Flut.Geschichten: "Ohne Hilfe wäre es nicht machbar, diese Existenz wieder aufzubauen"

Flutgeschichten Kerstin Herter Euskirchen

Flut.Geschichten: "Ohne Hilfe wäre es nicht machbar, diese Existenz wieder aufzubauen"

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei Kerstin Herter aus Euskirchen. Sie ist Augenoptikerin und hat durch die Flut ihr Geschäft verloren. Der Familienbetrieb hätte dieses Jahr 25-jähriges Jubiläum gefeiert - ihr Protokoll.

"Da ist ganz schnell Panik aufgekommen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt ja gar nicht: Ist jemandem was passiert?" Kerstin Herter

"Das ist einfach wie in einem Kriegsgebiet. Ich hab mir nie vorgestellt, dass ich in meiner Heimat irgendwo mal so eine Zerstörung sehen würde, dass auf einmal überall Bundeswehr ist, dass Helikopter in der Luft stehen, dass Panzer durchfahren ...

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Als die Flut kam, war ich weit weg. Ich war in Italien und habe das natürlich gar nicht mitbekommen, bis meine Schwägerin anrief und sagte: 'Es regnet viel'. Als ich morgens am 15. Juli aufgewacht bin, habe ich erstmal das Handy gecheckt, also irgendwie muss dieses Telefonat dann doch nachgewirkt haben.

Und dann ging es wirklich wie im Film: Man hat versucht zu telefonieren, ich habe versucht, meinen Bruder zu erreichen, meine Schwägerin zu erreichen. Da ist ganz schnell Panik aufgekommen, weil: Du bist weit weg. Du weißt nicht, wie es dort aussieht. Und du möchtest irgendwas tun, aber du erreichst niemanden. Wir wussten zu dem Zeitpunkt ja gar nicht: Ist jemandem was passiert? Einige Zeit später hat meine Schwägerin mich dann telefonisch erreicht und der einzige Satz, der unter Tränen kam, war: 'Das Geschäft ist weg.'"

"Du hast in den ersten Stunden, Tagen und auch danach einfach kein Zeitgefühl gehabt" Kerstin Herter

"Die Zerstörung, die Verwüstung wurde immer schlimmer, je weiter man quasi nach Euskirchen reinkam und dann schaut man die Straße runter. Ich weiß noch, dieses Bild, der größte Schutthaufen lag vor unserem Haus.

Als ich unseren Schleifautomaten total zerstört im Schlamm liegen sah, das Herzstück einer jeden Augenoptik-Werkstatt, womit wir die Brillengläser schleifen, da dachte ich: 'Krass. Da ist einfach nichts mehr übrig'. Und dann kann ich sagen, haben wir alle als Familie einfach nur noch ferngesteuert funktioniert.

Flutgeschichten Kerstin Herter Euskirchen

Wir haben gepumpt und geschippt bis zum Umfallen, tage- und wochenlang. Das ging wie im Zeitraffer. Du hast in den ersten Stunden, Tagen und auch danach einfach kein Zeitgefühl gehabt. Wenn du einen auf der Straße gefragt hättest: 'Was ist heute für ein Wochentag?' – ich bin mir sicher, das hätte dir niemand beantworten können."

"All das, was eigentlich so banal klingt, wünsche ich mir total zurück" Kerstin Herter
Flutgeschichten Kerstin Herter Euskirchen

"Und dann kommt der Moment, an dem du merkst: Okay, es ist alles an Schutt rausgeräumt, was kommt denn jetzt? Lässt sich das finanziell irgendwie stemmen? Macht es Sinn, das wieder aufzubauen? Ich bin wirklich dankbar dafür, dass wir alle leben, dass wir gesund sind, dass wir hier sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wir sind dankbar, dass wir diese Räume noch haben, dass wir nicht komplett abreißen mussten. Und vor allen Dingen sind wir auch dankbar für die vielen helfenden Hände, in welcher Form auch immer.

Du kannst die tollsten Pläne haben, wenn du nicht so viel Unterstützung und so viel Hilfe hast, dann kannst du das nicht stemmen. Und manchmal ist uns das selber unangenehm, weil wir wissen, dass wir diese Hilfe, die wir da bekommen, nie wieder gut machen können. Aber ohne die wäre es einfach nicht machbar, diese Existenz wieder aufzubauen.

Flutgeschichten Kerstin Herter Euskirchen

Wenn ich an Zukunft denke, dann stelle ich mir einfach eine schöne Eröffnungsfeier vor, dass wieder Leben hier einkehrt, dass unser Geschäft wieder lebendig wird, dass die Stadt wieder lebendig wird. Dass auf den Straßen wieder Passanten sind, dass es wieder ein ganz normales Einkaufen gibt. Also all das, was eigentlich so banal klingt, wünsche ich mir total zurück."

Protokoll: Julius Schmidt

Stand: 28.09.2021, 09:45

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