Flut.Geschichten: "Das tat mir in der Seele weh"

Flutgeschichten Euskirchen Jennifer Dörr

Flut.Geschichten: "Das tat mir in der Seele weh"

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei Jennifer Dörr. Sie ist 35 Jahre alt und vierfache Mutter. Sie lebt mit ihren Kindern und ihrem Freund nahe der Steinbachtalsperre in einem Haus in Euskirchen, das schwer vom Hochwasser getroffen wurde - ihr Protokoll.

"Wir wussten gar nicht, ob wir überhaupt dort ankommen" Jennifer Dörr

"Das sind keine schönen Gefühle, das sind eher Sachen wo man denkt: Was kann jetzt noch schlimmeres passieren? Nur noch Sterben, alles andere hat man jetzt schon hinter sich.

An dem 14. Juli fing das so an, dass der Regen den ganzen Tag angehalten hat. Ich saß am Esszimmertisch und habe auf den Garten geschaut. Ich habe meinen Freund immer wieder in den Keller geschickt um nachzuschauen, ich hatte innerlich schon Panik. Er hat mich für verrückt erklärt: "Wird schon nichts sein, wird schon nichts sein." Und dann sagte er: "Kannst du mal bitte kommen, ich habe da was gesehen." Ich dachte nur: ´Oh nein! Ach, Scheiße!´

Ich wusste im ersten Moment gar nicht was ich machen sollte. Mein Freund hatte zum Glück einen klaren Kopf behalten. Dann gingen schon die Sirenen los und wir wurden evakuiert. Wir wohnen hier direkt an der Steinbachtalsperre und da war die Bedrohung für uns, dass der Damm reißen könnte. Wir haben dann mitten in der Nacht die Kinder eingepackt, aus dem Schlaf gerissen und uns auf den Weg zu meiner Mutter gemacht, die ein paar Orte weiter wohnt. Als wir mit den Kindern losgefahren sind wussten wir gar nicht, ob wir überhaupt dort ankommen."

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"Alle, die nicht betroffen waren, haben zusammen angepackt" Jennifer Dörr

"Wir haben meinem Ex-Mann und seinen Eltern geholfen, die nicht evakuiert waren. Meine Schwiegermutter stand in der Küche. Das ist eigentlich eine gestandene Frau, immer sehr schick gekleidet und super gut gelaunt, eine ganz tolle Persönlichkeit. Die stand da einfach wie ein kleines Häufchen Elend in ihrem Lebenswerk. Dieser Moment, sie so dort zu sehen hat mich schon sehr getroffen. Dann haben wir uns in die Arme genommen. Das war schon ein Moment für mich, wo ich einfach froh war, dass ich keinen verloren habe, der mir am Herzen liegt.

Flutgeschichten Euskirchen Jennifer Dörr

Wir sind dann nach sechs Tagen Evakuierung wieder nach Hause gefahren und haben erstmal geschaut wie hoch das Wasser steht. Als wir dann mit Taschenlampen in den Keller gegangen sind – wir hatten ja weiterhin keinen Strom – haben wir mit dem Notstromaggregat die Pumpen angeworfen und den Keller leer gemacht. Den Tag darauf haben wir schon angefangen die Sachen auszuräumen. Die Nachbarn haben alle geholfen, ein paar Freunde sind vorbei gekommen. Alle, die nicht betroffen waren, haben zusammen angepackt. Das hat einem dann wieder einen kleinen Kraftschub gegeben, dass wir halt alle in einem Boot sitzen."

"Das ist das, wofür ich jeden Tag dankbar bin" Jennifer Dörr

"Alle Möbelstücke standen im Wasser. Leider waren halt auch viele emotional wertvolle Dinge dabei. Alte Fotos und Sachen aus meiner Kindheit. Auch Kindheitssachen der Kinder, Mappen aus dem Kindergarten. Das tat mir in der Seele weh, die wegzuwerfen. Eigentlich konnte man 90 Prozent wegwerfen. Es ist einfach nichts mehr so, wie´s vorher gewesen ist. Man ist in seiner Freizeit total eingeschränkt, man kann so gut wie nichts mehr machen.

Es sind halt auch sehr viele dabei gestorben. Das ist das, wofür ich jeden Tag dankbar bin. Dass meinen Freunden und meiner Familie nichts passiert ist. Wenn man sich dann sieht, nimmt man sich wirklich fest in den Arm und drückt sich auch einmal mehr. Einfach weil man froh ist, sich noch zu haben."

Protokoll: Julius Schmidt

Stand: 11.09.2021, 07:13

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