Flut.Dok Thorsten Gottschalk aus Euskirchen

Neustart nach der Flut: "Ehrenamt ist auf jeden Fall erforderlich. Jederzeit. Überall."

Stand: 19.04.2022, 09:41 Uhr

In unseren Beiträgen "Flut.Dok - Alles anders" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern, wie sich ihr Leben nach dem Hochwasser verändert hat.

Heute sind wir bei Thorsten Gottschalk aus Euskirchen. Er ist selbst von der Flut betroffen und schläft immer noch in einem Wohnwagen. Eine belastende Situation, in der er und seine Familie - inklusive der 10-jährigen Stieftochter - für sich entdeckt haben wie gut es tut, ehrenamtlich zu helfen. Nicht nur den immer weniger beachteten Flutopfern im Baustoffzentrum Erftstadt, sondern auch Geflüchteten aus der Ukraine. Seine Erzählung über die grenzenlose Hilfsbereitschaft.

"Warum wir hier sind? Um anderen Menschen zu helfen. Ganz einfach." Thorsten Gottschalk

"Hier geht es um Baustoffe für Flutopfer, die alles verloren haben. Die keine Versicherung haben, deren Häuser kaputt sind. Die können hierhin kommen und sich die Baustoffe holen.  Dann gehen wir durch die Hallen durch und suchen uns die Sachen zusammen – sofern wir sie da haben. Wir haben nicht immer alles da und auch nicht in den Mengen.

Thorsten Gottschalk Baustoffzentrum Erftstadt

Aber die Leute fahren dann wieder glücklich nach Hause, weil sie dann weiter renovieren können. Und dann kommt der Nächste. Warum wir hier sind? Um anderen Menschen zu helfen. Ganz einfach. Wir kommen ein bisschen raus, dann hast du diese Enge nicht. Das tut uns einfach gut."

"Es ist einfach ein geiles Gefühl, muss ich sagen" Thorsten Gottschalk

"Darum machen wir das auch weiter und investieren unheimlich viel Zeit hier rein. Du kommst zwar abends nach Hause, manchmal erst um Viertel nach neun. Um halb zehn gehen wir regulär ins Bett, wir müssen ja morgens um vier Uhr aufstehen. Meine Frau arbeitet in Euskirchen und fährt da Behinderte zur Schule morgens. Aber ist einfach ein geiles Gefühl. Muss ich einfach sagen, ja. 

Thorsten Gottschalk Baustoffzentrum Erftstadt

Meine Frau und die Kleine sitzen hinten in einer Halle und kümmern sich um die Spendenannahme für die Ukraine. Die Kleine fährt ein bisschen mit dem Rollstuhl durch die Gegend und kann auch ein bisschen laufen."

"Sie kann denen was Gutes tun. Und das ist das, was sie motiviert, viermal die Woche hierhin zu kommen und mitzuhelfen." Thorsten Gottschalk

"Kim ist auf einer Schule für lernbehinderte Kinder, körper- und geistig behinderte Kinder. Da nehmen die das Thema Ukraine durch. Weil viele erkennen: Da passiert was, da greift einer den anderen an. Krieg. Die Leute flüchten.

Thorsten Gottschalk Baustoffzentrum Erftstadt

Sie hat das mit der Ukraine gesehen und hat gemerkt: Ich kann den Leuten helfen, indem ich denen Sachen packe und das wird dann dahin geschickt. Sie kann denen was Gutes tun. Und das ist das, was sie motiviert, viermal die Woche hierhin zu kommen und mitzuhelfen."

 "Ehrenamt ist auf jeden Fall erforderlich. Jederzeit. Überall."

"Mit den anderen Leuten, die hier arbeiten, geht sie mit. Die kennen Kim mittlerweile und fragen nach ihr. Die ist wie so ein Zugpferd. Da geben die Leute nochmal extra Gas. Weil es einfach Spaß macht der Kleinen zuzusehen. Die reißt was, die rockt was.  

Flut.Dok Thorsten Gottschalk aus Euskirchen

Und das ist das, was für uns zählt gerade. Weil zuhause können wir nichts tun. Da sitzen wir nur mit verbundenen Händen rum, wie gefesselt. Ehrenamt ist auf jeden Fall erforderlich. Jederzeit. Überall. Du kommst raus und kannst was Gutes tun."

Protokoll: Julius Schmidt

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