Flut.Geschichten: "Man hat seine Heimat, die gibt man nicht auf"

Flutgeschichten - Ahrweiler Nora Nechad

Flut.Geschichten: "Man hat seine Heimat, die gibt man nicht auf"

In unseren "Flut.Geschichten" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern ihre Probleme und Gedanken, die nach dem Hochwasser entstanden sind.

Heute sind wir bei Nora Nechad in Ahrweiler. Sie ist 32 Jahre alt, verheiratet und zweifache Mutter. Sie brachte sich mit ihren Kindern und der Schwiegermutter über den Balkon der Nachbarn in Sicherheit - ihr Protokoll.

"Dieser Moment war total angsteinflößend" Nora Nechad
Flutgeschichten - Ahrweiler Nora Nechad 3

"Ich habe in dem Moment einfach nur funktioniert. 'Hauptsache, den Kindern passiert nichts' war mein erster Gedanke und alles andere ist unwichtig.

Es hat im Grunde den ganzen Tag geregnet, ich kam von der Arbeit. Dann hat sich die Lage ein bisschen mehr zugespitzt. Man hat mitbekommen, dass viele Leute ihre Autos wegfahren. Parallel dazu kam der Vermieter von meinem Mann - der hatte ein Büro in Bad Neuenahr - und sagte, dass das Büro schon unter Wasser steht.

Flutgeschichten - Ahrweiler Nora Nechad 4

Dann habe ich gesagt: "Fahr´ rüber! Guck, ob du noch was retten kannst." Ich bin dann schnell zu den Kindern und meiner Schwiegermutter nach Hause gerannt. Da stand das Wasser hier unten in der Straße schon. Dann kam es zur Tür rein. Dieser Moment war total angsteinflößend natürlich, dann habe ich gesagt: "Okay, wir nehmen die Kinder und gehen ab nach oben ins erste Geschoss, dass wir da einigermaßen sicher sind."

"Für die Kinder spielt man den Superhelden" Nora Nechad

"Das erste Mal richtig Panik habe ich bekommen, als die Feuerwehr sagte ich müsse zusehen, dass ich mit den Kindern aufs Dach komme. Das war für mich ein Punkt, wo ich gedacht habe: ´Jetzt brauche ich Hilfe, es muss mich hier einer rausholen´, weil ich wusste, wir haben ein Flachdach. Und wie soll ich mit zwei kleinen Kindern und meiner Schwiegermutter aufs Dach kommen?

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Flutgeschichten - Ahrweiler Nora Nechad 2

Meine Schwiegermutter hat mir geholfen, aber sie hatte wirklich sehr Angst. Sie ist mit dem Kleinen auch umgekippt und hatte einen kleinen Nervenzusammenbruch. Dann musste ich gucken, dass ich sie wieder auf die Beine kriege. Und für die Kinder spielt man den kleinen Superhelden. Ich habe gesagt: "Wir machen jetzt ein bisschen Musik und eine kleine Party". Es gab erstmal Schokolade und dann habe ich versucht, dass es ein tolles Abenteuer ist und dass das irgendwie lustig für sie wird.

Mein Mann ist noch zur Feuerwehr hin und hat gesagt: "Meine Frau ist mit zwei Kindern und meiner Mutter noch im Haus", aber die meinten: "Es tut uns Leid, wir können für ihre Familie nichts mehr tun".

"Man hat hier seine Heimat, seine Familie und Freunde" Nora Nechad

"Wie viel Zeit haben wir noch? Haben wir fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde? Dann ist mir eingefallen: ´Ich kann über unser Badezimmerfenster auf den Balkon von den Nachbarn. Also habe ich einfach eine Scheibe bei denen eingeschlagen. Die hatten bodentiefe Fenster und ich habe dann die Kinder und meine Schwiegermutter rübergeholt in das Haus der Nachbarn, weil die noch ein Geschoss mehr haben. Dann habe ich gedacht: ´Da oben sind wir hoffentlich erstmal für eine Zeit lang sicher´. Ich hatte wirklich nur im Kopf: Wie kann ich die Kinder hier irgendwie retten?

Man kommt gar nicht dazu, über alles richtig nachzudenken. Die erste Woche waren wir nur damit beschäftigt, anzupacken, aufzuräumen, alles zu beseitigen. Man hat hier seine Heimat, seine Familie und Freunde, die gibt man nicht auf! Gott sei Dank kommt Motivation von außerhalb. Viele Freunde, freiwillige Helfer, Fremde, die überall helfen - die motivieren zu sagen: ´Okay, man baut wieder auf, dass die Heimat wieder ein Stück weit so wird wie sie war.

Protokoll: Julius Schmidt

Stand: 17.09.2021, 06:00

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