Russland droht, das Gas abzudrehen - Das würde ein Aus von Nord Stream 1 bedeuten

Stand: 08.03.2022, 15:35 Uhr

Diese Pipeline ist so etwas wie die Hauptversorgungsader für Gas aus Russland. Knapp die Hälfte der russischen Gasimporte kommen über die 1.200 Kilometer lange Pipeline durch die Ostsee nach Greifswald.

Von Jörg Marksteiner

Seit Wochen läuft sie unter Volllast, heißt es in der Energiebranche. Ein Abschalten würde also bedeuten, dass etwa die Hälfte der russischen Gaslieferungen nach Deutschland ausbleibt.

Nord Stream 1 – deren Rohre auf dem Boden der Ostsee übrigens direkt neben der fertigen, aber gestoppten Nord Stream 2 liegen – lieferte in den vergangenen Tagen um die 1.800 GWh pro Tag. Zum Vergleich: Über die anderen beiden Pipelines durch Polen/Belarus und durch die Ukraine kamen zusammen knapp 1.000 GWh/Tag, berichten Energiehändler. Die genauen Werte schwanken etwas. Die Betreibergesellschaft von Nord Stream 1 ist nicht von den Sanktionen betroffen.

Andere Pipelines noch nicht voll ausgelastet

Insgesamt sind die Pipelines durch Polen wenig und durch die Ukraine derzeit etwa zur Hälfte ausgelastet. Bei einem Ausfall von Nord Stream 1 würden also, was die Infrastruktur angeht, im Grunde die anderen Verbindungen reichen. Wenn denn weiter eingespeist würde.

Die Andeutung von Energieminister Alexander Nowak, im Falle eines Ölembargos im Gegenzug möglicherweise die russischen Gaslieferungen über Nord Stream 1 einzustellen, sehen Energiehändler deshalb mit Skepsis. "Natürlich besteht die Möglichkeit, aber es ist sehr unwahrscheinlich. Damit würde sich Russland selbst der Einnahmen berauben, gerade beim derzeitigen Preisniveau", sagte ein Analyst. Eine Pipeline binde halt beide Seiten.

Gas, das durch die Pipelines kommt, wird üblicherweise nicht zum aktuellen Börsenpreis gehandelt. Die Verträge haben normalerweise komplexe Preisformeln, die sich am Durchschnittspreis der Vormonate orientiert. Das heißt, Russland profitiert zeitversetzt von einem anhaltend hohen Preisniveau. Einige ältere Verträge seien auch noch an den Ölpreis gekoppelt.

Nord Stream 1 ließe sich nicht kurzfristig ersetzen

Routen der Nordstream 1 und 2 Pipeline

Klar sei aber auch, sagen Händler und Industrie, dass sich die Pipelinemengen von Nord Stream 1 nicht kurzfristig ersetzen ließen. Alle europäischen Terminals für Flüssiggas, wo die Tanker anlegen und ihre Lieferung wieder in gasförmigen Zustand bringen, seien bis Ende März ausgebucht. Dazu kommt das Problem ausreichender Schiffe: Ein voller LNG-Tanker bringt etwa so viel Flüssiggas, wie durch die Pipeline Nord Stream 1 an einem Tag ankommt, hatte Eon-Chef Leonard Birnbaum verdeutlicht. Dazu ist Flüssiggas generell teurer als Pipelinegas.

Alternativen in vier bis fünf Jahren

Alternativen zu russischem Pipelinegas zu schaffen ist möglich, da sind sich Politik und Wirtschaft einig. Eine Umstellung brauche aber Zeit, vermutlich vier bis fünf Jahre. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass in einem Jahr maximal und mit Einschränkungen bei Verbrauch ein Drittel des russischen Gases in Europa ersetzt werden könnte. Die Abhängigkeit zeige sich auch daran, dass trotz Rekordeinfuhren von LNG sich die Gasspeicher weiter leeren, heißt es in Studien.

Andere Erzeuger produzieren am Limit

Andere Erzeuger können kurzfristig nicht einspringen: Norwegen als zweit wichtigstes Lieferland fördert bereits am Limit, die Mengen aus Niederlande und Großbritannien sinken bereits seit längerem. Ebenso die heimische Förderung, die zuletzt einen Anteil von 5 bis 10 Prozent hatte. Ein Ausbau der Förderung galt bislang aber als politisch nicht gewollt. Der gewollte Ausbau von erneuerbaren Energien würde die Abhängigkeit reduzieren, braucht aber ebenfalls Zeit.

Kampf durch Verzicht - Gasboykott um jeden Preis?

WDR 5 Tagesgespräch 08.03.2022 45:23 Min. Verfügbar bis 08.03.2023 WDR 5


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