"Die Fußballszene ist viel weniger homofeindlich geworden"

Die Hülle der Allianz Arena leuchtet anlässlich des Christopher Street Days in Regenbogenfarben.

"Die Fußballszene ist viel weniger homofeindlich geworden"

Beim EM-Spiel gegen Ungarn sollte die Münchner Arena in den Regenbogenfarben erstrahlen, um ein Zeichen gegen Homophobie zu setzen. Ein schwuler Fußballer aus Köln erzählt, wie er das sieht.

Am Mittwochabend spielt Deutschland bei der Fußball-EM gegen Ungarn. Als Zeichen gegen Homophobie sollte die Münchner Arena in Regenbogenfarben leuchten. Die UEFA lehnte jedoch einen entsprechenden Antrag des Münchner Stadtrats ab.

Wie sehen schwule und lesbische Fußballer in NRW die Diskussion? Andreas Stiene organisiert seit fast 25 Jahren den Come-Together-Cup in Köln. Bei dem Fußballturnier, das am kommenden Samstag wieder stattfindet, treten schwule und lesbische Fußball-Mannschaften gegen Teams von Feuerwehr, Polizei, Firmen oder anderen Minderheiten an.

WDR: Herr Stiene, wäre es für Sie eine politische Aussage, wenn die Arena in München in Regenbogenfarben erstrahlen würde?

Andreas Stiene

Andreas Stiene beim Abbau des "Come-Together-Cups"

Stiene: Nein, für mich geht es darum, gesellschaftspolitisch, also direkt aus der Zivilgesellschaft heraus, etwas zu bewegen, das trenne ich ganz klar von zum Beispiel parteipolitischen Ansätzen.

WDR: Meinen Sie, das ist eine Chance, dass auch die Situation der queeren Fußballszene in Deutschland mehr thematisiert wird?

Stiene: Ja, in diesem Jahr ist schon viel passiert, zum Beispiel mit der Aktion "Ihr könnt auf uns zählen" der Fußballzeitschrift 11Freunde. Aber durch die Aufmerksamkeit für Manuel Neuer [der eine Kapitänsbinde in den Regenbogen-Farben getragen hat, Anm. d. Red.] und das Stadion kommt da jetzt nochmal eine gewisse Dynamik rein.

WDR: Haben Sie das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren etwas geändert hat, was die Situation schwuler und lesbischer Fußballer und Fußballerinnen angeht?

Stuttgarts Thomas Hitzlsperger und Sami Khedira jubeln nach dem 2:0-Sieg. (28.02.2007)

Hitzlsperger: Coming-out nach der Spieler-Karriere

Stiene: Ja, da hat sich seit dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger 2014 doch einiges positiv getan. Beispielsweise habe ich es erlebt, wie in Köln vor einigen Jahren oben in der Südkurve ein FC-Fan von der Tribüne rief "Schiri, du schwule Sau! Bist du blind?" Da gab es viele böse Blicke, aber nicht nur von uns, dem queeren Fanclub "Andersrum rut-wiess", sondern insbesondere auch von vielen anderen Fans, die nichts mit unserem Fanclub zu tun hatten. Die Fußballszene ist viel weniger homofeindlich geworden, da sind die normalen Fans viel weiter als manche Vereine oder Verbände.

Ich habe den Fan dann später angesprochen und er hat sich entschuldigt und gemeint, er habe es doch ganz anders gemeint, nicht gegen uns. Der DFB hat sich des Themas Kampf für Vielfalt und gegen Homofeindlichkeit inzwischen auch stärker mit einer Anlaufstelle angenommen.

WDR: Warum hat sich dann in Deutschland noch nie ein aktiver Profi-Fußballer geoutet?

Stiene: Ich denke, das wäre nur möglich, wenn das ein sehr gefestigter Mensch wäre, der zum Beispiel sein ganzes Leben beim selben Verein bleiben will. Weil man sonst immer Angst hat, dass beim Auswärtsspiel das ganze Publikum gegen einen ist. Aber ein junger Spieler, der seine Karriere noch vor sich hat, der hat womöglich nicht die Kraft dazu. Oder er fragt sich, was dann mit seiner Familie und den Verwandten ist, die vielleicht auf dem Land leben, wo es noch ganz andere Sichtweisen gibt. Aber dennoch glaube ich, dass jetzt langsam tatsächlich die Zeit soweit ist.

Das Interview führte Lena Sterz.

Thomas Hitzlsperger

Der Sandra Maischberger Podcast 15.10.2020 01:10:00 Std. Verfügbar bis 13.11.2021 ARD


Stand: 22.06.2021, 06:00

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen