Leben nach der Flut – Menschen an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem

Leben nach der Flut – Menschen an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem

Während in anderen Flut-Gebieten der Wiederaufbau beginnt, dürfen einige Menschen in Erftstadt-Blessem erst nach und nach zurück in ihre Häuser. Durch einen Erdrutsch ist dort ein riesiger Krater entstanden, die Radmacherstraße im Ort endet im Nichts. Einige der Häuser dort müssen abgerissen werden. In den anderen leben die Menschen nun an der Abbruchkante.

Wenn Waltraud Groten in ihrem Garten steht, blickt sie in ein riesiges Erdloch. Nur wenige Meter sind es bis zum Abgrund, ihr Grundstück ist nur durch einen Bauzaun davon getrennt. Beim Hochwasser ist die Erde zwölf Meter tief abgesackt. Die 78-Jährige kann es noch immer nicht fassen: "Es ist ein ganz mulmiges Gefühl. Hier sind keine Häuser mehr, unser Garten ist weg."

Acht Häuser in Blessem fallen der Flut zum Opfer

Menschen vor zerstörten Häusern

Die Ehepaare Groten und Dunkel in der zerstörten Radmacherstrasse.

Drei Häuser sind bei der Flut in Blessem eingestürzt. Fünf weitere wurden so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden müssen. Wenn Waltraud Groten vorn aus der Haustür geht, kann sie dem Abrissbagger zusehen, wie er nach und nach beim Haus mit der Nummer 14 erst das Dach, dann große Teile der Fassade abträgt. "Das ist furchtbar! Furchtbar! Die halbe Nachbarschaft ist weg", sagt Groten, die mit ihrem Mann seit mehr als 50 Jahren hier lebt. Das Paar hat sein Haus erst vergangenes Jahr altersgerecht umgebaut, außerdem eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und eine neue Heizung eingebaut. "Man hat alles investiert, was man gespart hatte, und jetzt steht man vor einem Nichts."

Geologen und Statiker im Dauereinsatz

Auch beim Haus der Grotens war lange nicht klar, wie standfest es nach dem Erdrutsch noch ist. Die Abbruchkante in Blessem wird ständig von Geologen überwacht. Statiker haben die Häuser überprüft. Erst drei Wochen nach der Flut kam der Anruf: Hausnummer 3 ist sicher, die Bewohner dürfen nach Hause.

In Bildern: Leben nach der Flut

Manche Bewohner dürfen in ihre Häuser zurück. Andere hoffen darauf, dass das auch für sie bald wieder möglich ist. Einige Häuser werden aber auch schon abgerissen. Die Familien Groten und Dunkel geben Einblicke in ihr Leben nach der Flut.

Waltraud Grotens steht in ihrem Haus, der Boden ist verdreckt.

Waltraud Groten läuft in Gummistiefeln auf schlammverkrustetem Boden durch ihren Hausflur. In der Küche hat die Flut Spuren hinterlassen - auch wenn die Aufbewahrungsdosen für Zucker und Kaffee immer noch genau so im oberen Küchenschrank stehen wie vor der Katastrophe.

Waltraud Groten läuft in Gummistiefeln auf schlammverkrustetem Boden durch ihren Hausflur. In der Küche hat die Flut Spuren hinterlassen - auch wenn die Aufbewahrungsdosen für Zucker und Kaffee immer noch genau so im oberen Küchenschrank stehen wie vor der Katastrophe.

Das Wohnzimmer der Grotens sieht ähnlich aus: Bücher liegen auf den dreckigen Fliesen, das unterste Fach des Bücherregals wurde umspült, die oberen Fächer sind unversehrt. Auch die Orchideen stehen alle noch in ihren Töpfen auf dem Fensterbrett - und blühen, als wenn nichts passiert wäre.

Vor ihrem Haus (links) spricht Waltraud Groten mit einem Nachbarn, dessen Haus abgerissen werden muss. Sein Haus steht direkt gegenüber dem der Grotens. Ein Bagger hat schon damit begonnen, ein anderes Haus auf der Radmacherstraße abzureißen.

Ulrich Dunkel unterhält sich mit einem Nachbarn (links). Er weiß immer noch nicht, was mit seinem Haus passieren wird: Noch ist es gesperrt, nur den Garten darf er betreten. Die beiden Häuser der Grotens und Dunkels liegen einander direkt gegenüber, den Grotens gehört das rote Haus auf der linken Seite, den Dunkels das grüne Haus auf der rechten Seite.

Das Haus der Grotens (hier hinter dem Bagger) steht direkt an der Abbruchkante, die durch die Unwetterkatastrophe verursacht wurde. An diesen neuen Anblick werden sie sich noch gewöhnen müssen.

Haus auch vier Wochen nach der Flut noch gesperrt

Auf diese Nachricht warten die Nachbarn gegenüber noch immer. Auch vier Wochen nach dem Unglück darf Familie Dunkel aus der Radmacherstraße 8 ihr Haus noch nicht betreten. Bislang ist nur der Garten zugänglich.

"Wenn meine Frau mich nicht aufgehoben hätte, wäre ich ertrunken."

Durch eine Einfahrt führt der Weg hinters Haus, dorthin wo die Fische aus dem Teich gespült wurden, der Strandkorb in den Fluten mitgerissen wurde. Ein Piepsen ist zu hören – der Treppenlift von Ulrich Dunkel ist seit Wochen ohne Strom, sendet pausenlos einen Warnton. Der 73-Jährige hat eine Gehbehinderung, bei der Flucht über die Treppe in den Garten fiel er hin und verletzte sich den Arm. "Wenn meine Frau mich nicht aufgehoben hätte", sagt er, "wäre ich ertrunken." Gemeinsam schaffen es die beiden über ein Nachbargrundstück zur nächsten Straße, wo sie auf Rettungskräfte treffen.

Zerstörte Häuser nach der Flutkatastrophe

Während das eine Haus abgerissen wird, können nebenan die Bewohner wieder in ihr zu Hause.

Stundenlanges Bangen um die Eltern

Sohn Thomas zeigt mit einem Zollstock, wie hoch das Wasser am Haus der Familie stand: 1 Meter 45. Er war an den Tagen der Flutkatastrophe im Urlaub – und versuchte verzweifelt aus der Ferne, irgendwie Kontakt zu seinen Eltern zu bekommen: "Die Handyakkus waren ja leer. Ich hatte Donnerstagmittag das letzte Mal mit ihnen geschrieben. Die ganze Nacht habe ich dann versucht, über einen Freund zu Hause etwas herauszufinden." Erst am Freitag, viele quälende Stunden später, der erlösende Anruf: "Sie konnten im Krankenhaus das Handy aufladen und haben angerufen", erzählt Thomas Dunkel. "Wir sind in Sicherheit, haben sie gesagt. Das war eine unglaubliche große Erleichterung für mich."

Tränen selbst bei Rettungskräften

Das Ehepaar Groten wurde schließlich per Hubschrauber vom Dach der Garage gerettet – die Dunkels hatten den Rettungskräften gesagt, dass ihre Nachbarn im Haus festsitzen. Waltraud Groten erinnert sich: "Der eine Mann, der meinen Mann festgeschnürt hatte, der war am Weinen. Der sagte: So was habe ich noch nicht gesehen." Das Hochwasser hat Erftstadt-Blessem gezeichnet – und die Radmacherstraße völlig verändert. Was am Ende bei allen Anwohnern bleibt: Sie sind froh, dass sie noch leben.

Stand: 12.08.2021, 16:02

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