Drei Monate nach der Flut: Helferin plant Weihnachtsfeier für einen ganzen Ort

Frau hält Beetpflanzen in der Hand

Drei Monate nach der Flut: Helferin plant Weihnachtsfeier für einen ganzen Ort

Von Katja Goebel

Eigentlich wollte Ramona Richter nach der Flut nur mal mit anpacken. Jetzt plant die 33-Jährige eine Weihnachtsfeier im Flutgebiet für 1.700 Menschen. Eine von vielen Helfer-Geschichten.

Zehn Tage nachdem die Flut im Juli Ortschaften verwüstet und ganze Häuser mitgerissen hat, kauft Ramona Richter ein Paar Gummistiefel im Baumarkt, steigt ins Auto und fährt Richtung Erftstadt, um vor Ort spontan zu helfen. Für die 33-Jährige aus Essen ganz selbstverständlich angesichts der Bilder im Fernsehen und der großen Not. "Ich bin eben so ein Typ."

Neben ihrem ganz normalen Job als Justizvollzugsbeamtin stemmt sie an den kommenden Wochenenden in verdreckten Häusern Wände auf, hämmert Putz ab, schrubbt Schlamm von Terrassen, karrt Steine und Geröll weg, sammelt Sperrmüll, bepflanzt Beete und kommt mit wildfremden Leuten ins Gespräch. "Anpacken ist eine Sache", sagt Ramona. "Aber genauso wichtig ist das Zuhören."

Freiwillige Helfer im Flutgebiet: Vom Pfadfinder bis zum Marketingmann

Freiwillige Helfer tragen in Bad Neuenahr-Ahrweiler zerstörte Möbel auf eine mit Sperrmüll übersehene Straße

Freiwillige Helfer im Einsatz

Freiwillige Anpacker und Zuhörer gibt es viele in der Zeit nach der Flut. Das Engagement der Helfer ist überwältigend. Jung und Alt eint eine Mission. Da sind die bergischen Pfadfinder, die wochenlang im Ahrtal campen, um vor Ort zu helfen. Da ist Kai Imsande, der eigentlich in der Werbebranche arbeitet und plötzlich zum ehrenamtlichen Krisenmanager wird. Mit anderen Helfern hat er einen Spendensupermarkt in einem betroffenen Ort aufgebaut. Da ist der Landwirt Markus Wipperfürth aus Pulheim, der einfach mit seinem Trecker losfährt, die Not vor Ort mit seinen tausendfach geklickten Facebookvideos dokumentiert und eine Stimme für Helfer wird.

Da ist ein Gastronom aus Köln, der sich spontan nach Ahrweiler aufmacht, um Betroffene mit warmen Mahlzeiten zu versorgen oder ein Schausteller aus Bonn, der mit seinem Kran Rettungswege frei räumt. Und da ist Marketingmann Mark Ulrich, der die Idee zu einem Helfer-Shuttle hat, um Hunderte von Helfern aus ganz Deutschland einzusammeln und in die Flutgebiete zu bringen.

Nach der Flut: Helfen im zerstörten Dernau

Frau mit Bohrhammer vor einer Wand

Das erste Mal mit Bohrhammer in der Hand

Der Helfer-Shuttle bringt auch die Essenerin Ramona Richter irgendwann ins Ahrtal - nämlich ins rheinland-pfälzische Dernau. Die kleine Ortschaft ist nahezu komplett zerstört. An manchen Häusern hat das Wasser bis zur Dachrinne gestanden, es riecht es nach Schlamm, Fäkalien und Dreck. Wochenlang verbringt die Essenerin hier jetzt ihre freie Zeit - und lernt andere Helfer kennen. Zum Beispiel Gaby Degen, die am Bodensee lebt. Die Frührentnerin sammelt von dort aus Sachspenden und schickt sie mit Transportern ins Ahrtal. Und plötzlich steht fest: Die beiden Frauen wollen mehr als "nur" beim Aufräumen helfen.

"Ich habe mit vielen Anwohnern gesprochen", erzählt Ramona. "Viele haben Angst vor der dunklen Jahreszeit. Da kam uns die Idee, für eine Weihnachtsfeier im Ort zu sammeln."

Zwei Frauen, eine Idee

Porträt zweier Frauen

Helfen seit Wochen im Ahrtal: Gaby und Ramona

Aus der fixen Idee wird schnell ein riesiges Projekt. Der Helferkreis wächst nahezu täglich. Die beiden Frauen wollen möglichst viele Menschen motivieren, für die Feier Spenden-Pakete mit Geschenken zu packen, suchen jetzt Weihnachtsbaum-Paten, um Flutopfern geschmückte Tannen zu schenken, haben neben Weihnachtsmann und Wichteln auch Clowns für das Fest organisiert. Sie treiben Weihnachtsmarktbuden auf und finden einen Waldbesitzer, der die Tannenbäume stellt. Sie haben eine Koch-Crew und zig Kuchenbäckerinnen an der Hand. Und sie haben einen Namen für die Weihnachtsfeier am 11. Dezember: WintAHRzauber. Helfer und Spender vernetzen sich über eine Facebookgruppe.

"Es ist so einfach zu helfen"

Auch die Gemeinde ist begeistert, stellt ein Gelände und will ein Festzelt besorgen. Hoffentlich ist das nicht zu klein. Schließlich hat der Ort 1.700 Einwohner. Es sei ein ewiges Auf und Ab, sagt Ramona und staunt selbst, was man alles so auf die Beine stellen kann, wenn man nur will. "Es ist eigentlich ganz einfach auf Menschen zu zugehen und zu helfen."

Und was macht das alles mit ihr? Man merke wie gut es einem eigentlich geht, sagt die 33-Jährige, die gerade in einem renovierungsbedürftigen Haus selbst auf einer Baustelle lebt. "Aber wir haben es warm und es kommt fließendes Wasser aus dem Hahn. Für mich ist das jetzt keine Selbstverständlichkeit mehr."

Stand: 14.10.2021, 10:00

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