Hatten Germanwings-Opfer keine Todesangst?

Hatten Germanwings-Opfer keine Todesangst?

Von Nina Magoley

  • Lufthansa: Passagiere des Germanwingsflugs hatten keine Todesangst
  • Behauptung empört Hinterbliebene
  • Weiterer Schmerzensgeldprozess für Herbst terminiert

Die Passagiere des Germanwings-Flugs, den der Pilot im März 2015 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abstürzen ließ, sollen keine Todesangst erlebt haben. Zumindest bestreitet das die Mutterfirma Lufthansa, die sich im Herbst gegenüber den Hinterbliebenen wegen weiterer Schmerzensgeldzahlungen verantworten soll - unter anderem wegen der Todesangst, die die Opfer mutmaßlich ausgestanden haben, während das Flugzeug sich im Sinkflug befand. Über diese neue Entwicklung hatte zuerst die "Bild" berichtet.

Lufthansa will nicht mehr zahlen

In einem fast 120 Seiten langen Schreiben, das dem WDR vorliegt, fordern die Anwälte von Lufthansa das Landgericht Essen auf, die Klage abzuweisen. Die Opfer hätten vor dem Absturz keine Todesangst ausgestanden, so die Haltung der Lufthansa. Sie hätten den eingeleiteten Sinkflug als unauffällig erlebt. Daher bestünde für die Hinterbliebenen auch kein sogenanntes ererbtes Recht auf Schmerzensgeldzahlung.

Die Zeit zwischen dem Beginn des Absturzes und dem Eintritt des Todes sei außerdem zu kurz gewesen, als dass das Ausmaß des Leidens ein Schmerzensgeld legitimiere.

"Mit Folter nicht beschreibbar"

Für den Berliner Anwalt der Hinterbliebenen, Elma Giemulla, steht dagegen fest: Als die Maschine "mit dreifacher Sinkgeschwindigkeit" auf die Berge zuraste und der Kapitän hörbar von außen gegen die Cockpittür hämmerte, müsse den Passagieren zwangsläufig klar gewesen sein, "dass die letzten Minuten ihres Lebens angebrochen sind".

Giemulla geht von Qualen aus, "die mit dem Begriff Folter nur ungenügend beschreibbar" seien. Er vertritt die Angehörigen von 40 Opfern und fordert jeweils weitere 25.000 Euro Schmerzensgeld. Zunächst hatte sich Germanwings nach der Katastrophe mit vielen Hinterbliebenen auf Entschädigungen von jeweils 25.000 Euro einigen können.

Lufthansa verweist auf Experten

Auf WDR-Anfrage erklärte ein Sprecher der Lufthansa am Montag (12.08.2019) schriftlich, dass den Angehörigen schon 2016 bei einer Informationsveranstaltung des französischen Bureau d‘Enquêtes et d’Analyses pour la securité de l’aviation civile (BEA) "transparent gemacht worden" sei, wie die Situation an Bord des Fluges 4U9525 gewesen sein soll.

Damals hatte das BEA beispielsweise erklärt, dass der Autopilot der Maschine so eingestellt gewesen sei, dass die Passagiere den Sinkflug als normal empfinden mussten.

Bei dem Unglück, das nach letzten Erkenntissen durch Selbstmordabsichten des psychisch kranken Copiloten ausgelöst wurde, verloren alle Menschen an Bord ihr Leben - 144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder.

Stand: 12.08.2019, 16:54

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