Flut.Dok Melanie Kerkhoff Mönchengladbach

Neustart nach der Flut: "Plötzlich so viel Wertschätzung"

Stand: 29.12.2021, 06:00 Uhr

In unseren Beiträgen "Flut.Dok - Alles anders" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern, wie sich ihr Leben nach dem Hochwasser verändert hat.

Heute sind wir bei Melanie Kerkhoff aus Mönchengladbach. Sie hat fast zehn Jahre lang in Mayschoß gewohnt. Sie, ihre Familie und ihre Freunde - die gesamte Wohngemeinschaft, haben die Flutnacht und den Tag danach auf dem engen Dachboden verbracht, eingeschlossen vom Wasser - während in der Nachbarschaft ganze Häuser samt Bewohnern von der Flut mitgerissen wurden. Melanie Kerkhoff hat nach monatelanger Suche mit ihrer WG eine Wohnung in Mönchengladbach gefunden. Es ist ein Neustart für sie: Durch die Hilfe nach der Flut hat sie sich selbst besser akzeptieren können - ihr Protokoll.

"Bis jetzt habe ich ein sehr turbulentes Leben geführt, was eigentlich im schönen Mayschoß weitergehen sollte. Bis zur Flutnacht haben wir auch gedacht, dass alles gut ist..." Melanie Kerkhoff
Mehrstöckiges Haus, zum Teil aus Fachwerk nach der Flut. In der Mitte ist die Kante zu sehen, bis zu der das Wasser kam

Das Wohnhaus nach der Flut.

Der Start in den Tag war eigentlich wie immer. Man steht auf, das Kind wird fertig gemacht für die Schule, der Feuerwehrchef kam noch vorbei. Und dann haben wir noch mit ihm gesprochen, was denn jetzt überhaupt zu erwarten ist, weil es regnete ja auch schon ein bisschen.

Und dann hat er gesagt: `Ja, es ist so, wir vermuten wie 2016, dass der Kellerraum ein bisschen überflutet wird.´ Und wir haben versucht, so gut wie möglich das Haus zu schützen, hatten schon die ersten Kisten in die Zwischentage gestellt, mit Dokumenten, weil wir sind davon ausgegangen: Das reicht aus. Mehr als ein Meter im Wohnzimmer. So hoch war es noch nie im Leben. Das kommt nicht so hoch.

"Wir waren immer die Dazugezogenen, wir waren immer anders als die anderen." Melanie Kerkhoff

Wir wohnen jetzt seit zehn Jahren in dieser Konstellation als Wohngemeinschaft. Zuerst waren mein Mann, ich und der große Sohn in einem Familienverbund, und da wir immer unsere Freunde bei uns hatten und jeder seine eigene Wohnung hatte, haben wir irgendwann gesagt: `Das wäre doch eigentlich ganz gut zusammen zu wohnen. Wenn wir sowieso immer zusammen sind, dann kann man die Wohnungen auch zusammenlegen´.

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Wir waren immer die Dazugezogenen, wir waren immer anders als die anderen. Wir waren halt nicht die klassische Mutter-Vater-Kind-Familie, da gibt es natürlich immer wieder Nachfragen. `Warum wohnt man in einer Wohngemeinschaft mit so vielen Erwachsenen? Das arme Kind!´ Da habe ich dann gesagt: "Das ist halt so. Ich muss doch niemandem erklären, warum ich ab und an auf Hilfe angewiesen bin. Man läuft ja nicht gerne durch die Gegend und sagt: `Juhu, ich habe einen Pflegegrad!´

"Eine Bahnschiene ist in unser Wohnzimmer reingespült worden." Melanie Kerkhoff
Blick aus einem Haus, unten liegt Müll von der Flut

Blick aus dem Fenster auf die Straße.

Wir haben die Nacht über dem Dachboden verbracht, zu sechs Leuten ganz klein, eng zusammengekauert, haben versucht, irgendwie Ruhe zu finden und zu schlafen. Hat natürlich nicht so funktioniert. Dann haben wir die Geräusche noch gehört, den großen Geländewagen, der gegen die Hauswand gedonnert ist. Hinterher wussten wir auch: Das Fensterklirren, das war wohl eine Bahnschiene, die in unser Wohnzimmer rein gespült worden ist.

"So schön Mayschoß auch war, aber in dem Moment hat Mayschoß uns ausgekotzt." Melanie Kerkhoff

Nebenan war noch ein älteres Ehepaar eingesperrt unterm Dachboden. Und die haben dann mit so einer großen Stange Essen gereicht bekommen. Wasser, Essen, Lebensmittel. Das war nicht viel weiter von unserem Fenster, wo wir waren. Dann hat die Sam (eine Mitbewohnerin) noch gerufen: `Hallo, wir sind hier. Könnt ihr uns bitte eine Flasche Wasser reinwerfen? Eine wird uns reichen. Wir sind hier sechs Personen und wir haben hier ein Kind. Wir brauchen Wasser.´

Das wurde dann ein bisschen abgebügelt: `Nö. Da ist ja Schlamm, wir kommen da ja nicht hin.´ Dann sind sie gegangen. Das war so ein Moment, wo wir dann gesagt haben im Nachhinein: `So schön Mayschoß auch war, aber in dem Moment hat uns Mayschoß ausgekotzt´.

"Man braucht ein bisschen Ruhe, man braucht ein Dach über dem Kopf, man braucht ein Bett." Melanie Kerkhoff

Das Thema Akzeptanz ist schon sehr wichtig, weil ich selber eine ganze Weile Probleme hatte, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin. Dadurch ging es mir natürlich nicht gut. Daher kam auch meine Essstörung.

Blonde Frau steht vor einem Rollstuhl

Ich war mal 125 Kilogramm schwerer als jetzt und dann kamen noch das Lipödem und das Lymphödem dazu. Das ist eine Stoffwechselerkrankung, eine Fettverteilungsstörung. Das Körperfett was da wächst, kann man nicht einfach abnehmen. Ich habe mich immer als Mensch zweiter Klasse gesehen, weil ich dick war. Ich bin so groß geworden.Ich hatte im September meinen 13. OP-Termin für mein Lipödem. Und es braucht ja auch eine Heilzeit, man braucht ein bisschen Ruhe, man braucht ein Dach über dem Kopf, man braucht ein Bett. Eine Freundin von mir hat dann gesagt: "Ich helfe dir jetzt!“ Sie hat sich Sorgen um uns alle gemacht und hat dann viel telefoniert in Mönchengladbach, bis hin zum Bürgermeister. Die haben dann gesagt: `Wir haben eine Wohnung für Sie.´

"So blöd kann ich ja gar nicht sein, wenn die uns alle helfen." Melanie Kerkhoff

Wir hatten dann ein Dach über dem Kopf, es waren Toiletten da - die grundlegenden Sachen. Es waren genügend Zimmer und wir sind nicht anspruchsvoll. Wir wollen einfach nur eine Wohnung haben, wo wir durchatmen können, wo wir auch das verarbeiten, was uns passiert ist. Das wird noch lange dauern...

Wir haben dann auf einmal so viel Wertschätzung bekommen nach der Flut. Menschen, die uns Geld gespendet haben, auch Sachspenden. Dinge, wo ich im Nachhinein denke: `Wow, so blöd kann ich ja gar nicht sein, wenn die uns alle helfen´.

Jetzt in Mönchengladbach fühlen wir uns bis jetzt sehr gut aufgenommen, sehr wohl. Wir wissen nicht, wohin die Reise geht im Moment. Das wäre auch noch zu früh. Aber wir sind unglaublich dankbar und irgendwo so ein bisschen glücklich, dass wir leben."

Flut.Dok Melanie Kerkhoff Mönchengladbach

Protokoll: Julius Schmidt

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