Flutgeschichten Erftstadt-Konradsheim Thomas Neisse

Flut.Geschichten: "Der Zusammenhalt hat Hoffnung gegeben"

Stand: 23.11.2021, 06:00 Uhr

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei Thomas Neisse aus Erftstadt-Konradsheim. Er ist 27 Jahre alt und führt mit seinem Vater einen Landwirtschaftsbetrieb. Die Jahresernte ging verloren, dennoch er half anderen Betroffenen - sein Protokoll.

"Dass wir helfen, stand eigentlich gar nicht in Frage. Alle waren am Helfen und da finde ich das selbstverständlich, dass man auch hilft. Vor allem in so einer Notlage..." Thomas Neisse

"Am 14. Juli hat es bei uns angefangen. Wir haben vorher schon die Wetterberichte beobachtet, da stand dann auf einmal: 50, 70 Millimeter Niederschlag an einem Tag. Da war für uns schon klar, wir müssen bei uns auf dem Hof anfangen, die Pumpen einzuschalten.

Flutgeschichten Erftstadt-Konradsheim Thomas Neisse

Am Donnerstag bin ich dann als erstes durch die Felder gefahren. Man hat schon gesehen, dass die Erft übergetreten ist. Teilweise waren die Flächen komplett unter Wasser. Im Laufe des Tages hat sich dann rausgestellt: Da kommt noch mehr, da kommt noch eine Welle. Und dann war es soweit, dass mehrere Pferdehöfe, auch Bekannte und Freunde von mir, evakuiert worden sind. Zu dem Zeitpunkt haben wir erfahren, dass das hier auf dem Betrieb auch geschehen ist."

"Es ist ja nicht nur die Ernte, die kaputt ist, damit werden wir auch im nächsten Jahr noch Probleme haben." Thomas Neisse

"Wenn man sowas sieht, dann geht einem durch den Kopf: Scheiße, die Arbeit von einem ganzen Jahr ist weg. Du hast nichts davon. Du hast eigentlich nur Verlust gemacht. Wir haben den Dinkel vorher beproben lassen, wir haben eine erhöhte Bleibelastung. Mit drei-, vierfachen Grenzwertüberschreitungen. Die Erbsen konnten gar nicht mehr gedroschen werden, der Mähdrescher wäre dort gar nicht mehr dran gekommen. Alleine bei diesen zwei Kulturen können wir den Schaden auf 40.000 Euro beziffern.

Flutgeschichten Erftstadt-Konradsheim Thomas Neisse

Es ist ja nicht nur die Ernte, die kaputt geht, sondern auf den Flächen, wie zum Beispiel auf der Dinkelfläche, diese Verdichtungen, die das Wasser hervorgerufen hat, damit werden wir auch im nächsten Jahr noch Probleme haben."

"Das ist eigentlich das schönste Gefühl, das man haben kann, in dieser Zeit." Thomas Neisse

"Das ganze Dorf war in Aufruhr. Hier wurden Keller ausgeräumt, Sachen rausgeworfen. Wir Landwirte sind sehr gut vernetzt. Wir haben Whatsapp-Gruppen, in die jeder reinschreiben kann. Wer Hilfe benötigt, der hat sich gemeldet. Und es hat sich immer jemand gefunden, der dann irgendwas organisieren konnte.

Was hat Hoffnung gegeben in diesen Zeiten? Der ganze Zusammenhalt, der wirklich von allen Seiten kam. Ob das jetzt von den Dorfbewohnern war, von den mittelständischen Unternehmen, die hier geholfen haben, Bauunternehmer, Landwirte, Handwerker. Das hat schon Hoffnung gemacht.

Flutgeschichten Erftstadt-Konradsheim Thomas Neisse

Man hat gemerkt, dass die Leute sich bewusst sind, dass hier die Landwirte geholfen haben und auch dankbar dafür sind. Nach der Flut haben die Anwohner, denen wir Sandsäcke verteilt haben, im Feld ein riesiges Plakat aufgehangen mit der Aufschrift "Dankeschön" und einem riesigen Herz.

Man nimmt das mit der Flut dann einfach so hin und muss das Beste draus machen. Wenn man ein "Dankeschön" bekommen hat, in welcher Form auch immer, ob mit einem Fest oder mit Spenden oder sonst irgendwas, ist das natürlich erstmal ein schönes Gefühl. Auch dass man anderen helfen konnte. Das ist eigentlich das schönste Gefühl, das man haben kann, in dieser Zeit."

Flutgeschichten Erftstadt-Konradsheim Thomas Neisse

Protokoll: Julius Schmidt

Aktuelle TV-Sendungen