Fotos von der Civis-Preisverleihung: Von Bettlern, Neubürgern und schlagkräftigen Juden

Fotos von der Civis-Preisverleihung: Von Bettlern, Neubürgern und schlagkräftigen Juden

Flucht, Rassismus und Integration: Schlagworte, hinter denen bewegende Schicksale stecken. Wie man sie anderen nahebringen kann, haben die Preisträger des Civis-Medienpreises gezeigt. Heute wurde er in Köln verliehen.

Der Civis-Preis 2020

Ein schlichter Schriftzug, ein einziges Wort: Der "Civis-Medienpreis" kommt bescheiden daher. Dabei gehört er zu den wichtigsten Auszeichnungen für Programmbeiträge, die das friedliche Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Religionen fördern. Wer ihn mit nach Hause nehmen durfte, wurde am Freitag (02.10.2020) bekannt gegeben.

Ein schlichter Schriftzug, ein einziges Wort: Der "Civis-Medienpreis" kommt bescheiden daher. Dabei gehört er zu den wichtigsten Auszeichnungen für Programmbeiträge, die das friedliche Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Religionen fördern. Wer ihn mit nach Hause nehmen durfte, wurde am Freitag (02.10.2020) bekannt gegeben.

Dieses Jahr ist fast alles anders - dank Corona. Auch die Verleihung des Civis-Preises musste neu organisiert werden, sie fand im WDR-Fernsehstudio statt im Festsaal und ohne Publikum statt. Aber auch auf Abstand ließ sich gut talken - über Gespür für Geschichten, Geduld als Gabe und bestürzende Einsichten.

Franziska Sophie Dorau hat bei ihren Recherchen zu "Der Tod des Soumaylo Sacko" erfahren, dass zum Beispiel die Orangen im Supermarktregal "von Menschen gepflückt werden, die versklavt sind und mitten in der EU in Slums leben". In der Hörfunk-Doku geht es um die Geschichte eines afrikanischen Erntehelfers, der in Italien von der N'dragheta erschossen wurde. "Hochverdient" sei die Auszeichnung mit dem "Civis Audio Award", so die Jury.

Ein ähnlich komplexes Thema in nur sechs Minuten beleuchtete Peter Voegeli: Warum wählt jeder dritte Zittauer die AfD? Warum ausgerechnet in einer Stadt, die wie kaum eine andere von der EU profitiert, dieser Zorn auf "Brüssel"? Der Schweizer Journalist blickte von außen auf das Dreiländereck an der polnisch-tschechisch-deutschen Grenze - und bekam dafür auch einen "Civis Audio Award".

Abräumer des Tages: Arkadij Khaet, hier mit Moderatorin Aminata Belli, wurde gleich zweimal ausgezeichnet. Den "Young C. Award" hat der Nachwuchsregisseur für "Masel Tov Cocktail" schon vorab bekommen, mit dem "Top Award" wurde er dann doch überrascht.

In "Masel Tov Cocktail" erzählt Khaet die Geschichte des jungen Juden Dima, der seinen Mitschüler mit einem Fausthieb niederstreckt. Antisemitische Anmache? Das war zu viel. Aber Leute, die so tun, als würden sie Juden ganz besonders lieben, mag er auch nicht. Ein wüstes Durcheinander, das Khaet mit Sinn für die witzigen Momente im Drama erzählt. So durcheinander wie der Cocktail. Der besteht laut Khaet aus "1 Jude, 12 Deutsche, 5 cl Erinnerungskultur und 1 Falafel", um nur ein paar Zutaten zu nennen.

Mit seiner Talkshow "Jafaar Talk" geht Jafaar Abdul Karim im arabischen Programm der Deutschen Welle regelmäßig auf Sendung. Sein Markenzeichen: Er bringt Menschen ins Gespräch, die sonst kaum miteinander reden würden, so wie die muslimische Aktivistin und einen Berliner AfD-Funktionär. Für die Moderation dieses denkwürdigen Treffens bekam er eine lobende Erwähnung.

Für die Verleihung kam Karim extra nach Köln. Im Kopf war er aber schon in Beirut, dort, wo vor einem Monat eine gigantische Explosion weite Teile der Stadt in Schutt und Asche legte. Da will er "einfach mit den Leuten reden".

Gelegenheit für ein Gespräch am Rande: Regisseurin Caroline Link und Produzent Jochen Laube trafen sich mit Civis-Geschäftsführerin Ferdos Forudastan im Studio. Link hatte das Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" verfilmt und damit jede Menge Preise gewonnen. Jetzt hat sie noch einen: Den Kino-Publikumspreis.

Sehr unterhaltsam auch der französische Fernsehfilm "Classe unique", der mit dem "Civis Video Award" (Information) ausgezeichnet wurde. Die Geschichte von einem kleinen Dorf in Frankreich, das unter Einwohnerschwund leidet und deswegen Flüchtlinge aufnimmt, ist dramatisch. Es gibt Tomatenwürfe, Verhaftungen und einen Brandanschlag - aber auch ein Happy End.

Preisträgerin Pauline Rocafull war nicht leibhaftig vor Ort, freute sich aus der Ferne aber genau so über den Preis. Auch sonst galt der Maximal-Abstand: Alle Laudatoren, darunter Schauspielerin Iris Berben, Rapper MoTrip und Comedian Tedros Teclebrhan aka "Teddy", lieferten ihre Lobreden per Video ab.

Ganz nah kam die Fernsehautorin Anna Tillack ihrer Protagonistin: Die 21-jährige Narcisca aus Rumänien erzählte ihr, warum sie tagelang auf deutschen Gehwegen hockt und bettelt. Nicht, um das Geld dann einem Boss mit dickem Auto abzuliefern, wie Tillack dachte - sondern weil sie sonst ihre Familie im kleinen Dorf nicht ernähren konnte.

"Die Realität ist oft ganz anders", war eine Erkenntnis von Tillack, die sie den Zuschauern vermitteln will, die andere: "Der Staat versagt und zwingt die Menschen in die Bettelei." Dass sie so hartnäckig recherchierte und so anrührend von Narcisca erzählte, hat ihr den "Civis Video Award" (Information) eingebracht.

Schlussbild: Statt Gedrängel auf der Bühne diesmal eine kleine, feine Runde im Studio. Vielleicht ist nächstes Jahr alles wieder anders. Fest steht: Die nächste Filme, Radiobeiträge und Web-Auftritte sind schon in Arbeit.

Stand: 30.09.2020, 13:37 Uhr