Flut.Geschichten: "Ich habe Dinge gemacht, die ich mir vorher nie zugetraut hätte"

Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Flut.Geschichten: "Ich habe Dinge gemacht, die ich mir vorher nie zugetraut hätte"

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei Merle Hein in Solingen-Unterburg. Sie ist 26 Jahre alt und hat am Flutabend ihre Großmutter zuhause gepflegt. Beide wurden evakuiert, aber das Haus zerstört - ihr Protokoll.

"Die ersten Nächte habe ich einfach gar nicht mehr geschlafen, weil ich - sobald ich die Augen zugemacht habe - die Bilder vor Augen hatte, wie das Wasser auf uns zugekommen ist." Merle Hein
Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Meine Oma hatte zwei Wochen vor der Flutkatastrophe einen Schlaganfall, war im Krankenhaus und wurde erst drei Tage vor der Flut entlassen. Zu diesem Zeitpunkt, als das Wasser gestiegen ist, hatte ich quasi Oma-Dienst und habe mich um sie gekümmert.

Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Irgendwann war es dann so weit, dass die Wupper immer näher und näher gekommen ist. Dass man schauen musste: Entscheidet man sich für das Grundwasser oder für die Wupper. Und dann hab ich irgendwann die Pumpe ausgemacht und hab gesagt, ich versuche eher das Wupperwasser zu bekämpfen. War natürlich Blödsinn."

"Die Familie hat in der Nacht kein Auge zugemacht" Merle Hein

"Dann haben wir irgendwann aufgegeben, sind hoch und haben die Sicherung rausgedreht. Gegen 18 Uhr kam die Polizei und hat gesagt, dass wir gleich evakuiert werden.

Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Dann ging es nur noch darum, eine Notfalltasche für meine Oma zu packen. Und dann mussten wir noch einen Rettungswagen bzw. Krankentransport für meine Oma organisieren. Ich bin hinter dem Rettungswagen her zu mir nach Hause gefahren und habe meine Oma dann in mein Bett gelegt, das war die beste Alternative, die wir hatten.

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Dann kam noch die Nachricht, dass an der Talsperre das Wasser abgelassen werden muss und es war die Rede von einer Flutwelle, die hier noch ankommen sollte. Ich glaube die ganze Familie hat in der Nacht kein Auge zugemacht und gehofft, dass wir am nächsten Morgen noch ein Zuhause haben."

"Das sind Erinnerungen und da würde ich gerne dran festhalten" Merle Hein

"Es gab auf jeden Fall Momente, wo ich gesagt hab: ´Bis hierhin und nicht weiter, ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr!´. Dann habe ich mir aber ein paar Minuten Zeit genommen, tief durchgeatmetet, und dann ging es auch weiter. Für mich war es dann schön zu sehen, als es nach wochenlanger Arbeit langsam wieder anfing, dass man Dinge aufgebaut hat, statt sie abzureißen.

"Das Haus ist Familie für mich" Merle Hein
Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Ich habe wirklich Stunden gerissen und richtig viel gearbeitet. Auch selber Dinge gemacht, die ich mir vorher niemals selber zugetraut hätte. Stromkabel durch die Wand ziehen oder ´ne Wand einreißen. Das sind halt so Dinge, wo ich gedacht hätte, die würde ich in meinem Leben niemals selber machen. Das sind Sachen, die man sicher auch gut für die Zukunft brauchen kann, und wo man sagt: ´Respekt, das hätte ich selber von mir gar nicht erwartet´.

Flutgeschichten Merle Hein Solingen Unterburg

Dieses Haus ist einfach Familie für mich. Ich habe hier viel Zeit in meiner Kindheit verbracht, meine Mutter ist hier groß geworden, mein Onkel ist hier groß geworden. Viele Dinge, die im Garten stehen, hat mein Opa gebaut, den ich nie kennenlernen durfte. Und das sind einfach die Punkte, wo ich sage: Das sind Erinnerungen und da würde ich gerne dran festhalten."

Protokoll: Julius Schmidt

Stand: 21.09.2021, 06:00

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