglück auch auf die steigenden Temperaturen zurückzuführen. Diese lassen die Gletscher immer weiter schmelzen und bröckeln. Hinzu kommt: Wegen des geringen Niederschlags in diesem Winter fehlte Schnee, der den Gletscher zusätzlich vor der Sonne hätte schützen können.

Blick vom Eggishorn auf den Aletschgletscher

Auch der größte Gletscher der Alpen, der Aletschgletscher, kämpft gegen die Schmelze

Am Tag vor dem Gletscherbruch ist auf dem Gipfel eine Rekordtemperatur gemessen worden. "Die derzeitigen Bedingungen an dem Gletscher entsprechen denen Mitte August, nicht Anfang Juli", sagt der Geologe Massimo Frezzotti. Bedeutet: So früh im Sommer ist es dort nicht schon so heiß. Und schon in den vergangenen Jahren war der Gletscher dramatisch geschmolzen. Laut Experten könnte er in 25 bis 30 Jahren komplett verschwunden sein.

WDR-Meteorologe Sven Plöger sieht eine klare Verbindung zum Klimawandel: "Da ist jetzt auf 200 Metern tatsächlich der Gletscher vom nackten Fels weggerutscht und da spielen natürlich die Temperaturen und damit der Klimawandel mit seinem lang anhaltenden Temperaturanstieg eine große Rolle."

Düstere Prognose von Reinhold Messner

Reinhold Messner

Reinhold Messner

Doch das Problem besteht nicht nur in den italienischen Alpen. Überall, wo es noch diese gewaltigen Eismassen gibt, wird sich um deren Schicksal gesorgt. Daher sieht der frühere Extrembergsteiger Reinhold Messner in der Lawine eine deutliche Folge des Klimawandels und der Erderwärmung. "Diese fressen die Gletscher weg", sagt der 77-Jährige. Die Gletscher würden wegen der ungewöhnlich warmen Temperaturen immer instabiler. Die Folge: Vorfälle wie in den Dolomiten "werden wir häufiger sehen". Schon jetzt gebe es viel mehr Fels- und Eisabbrüche als früher:

"Die globale Erwärmung kommt aus den Ballungszentren und Städten, von den Autobahnen und Fabriken. Aber wir in den Bergen merken sie, schon seit 30 Jahren sehen wir mit bloßem Auge, wie die Gletscher schmelzen. Dazu muss man kein Wissenschaftler sein."

Das Abschmelzen der Gletscher in den Bergen zeigt also, dass der Klimawandel sich bereits bemerkbar macht und nichts ist, was in ferner Zukunft passiert. Und es ist nicht so, dass nur Bergwanderer und Kletterer von der Entwicklung betroffen sind, weil sie nun mit größeren Gefahren rechnen müssen. Die Eismassen spielen auch eine ganz wichtige Funktion bei etwas eigentlich ganz Banalem: der Wasserversorgung.

Gletscher helfen bei Trockenheit

"In extrem trockenen Jahren, wie zum Beispiel 2018, kann es zu regionalen Wasserdefiziten kommen. In solchen Jahren geben Gletscher mehr Wasser ab und erhalten damit eine wichtige Ausgleichsfunktion", sagt Wilfried Hagg von der Fakultät für Geoinformation an der Hochschule München der WDR-Wissenschaftsredaktion. Sind die Gletscher aber größtenteils abgeschmolzen, fiele diese Rolle für den Wasserhaushalt weg.

Beunruhigend ist daher das, was der Weltklimarat IPCC erst im März in seinem Bericht zum Klimawandel festhielt. Darin werden die Gletscher zu den zehn schwersten Bedrohungen durch die Erderwärmung gezählt. Bis zum Jahrhundert-Ende könnten sie in Zentraleuropa zwischen 60 und 80 Prozent an Masse verlieren.

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