Gas-Versorgungssicherheit und Sanktionen

Aktuelle Stunde 12.05.2022 30:41 Min. UT Verfügbar bis 19.05.2022 WDR Von Ingrid Bertram

Russlands Gegensanktionen: Wird jetzt das Gas in Deutschland knapp?

Stand: 12.05.2022, 21:04 Uhr

Russland sanktioniert Gasfirmen in Europa. Über die Ukraine fließt so weniger Gas über die Pipelines nach Deutschland. Was bedeutet das für die Versorgungssicherheit? Wir klären die wichtigsten Fragen und Antworten.

Es sind offensichtlich Gegensanktionen, die das kriegsführende Russland als Reaktion auf die Sanktionen des Westens verhängt hat. Dadurch fließen nach Angaben von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rund zehn Millionen Kubikmeter Gas täglich weniger nach Deutschland.

Was genau ist passiert?

Russland hat Sanktionen gegen mehrere Gasfirmen im Westen verhängt. Insgesamt 31 Unternehmen dürfen in Zukunft keine Geschäfte mehr mit Russland machen. Darunter ist auch die deutsche Firma "Gazprom Germania", für die das Bundeswirtschaftsministerium Anfang April die Bundesnetzagentur vorübergehend als Treuhänderin eingesetzt hatte.

Zudem darf nach Angaben des russischen Gazprom-Konzerns im Zuge der russischen Sanktionen künftig kein Gas von Russland mehr über den polnischen Teil der Pipeline Jamal-Europa geliefert werden. Seine Gaslieferungen nach Polen hatte Gazprom bereits Ende April gestoppt, ebenso wie nach Bulgarien.

Welche Unternehmen sind betroffen?

Betroffen von den Sanktionen gegen die Gazprom-Germania-Töchter sind laut Habeck und dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, Speicher- und Handelsunternehmen. "Interessanterweise sind nicht die Firmen betroffen, die mit dem Netz zu tun haben", sagte Müller dem WDR. Das bedeutet aus seiner Sicht: Russland könnte weiter russisches Gas nach Deutschland liefern, nur eben nicht über die Firmen der Gazprom Germania.

Was bezweckt Putin mit den Sanktionen?

Klaus Müller: Präsident der Bundesnetzagentur

Klaus Müller

"Es ist extrem plausibel, dass die ganze Operation einem Zweck dient", so Müller gegenüber dem WDR: Nämlich einerseits, weiter russisches Gas zu liefern, aber eben zu einem höheren Preis. Das würde in die Logik von Putin passen. "Das ist für uns erst mal eine harte Ansage", so Müller. "Aber immer noch besser, als wenn gar kein Gas mehr fließen würde."

Wird jetzt das Gas noch teurer?

Wenn die Annahme zutrifft, dass weiter russisches Gas fließt, aber womöglich zu höheren Preisen, hätte dies eine Kostenbelastung zur Folge - für die Industrie, für die Stadtwerke, für die Verbraucherinnen und Verbraucher. "Andererseits heißt dies aber auch, dass wir nichts abschalten müssen", so Müller.

Was bedeuten die Sanktionen für die Versorgungssicherheit in Deutschland?

Robert Habeck bei einer Pressemeldung

Robert Habeck

Die Bundesregierung sieht derzeit trotz der reduzierten Gaslieferungen aus Russland keinen Anlass, im Notfallplan Gas die Alarmstufe auszurufen - also staatlich organisiert Gas zu rationieren. "Die Lage ist beherrschbar", sagte Habeck. Der Wegfall von rund zehn Millionen Kubikmeter Gas aus Russland täglich könne am Markt anderweitig beschafft werden. 

Was passiert, wenn jetzt der Gashahn ganz zugedreht wird?

Es ist derzeit unkalkulierbar, ob Putin nicht doch den Gashahn zu einem bestimmten Zeitpunkt komplett zudreht. Wirtschaftsminister Habeck geht allerdings davon aus, dass Deutschland einen möglichen russischen Gasboykott schon in diesem Winter verkraften könnte. Das setze aber volle Speicher voraus und das wiederum bedeute, dass zunächst weiter russisches Gas fließe, so der Minister.

Damit Deutschland so schnell wie möglich von russischem Gas unabhängig werden kann, müssten alle Beteiligten einen Beitrag leisten, sagte Habeck. "Weniger Verbrauch ist das A und O beim Gas." Wenn Industrie und Privatleute zehn Prozent des Verbrauchs einsparten, "dann sind das die entscheidenden Prozente, um nicht in eine Notlage zu geraten."

Sind weitere Länder von einem Gas-Stopp bedroht?

Ja. Hochrangige finnische Politiker sind einer Zeitung zufolge davon informiert worden, dass Russland die Erdgasversorgung am Freitag unterbrechen könnte. Die Zeitung "Iltalehti" beruft sich auf nicht weiter genannte Quellen. Die Regierung in Helsinki hat sich zu einem baldigen Eintritt in die Nato bekannt, was in Russland auf Argwohn stößt. Zwar stammt der größte Teil des in Finnland verbrauchten Erdgases aus dem Nachbarland. Allerdings trägt Gas nur fünf Prozent zum finnischen Energiemix bei.

Über dieses Thema berichten wir im WDR am 12.05.2022 auch im Fernsehen: WDR Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

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