Flut.Geschichten: "Lassen Sie den Katastrophenfall ausrufen!"

Flutgeschichte Altenahr Bürgermeisterin Cornelia Weigand

Flut.Geschichten: "Lassen Sie den Katastrophenfall ausrufen!"

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei der Cornelia Weigand, der Bürgermeisterin von Altenahr. Sie sorgte sich während des Hochwassers um das Leben der Bürgerinnen und Bürger - ihr Protokoll.

"Ab dann war an dem Abend nur noch Funktionieren angesagt." Cornelia Weigand

"Ich bin Atheistin, aber ich hab als einer der letzten Aktionen, bevor ich aus dem Rathaus rausgegangen bin, unseren Pfarrer hier angerufen und gesagt: 'Bitte beten Sie für unsere Menschen!'

Ich war am frühen Nachmittag nochmal kurz zu Hause, hab was gegessen, und bin dann in unsere Einsatzleitzentrale gefahren. Unser Jahrhunderthochwasser vor fünf Jahren, lag im Pegel Altenahr bei 3,71 Meter. Und als ich dann in dieser Zentrale war, haben wir uns die Prognosen angeschaut und in der Zeit ist die Prognose hochgegangen - auf 5,50 Meter. Dann haben wir uns gesagt: 'Das müssen wir auf jeden Fall ernst nehmen!' Irgendwas ist passiert, dass sie den Wert hochsetzen mussten.

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Und dann war nur der Hinweis von meinem stellvertretenden Wehrleiter: 'Frau Weigand, lassen Sie den Katastrophenfall ausrufen!' Ab dann war an dem Abend nur noch Funktionieren angesagt und schauen: Was kann man denn überhaupt noch machen? Anrufe entgegennehmen, dann fingen die ganzen Netze an zu brechen - und dann war der Strom irgendwann weg."

"Teilweise liege ich wach, teilweise ist es dann ganz traumlos, teilweise sind das Alpträume." Cornelia Weigand

"Es war schon klar, es muss katastrophal sein! Wir hatten schon ganz viele Hilferufe von Leuten, die eingeschlossen waren, die sich immer weiter Richtung Dach hochgekämpft haben, teilweise schon auf den Dächern saßen. Und dann kam abends auf einmal noch eine Pegelprognose - da stand dann sieben Meter. 

Flutgeschichte Altenahr Bürgermeisterin Corneia Weigand

An einer bestimmten Stelle kriegst du dann mit: Es sind immer noch keine Hubschrauber im Anflug und die Hilferufe kommen überall rein. Die Befürchtung, dass diese Katastrophe Menschenleben gekostet hat, die ist natürlich von Anfang an da gewesen. Weil wir wussten, dass viele Menschen in der Nacht Hilferufe abgesetzt hatten.

Die ersten Stunden, die ersten Tage, auch eigentlich die erste Woche hat immer nur in dem Fokus gestanden: zu retten und zu bergen. Teilweise liege ich wach, teilweise ist es dann ganz traumlos, weil sich da noch gar keine Bilder bahnen, teilweise sind das Alpträume. Jede Nacht ist anders."

"Das wird große Narben hinterlassen! Und die werden uns, die wir das erlebt haben, bis an unser Lebensende begleiten." Cornelia Weigand

"Als ich danach das erste Mal in einem Auto saß und in einen Ort gekommen bin, der kein Wasser gesehen hat, wo einfach Alltag war, da dachte ich: Das geht nicht. Wieso? Da ist ja normales Leben hier. Das ist doch pervers! Das fühlt sich völlig surreal an, dass jemand einfach in einem Café sitzen kann – und bei uns gibt´s noch nicht mal eine Straße dahin.

Flutgeschichte Altenahr Bürgermeisterin Corneia Weigand

Auf einmal gibt es so Momente im Alltag, die bringen schlagartig das Ausmaß der Situation bis ins tiefste Innere und dann ist auf einmal dieses Gefühl da. Das zieht wahrscheinlich den meisten die Füße weg. Und deswegen versuche ich auch immer wieder so gut wie möglich einfach zu funktionieren und das nicht an mich ranzulassen. Weil, wenn die Dämme brechen:Wie kriege ich die wieder gestopft? Ich weiß es nicht.

Flutgeschichte Altenahr Bürgermeisterin Corneia Weigand

Was hier passiert ist, sind große, große Wunden und die werden große Narben hinterlassen! Und die werden uns, die wir das erlebt haben, bis an unser Lebensende begleiten. Es ist alles weg, aber wir leben noch! Wir leben noch! Das können wir leider nicht mit allen teilen, aber mit ganz vielen."

Protokoll: Julius Schmidt

Stand: 14.10.2021, 16:00

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